The Whisperer

Finishing

Die Zukunft?

Fotos: Rolls-Royce Motorcars

Spirit of Ecstasy

Die Geschichte der berühmtesten Kühlerfigur

Erzählt von Klaus-Josef Roßfeldt

Im Jahr 2011 feiert die „Spirit of Ecstasy“ ihren 100. Geburtstag. Der Bildhauer Charles Sykes schuf die Kühlerfigur, die ab 1911 zunächst als Zubehör und in späteren Jahren serienmäßig für alle Rolls-Royce angeboten worden ist. Der Künstler war mit dem Chefingenieur F. Henry Royce ebenso befreundet wie mit anderen führenden Persönlichkeiten der Automobilszene im Vereinigten Königreich. Ihm gelang es, mit der Figur von zeitloser Schönheit ein Markenzeichen zu schaffen, dass sich über die Jahrzehnte als eines der bekanntesten Merkmale etablierte, die mit Rolls-Royce in Verbindung gebracht werden. Dazu mag beigetragen haben, dass mit der Entstehung eine tragische Liebesgeschichte verbunden ist – und ebenso die unprätentiöse Bezeichnung „Emily“, wie sie bei den Enthusiasten eher verbreitet ist als „Spirit of Ecstasy“.

Die Schaffung des kleinen Kunstwerks ruft eine große Liebe in Erinnerung, die keine Erfüllung fand. Für die prachtvolle Kühlerfigur stand eine Frau Modell, der das Leben betörende Schönheit, Geist und Esprit geschenkt hatte – aber nicht den gesellschaftlichen Rang, der die Heirat mit dem Mann erlaubt hätte, dem sie und der ihr in Liebe verbunden war.

Die Rede ist von Eleanor Velasco Thornton, deren Liaison mit John Walter Edward-Scott-Montagu (er wurde ab 1905 der 2. Lord Montagu of Beaulieu) nur deshalb nicht zum Thema in den Salons wurde, weil beide die Kunst der Diskretion beherrschten. John Scott, der erst nach dem Ableben seines Vaters den Peerstitel erbte, war einer der Pioniere auf dem Automobilsektor in England. Seit 1902 gab er die Autoillustrierte „The Car“ heraus. Eleanor V. Thornton galt als seine Sekretärin. Den Freunden des Paares war das Verhältnis nicht verborgen geblieben, aber sie waren großherzig genug, sich über die Standesregeln der Zeit hinwegzusetzen.

Zum Freundeskreis zählte der Bildhauer Charles Sykes. Auf Wunsch von Lord Montagu fertigte er eine spezielle Kühlerfigur für dessen Rolls-Royce Silver Ghost. Die Figur stellte eine junge Frau im wehenden Gewand dar, die einen Zeigefinger auf die Lippen gelegt hatte, als wolle sie andeuten „Psst, kein Wort über unsere Liebe“. Als Modell für diese Statuette, die den Namen „The Whisper“ erhielt, hatte dem Bildhauer nämlich Eleanor V. Thornton gedient. Lord Montagu hatte auf noble Weise eine Zeitströmung aufgegriffen; es war Mode geworden, auf die Kühler von Automobilen Kühlerfiguren zu setzen. Das Haus Rolls-Royce mußte erfahren, dass andere Besitzer eines Wagens dieser Marke mit profanen oder gar frivolen Kühlerfiguren der neuen Mode mit weniger Stil folgten.

Umgehend wurde an Charles Sykes die Aufgabe herangetragen, eine Kühlerfigur zu schaffen, die hinfort jeden Rolls-Royce zieren sollte. Im Februar 1911 stellte er die „Spirit of Ecstasy“ vor, in der jeder Kenner eine nur geringfügig abgewandelte Form von „The Whisper“ erkennt. Die Ähnlichkeit ist nicht zufällig, denn Modell gestanden hatte für die eine wie für die andere Eleanor V. Thornton.

Die Spirit of Ecstasy war ab Werk zu jedem Rolls-Royce als Zubehör lieferbar – erst viele Jahre später wurde sie nicht mehr als Extra berechnet, sondern als Standard auf den Kühler montiert. Jede einzelne Statuette entstand von Hand. Der Guß erfolgte nach dem jahrtausendealten Prinzip der verlorenen Form. Bei dieser, korrekt als Wachsausschmelzverfahren bezeichneten Methode muß die Gußform zerstört werden, um das Gußstück zu erlangen. Hier liegt die Erklärung, warum niemals eine Figur der anderen exakt gleicht. Charles Sykes, assistiert von seiner Tochter Jo, blieb bis zum Jahre 1948 für die Anfertigung der Spirit of Ecstasy verantwortlich. Jedes der Unikate trägt seine Signatur im Sockelbereich. Die Skulpturen sind signiert entweder mit „Charles Sykes, February 1911“ oder gelegentlich „“Feb 6, 1911“ oder „6.2.11“. Auch nachdem Rolls-Royce ab 1948 selbst die Figuren goß, erhielten sie zunächst, das heißt bis zum Jahre 1951, noch diese Signatur.

Von 1911 bis 1914 wurde die Spirit of Ecstasy galvanisch versilbert und daher rührt die oft geäußerte Vermutung, es handle sich um ein Stück aus Edelmetall – ein maßgeblicher Grund für die häufig beklagten Diebstähle. In etwas kleinerer Version behauptete die Kühlerzierde ihren Platz auf allen Rolls-Royce einschließlich der derzeitigen Modellreihe. Diverse Änderungen blieben nicht ausgeschlossen. Mit tadelnswertem Modernismus, wie Puristen beklagen, wurden die Kühlerfiguren für die im US-Werk in Springfield gebauten Rolls-Royce modifiziert. Dank stärkerer Vorbeugung stellten sie keine Gefahr mehr für die Motorhauben dar. Beim Öffnen stießen deren Kanten nämlich gegen die Flügel, falls die Figur nicht vorher zur Seite gedreht worden war.

Keine Begeisterung für die geflügelte Dame auf dem Kühler brachte F. Henry Royce auf, der sie für eine modische Applikation hielt und mäkelte, sie störe die glatte Linie des Wagenbugs. Der Auftrag für die Schaffung der Skulptur war ergangen während der krankheitsbedingten Abwesenheit des Chefingenieurs.

In der Folge wurden die von F. Henry Royce benutzten Rolls-Royce zwar nicht immer, aber häufig ohne Kühlerfigur gefahren. Aber die kleine Statuette erweichte im Laufe der Zeit auch das Herz des großen Ingenieurs. Als zu Beginn der dreißiger Jahre mit der neu eingeführten Karosserieform des Sports Saloon die Bauhöhe der Karosserien geringer wurde, ging von F. Henry Royce die Anregung aus, eine niedrigere Ausführung der Spirit of Ecstasy zu schaffen, die dem Fahrer beste Sicht gewähren sollte auch bei niedrigerer Windschutzscheibe und tieferer Sitzposition. Charles Sykes schuf eine knieende Version, die diesen Anspruch erfüllte. Signiert mit „C. Sykes, 26.1.34“ gab die Inschrift auf dem Sockel der Figur den Tag der Vollendung des ersten Stückes an.

Die knieende Version wurde auch für die nach dem II. Weltkrieg neu geschaffenen Modelle, den Rolls-Royce Silver Wraith und den Rolls-Royce Silver Dawn, beibehalten. Bei den folgenden Modellen von Rolls-Royce hingegen fand sich überwiegend eine stehend ausgeführte Kühlerfigur, die aber im Vergleich zum ursprünglichen Modell in der Größe deutlich reduziert worden ist. Nur noch selten wird der Name mit Spirit of Ecstasy richtig angegeben – Spötter behaupten, dies geschähe nur noch im Rolls-Royce Werk in Crewe. Der Kosename „Emily“ hat sich durchgesetzt und die amerikanischen Vettern sprechen von der „Silver Lady“ oder „Flying Lady“. Mit einer in Gold ausgeführten Spirit of Ecstasy hatte sich Rolls-Royce in 1920 an einem Wettbewerb in Paris beteiligt, bei dem die schönste Kühlerfigur der Welt gesucht wurde. Die von Rolls-Royce ausgestellte Figur errang den ersten Platz.

Von diesem Zeitpunkt ab waren vergoldete Ausführungen der Spirit of Ecstasy ab Werk – gegen Aufpreis – erhältlich. Sicherheitsbestimmungen einiger Länder erwiesen sich als Hindernis für die Spirit of Ecstasy. Sie wurde als scharfkantig aus der Karosserie herausragendes Teil qualifiziert, das im Falle eines Unfalles Verletzungsgefahr berge. Die Montage der Figur auf den Kühlern von Rolls-Royce wurde mit dieser Begründung in der Schweiz in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre untersagt. – Käufer eines neuen Rolls-Royce bekamen sie als Zugabe ins Handschuhfach gelegt. Mit der Serie der Rolls-Royce Silver Spirit und Rolls-Royce Silver Spur wurde das Problem aus der Welt geschafft. Die Spirit of Ecstasy wird bei der geringsten Berührung mitsamt der Trägerplatte in den Kühler hineingezogen und verschwindet. Den Sicherheitsvorschriften war damit Genüge getan.

Die Frau, nach deren Bild die Kühlerzierde geformt wurde, hat den Erfolg der Statuette nicht erlebt. Eleanor V. Thornton starb am 30. Dezember 1915, nachdem der Dampfer SS Persia von einem deutschen U-Boot im Mittelmeer auf der Höhe von Kreta torpediert wurde. Sie hatte Lord Montagu of Beaulieu begleitet, der ein neues Kommando in Indien hatte antreten sollen.