Volker Vyskocil: VA aus Meisterhand

Die Fachwelt staunte nicht schlecht, als Volker Vyskocil seine V-30/45-01-A der Öffentlichkeit vorstellte. Höchste Weihen erhielt der eigenwillige Künstler durch die Aufnahme in einen der begehrtesten Uhrmacher-Zirkel der Welt, die AHCI (Académie horlogère des créateurs indépendants) oder zu deutsch “Akademie selbständiger, schöpferisch tätiger Uhrmacher”.

 

 

Die Revolution findet im Inneren statt und kündigt sich außen an. Die Position der Krone auf Position vier, die Sekunde bei neun und die Gangreserve findet sich auf Position fünf.

 
 

Dies muss dem Laien noch keine Frage nach Sinn und Zweck entlocken, sind doch alle wichtigen Funktionen einfach abzurufen. Nun ist die VA von Vyskocil nicht unbedingt ein Kunstwerk, das den gemeinen Uhren-Käufer anlockt. Jäger und Sammer seltener Werke horologischer Kunst sind da schon eher die passende Klientel. Und die interessiert der Preis am Rande. Die Technik, durch die Glasscheibe der Rückseite sichtbar, ist da eher das entscheidende Motiv.
Die Konzeption von Vyskocil zählt zu den spektakulärsten der letzten Jahre. Mut, Leidenschaft, Hartnäckigkeit und Kompetenz sind die Eckpfeiler, auf denen der 41-jährige in seinem kleinen Atelier eine vollkommen neue Uhr konstruiert hat und dabei nur ein einziges Ziel verfolgte, das nur der Künstler selbst einwandfrei formulieren kann: “Ziel bei der Schaffung der V-30/45-01-A war es, einem sehr anspruchsvollen Harmonieempfinden gerecht zu werden. Einem Harmonieempfinden, das die komplette Neukomposition einer Uhr auf der gesamten Bandbreite ihres Daseins nötig werden ließ. Eine Komposition, die in dieser Klangfülle sicherlich einzigartig ist.”

  

Die Rückseite offenbart die technische Revolution. Vyskocil, ein Verehrer von Abraham-Louis Breguet, der mit seiner “Marie Antoinette” einen Meilenstein komplexer Uhren konstruierte, ließ sich bei der Konstruktion nicht nur von praktischen Motiven leiten. Entgegen aller zeitgenössischer Praxis verzichtete Vyskocil auf kleine Komponenten. Was vor 50 Jahren als technische Notwendigkeit im Gehäuse aller Armbanduhren Einzug hielt, wurde vom findigen Horologen ad akta gelegt. Er setzte eine große Unruh und ein großes Federhaus in seine VA. Der Schönheit wegen. Außerdem lassen sich große Bauteile wesentlich besser handwerklich bearbeiten.
Die Eigenwilligkeit und Genialität Vyskocils setzt sich im Aufbau des Werkes fort. Zeitumstellung und verschiedene Zeitzonen erfordern eine separate Verstellung der Stunde. Vyskocil machte einen zusätzliche Drücker überflüssig, indem er die Krone mit einem Hebel und einem Dopelzahnrad versah. Die Neuerung taufte der Künstler “Stundenverstellung nach Vyskocil”.

Interview mit Volker Vyskocil
Exclusive-Life: Wofür steht die Bezeichnung “V-30/45-01-A”?
Vyskocil: V steht für Vyskocil. 30 ist der Werkdurchmesser in mm, 45 ist die Werkhöhe in 1/10 mm (also 4.5mm)
01 ist der Revisionsstand (wenn also eine grundlegende Verbesserung stattfindet, dann wird es die 02 u.s.w)
A Ist die Ausbaustufe. Wenn ich z.B. mal eine Uhr mit einem Datum kreiere, dann wird es vielleicht die B.
EL: Planen Sie der Uhr einen “normalen, herkömmlichen” Namen zu geben?
Vyskocil: Nein und Ja…
Ja, weil: Er wird dadurch etwas normaler, indem er auf “VA” gekürzt wird. Die Bezeichnung “V-30/45-01-A” bleibt dem Uhrwerk, dem Kaliber, vorbehalten. Nein, weil: Ein Namen wie z.B. “DaVinci” würde der Uhr zwar eine Aura verleihen. Er würde der Uhr einen Bezug geben. Einen Bezug, mit dem die meisten Menschen etwas Positives verbinden. Und dieser Bezug würde wiederum positiv auf die Uhr zurückstrahlen. Sicherlich etwas, von dem viele Marken dieser Zeit leben. Zu Recht. Bei der VA gehe ich den steinigen Weg. Wozu sich großer Namen bedienen? Wozu eine Brücke in die Vergangenheit schlagen (Dies vor Allem unter dem Aspekt, wenn diese nur an imaginären seidenen Fäden herbei zu holen wären)? Nein, denn der der eine VA am Handgelenk trägt, weiß, dass sich ihm hinter dem Namensschild “VA” der Eingang in eine einzigartige und eigenständige Welt der Mechanik offenbart. (Es ist vielleicht so etwas wie eine geheime Signatur am Eingang in diese verloren geglaubte Welt…)
EL: Sie schreiben auf Ihrer Website: “Die Feinreglage – obwohl eigentlich überflüssig – gibt dieser Uhr ein Stück mehr Seele. Sie ist ein Bindeglied in die Vergangenheit.” Haben Uhren aus der heutigen Zeit/der Moderne für Sie keine Seele? Bzw. wodurch werden Ihrer Meinung nach Uhren “beseelt”?
Vyskocil: Ich denke, dass durchaus einige mechanische Uhren der heutigen Zeit eine Seele haben. Doch was ist es, das eine Uhr beseelt? Eine schwierige Frage. Nehmen wir z.B. ein “ETA-Kaliber” aus heutiger Produktion. Diese Werke sind technisch hervorragend ausgereift. Jedes Detail ihrer Mechanik ist auf maximale Leistung in den Grenzen “Lebensdauer” und “Herstellkosten” getrimmt. Eine Seele hat dort keine Lebensberechtigung. Viele Firmen kaufen nun “ETA Kaliber” und versuchen ihnen durch gebläute Schrauben und einem Genfer Schliff, Seele einzu hauchen… Oder es wird eine Gravur angebracht, der Rotor verziert u.s.w …
Also ich glaube, es ist ein gewisser Schlenker in der Geradlinigkeit hin zur optimalen technischen Lösung. Und der Schwung und die Weite dieses Schwenkers macht die Handschrift des Künstlers aus, der die Uhr geschaffen hat. Vielleicht ist dies der Akt des Beseelens.
EL: Sie sind ja von Berufs wegen Diplomingenieur und hatten mit Maschinenbau zu tun. Was hat Sie dazu bewogen, eine Uhr zu konzipieren? Wodurch erhielten Sie die “Initialzündung”?
Vyskocil: Die Initialzündung ereignete sich in meiner frühen Jugend (ich war vielleicht 8). Ich sah eine Fernsehsendung, die die Geschichte alter Forscher zum Thema hatte. Es hat mich unglaublich fasziniert, wie sie mit Ihren Wissenschaftlichen Instrumenten (Mikroskope, Teleskope, Sechstanten …) hantierten, wie sie Versuchsreihen aufstellten, alles dokumentierten u.s.w….
Mir war klar, dass diese Zeit lange vorbei war. Aber dennoch. In der mechanischen Uhr lebte ein Stück dieser Tradition weiter. Doch als ich 16 Jahre war, da schien es, als läge auch diese Tradition im Sterben. Die Quarzuhr schickte sich an, diese abzulösen. Jeder riet mir davon ab, eine Lehre als Uhrmacher zu beginnen.
Also versuchte ich es anders. Ich begann mein Studium des Allgemeinen Maschinenbaus, mit dem Ziel, nach absolviertem Vordiplom nach Stuttgart zu wechseln, um dort Feinwerktechnik zu studieren. Doch es kam anders. Ich blieb beim Maschinenbau hängen und machte dort mein Diplom. Das ist der eine Weg meiner Laufbahn. Dazu gibt es aber einen zweiten, einen mehr oder weniger parallelen. Er beginnt ebenfalls mit der gleichen “Initialzündung”. Führt vorbei an vielen langen Abenden des Studiums alter Bücher über die Uhrmacherei, vorbei an alten defekten Taschenuhren. Der Anfertigung einzelner Bauteile, dem Planen neuer Uhren. Bis sich schließlich die beiden Wege vor ca. 5 Jahren wieder schnitten, um dann als ein großer Weg, mein Leben zu bestimmen.
EL:Sie haben über einen “Internet-Kontakt” eine Uhr bereits nach USA verkaufen können. Rechnen Sie damit, dass das Medium Internet geeignet ist, hochwertige Sammlerstücke wie Ihre Uhr erfolgreich zu vermarkten?
Vyskocil: Das kann ich noch nicht sagen. Es ist sicherlich so, dass die Menschen, die sich für meine Uhr interessieren, hochrangige Experten sind. Sie wissen sehr genau, was sie wollen und sind sehr kompetent. Auch stehen viele in Kontakt zueinander. Dennoch glaube ich, dass “das in der Hand halten” der Uhr nicht über das Internet zu realisieren ist. Ob es dazu ausreicht, auf Messen in Basel oder Singapur vertreten zu sein?

Die Fakten:
Gehäuse Durchmesser 38 mm
Höhe 9,95 mm
Zifferblattseite Saphirglas, gewölbt
Werkseite Saphirglas, flach
Materialien Gelbgold, Roségold, Weißgold und Platin
Werk Bezeichnung V-30/45-01-A
Aufzug von Hand
Gangreserve 40h
Durchmesser 30 mm
Höhe 4,50mm
Halbschwingungen 19800 A/h = 2 3Ž4 Hz
Hemmung Schweizer Ankergang
Federhausdurchmesser 13,9mm (Teilkreisdurchmesser)
Unruhdurchmesser 13,85mm
Kronenfunktionen
Position 0 Aufzug
Position I Stellen der Stunde (auf volle Stunden rastend)
Position II Stellen von Stunde und Minute, Minute rastend
Position III Sekundenstop
Zifferblatt
Farbe Schwarz / Weiß
Indikationen Stunden, Minute aus dem Zentrum
Sekunde bei der 9
Gangreserveanzeige bei der 5
Anzeige der Stellung der Aufzugkrone
Band
Material Leder
Grösse 20/18

Text und Interview: Ralf Bernert
Fotos: Volker Vyskocil