Rolls-Royce Wraith: Der gute Elf

Eine bessere Probefahrt kann man nicht machen. Der neue Rolls-Royce Wraith wird seit heute auf dem Genfer Salon präsentiert und fährt schon durch den Kopf.
Exclusive-Life hat eine erste Ausfahrt mit dem frischen Geist aus Goodwood unternommen.

 

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Da steht er, eingezäumt wie ein Rennpferd. Damit er nicht wegläuft oder gar entwendet wird. Ein paar Minuten haben wir Zeit, Augen zu und durch. So fährt sich der Rolls-Royce Wraith aus Goodwood.

Die erste Probefahrt findet immer im Kopf statt. Man nähert sich dem Wagen, aus hundert Metern werden zehn, der Wagen wächst, Konturen werden klarer, Symbole entstehen, die Hand spürt den wuchtigen Türöffner. Das Spiel der einzelnen Glieder des Wagens wird deutlich. Lange Motorhaube – kurzes Heck. Ein Coupé. Über fünf Meter lang, das Dach endet ohne Unterbrechung am Ende des Wagens. Die Dame ganz weit vorn bittet zum Tanz.

Strassen entstehen, Kurven, Geraden, drum herum Landschaften, Täler, Berge mit Serpentinen darauf. Dann Häuserschluchten, ganz weit unten kleine Laternen, die die Spur zeigen. Keine Ampeln, keine Staus, keine Uhr.

Die Synapsen arbeiten, fügen Bilder zusammen, Kopf und Bauch reden miteinander. Vorfreude, Stolz, Spannung. Der Wagen dehnt sich, zieht sich wieder zusammen. Proportionen zeigen sich. Die lange Tür gibt den Weg frei, der Beifahrersitz bleibt leer, vorerst. Die kleine Reisetasche liegt im Kofferraum. Im Kopf sind Routen unwichtig. Fahren, egal wohin.

Die Tür schliesst, leise ohne Mühe. Soft-Close. Wie im Grand Hotel, man checkt aus, steigt ein und der Doorman drückt die Tür ins Schloss, als wäre sie aus Zucker. Fffffffft. Draußen bleibt draußen. Der Motor startet per Knopfdruck. Kein Anlasser, kein Zündfunke, keine Umdrehungen. Ein Dutzend Zylinder und kein Mucks. Wie ein Elektroauto.

Am Volant, das sich anfühlt wie die schlanken Finger einer schönen Pianistin, bleiben beide Hände haften. Das Fenster davor gibt den Blick frei, vielleicht eine Küste mit kleinen Schaumkronen, oder ein Bergmassiv mit Zuckerhüten. Hinter dem Steuer verbirgt sich ein kleiner Hebel, wie früher, als man die rechte Hand noch nicht automatisch auf die Mittelkonsole legte. Zurück ziehen, nach oben führen und in dem kleinen Fenster unter dem Rundinstrument wird der Buchstabe D erleuchtet. Die Feststellbremse lösen und der Wraith bewegt sich.

Nach der ersten Kurve taucht die Corniche auf. Links das Meer, weiter vorn kleine Buchten mit kurzen Stränden. Die erste längere Gerade ist die Startbahn für ein Überholmanöver, das Coupé hebt leicht den Kopf und strebt davon, der Überholte verschwindet schnell im Rückspiegel. Einen Augenblick später verwandelt sich die Küstenstrasse in eine zweispurige Bahn ohne Tempolimit. 250 km/h mit Leichtigkeit, die Technik des Rolls-Royce hat den Wagen in einen rasenden Geist verwandelt. Die Landschaft fliegt vorbei, immer noch lautlos, immer noch kein Mucks.

Rechts raus, Lust anhalten. Umschauen, die Augen laufen mit den Fingerkuppen im Gleichschritt. Leder, Holz, Nähte, ein Firmament am helllichten Tag. Eine feine Uhr mit Namen: Wraith. Wenige Knöpfe, Schalter oder Regler. Als wüsste der Wagen selbst am besten, wie er sich einstellen soll. Die beiden hinteren Sitze bleiben zu oft ungenutzt. Coupés sind für Paare. E-Mails checken, das Facebook fährt mit. Wraith? Ein Geist. Manche meinen, ein Wraith könne eine bedrohliche Erscheinung sein, man liest auch von Dunkelheit. Das Gegenteil ist wahrscheinlicher. Der Umgang mit diesem Elf der modernsten Art weckt positive Assoziationen.

Irgendeine Metropole wird zum Spielplatz. Andere Autos stehen nebenan, Köpfe drehen sich, Augenbrauen werden bewegt. Der Wraith ist ein rares Gut. Ein Fastback mit Wucht. Wieder auf der Autobahn, der Beschleunigungsstreifen und die linke Spur bringen alle acht Gänge ins Spiel. Mehr als zwei Tonnen laufen rhythmisch und mit der Kraft von mehr als 600 Pferden. Man stelle sich eine Kutsche vor, ein 632-Spänner.

Die Ausfahrt endet im Jahr 1938. Ein Wraith wird berühmt. Für seine feine Technik, seine Laufruhe, seine Exklusivität und seine Eleganz. Seine Geschichte endete zu schnell. Der neue Wraith ist ein anderes Kaliber. Die Probefahrt ist vorbei. Aussteigen, aufwachen.

 

 

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Text: Ralf Bernert
Fotos: Rolls-Royce Motorcars

Die technischen Daten:
Motor: V12 / 48 Ventile
Leistung: 465 kW/632 PS
Drehmoment: max 800 Nm
Top Speed: 250 km/h (abgeregelt)
laut Rolls-Royce Motorcars ist eine Entfernung der Sperre ab Werk nicht vorgesehen.

0-100 km/h: 4,6 Sekunden

Länge: 5.269 mm
Breite: 1.947 mm
Höhe: 1.507 mm
Radstand: 3.112 mm
Wendekreis: 12,7 m
Kofferraum: 470 Liter

Verbrauch kombiniert: 14,0 Liter

Verkäufe und Märkte 2012
Weltweiter Absatz: 3.575 Fahrzeuge (2011: 3.538)

Marktentwicklung im Vergleich zu 2011
Naher Osten: + 26 Prozent
Europa Kontinent: + 21 Prozent
Asien Pazifik-Raum: + 18 Prozent
Saudi Arabien: + 61 Prozent
Deutschland: + 15 Prozent

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