Rolls-Royce Werk Goodwood: Roboter, nein danke!

Hier laufen die Bänder anders. Leiser, ruhiger, geschmeidiger. Zwischen Rohkarosse und Zwölfzylinder wandeln fleissige Menschen hin und her, sie streicheln Holz und Leder damit die Kundschaft eben mehr als nur ein Auto kaufen kann.
Exclusive-Life zeigt intimste Einblicke in die Geburtsstätte des britischen Automobiladels.

 

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Blos´ keine Fingerabdrücke hinterlassen, Knöpfe und Gürtelschnallen bleiben unter dem Spezial-Mäntelchen verborgen. Die Annäherung an einen Rolls-Royce verläuft ohne Spuren. Handschuhe sind hier keine Besonderheit und wer nach Robotern sucht, wird keine finden. Oben auf der Balustrade stehen Menschen, die in normaler Lautstärke miteinander sprechen. Der Blick von hier oben ist bezeichnend, unten im Erdgeschoss wandern einzelne Rohkarossen wie an der Schnur gezogen von einem Ende der Halle zum nächsten. An jeder Station werden sie ein wenig lebendiger, Kabel werden eingezogen, Holzteile finden ihren Platz, weiter hinten werden Türen montiert und das Herz, der Zwölfzylinder, schwebt an einem Kran heran, um später unter der mächtigen Fronthaube für mehr als ausreichend Kraft zu sorgen.

Ghost und Phantom, die beiden Produktlinien von Rolls-Royce, werden hier zum Leben erweckt, mit Technik, Mobiliar und Accessoires versorgt. Die Karosserie, der Motor und einige andere Bauteile werden angeliefert, um dann mit Ruhe und der eines Rolls-Royce angemessenen Sorgfalt montiert zu werden. Ein Fliessband gibt es nicht, jedes Auto wird per Muskelkraft bewegt. Das Tempo ist natürlich auch hier bemessen, die Standzeit pro Station wohl kalkuliert, aber die Hektik der Massenfertigung ist in Goodwood weder erwünscht noch angebracht. Einen Phantom gleich welcher Ausprägung oder den neuen Ghost wird man hier nicht durch die Halle hetzen, der Kunde schätzt die Kraft der Ruhe.

Der Rundgang beginnt mit der Überquerung der kleinen Brücke unter dem Hallendach, unten sind einige Menschen unterwegs, mit Werkzeugen und Anbauteilen unter dem Arm. Einem silber-grauen Ghost wird gerade der griechische Tempel eingebaut, wobei man bei genauerer Betrachtung nicht so sehr den Eindruck hat, dass hier irgend etwas ein- oder angebaut wird. Auch wenn es in einem anderen Zusammenhang sicher passender klingt, aber hier wird eher zusammen gefügt. Der Kühlergrill schwebt heran, die Mitarbeiter tragen weiße Handschuhe, wie feine Kellner, nur das eben die Fliege am Hemd fehlt. Die Handschuhe sind kein schmückendes Beiwerk, sondern notwendige Umsicht. Natürlich werden auch in anderen Fabriken Handschuhe getragen, sicher auch hier und da ähnlich gefärbte, aber die Mimik und Gestik der beiden Herren dort unten, lässt den Schluss zu, dass sie gerade ihr eigenes Auto zum Leben erwecken. Jeder Kratzer wäre mehr als ärgerlich, der Fahrtwind, der diesen Kühlergrill passiert, wird wohl ein wenig stolz sein und die Dame in ihrem Tempel wird vor der Haustür ganz gern die Sonnenbrille tragen, blank geputztem Chrom und strahlender Sonne sei Dank.

Auf dem Weg zur eigentlichen Fertigung werden wir dorthin geführt, wo der nackten Karosserie die vom Kunden gewählte Farbe aufgesprüht, eingebrannt und per elektrostatischer Ladung angehaftet wird. Gut eine halbe Stunde kann ein Vortrag zum Thema Lackierung bei Rolls-Royce dauern, langweilig wird die Prozedur nicht, man ist anschließend erstaunt ob der Raffinesse hier in Goodwood. Obwohl man auch anderswo ausgeklügelte Lackiertechniken anwendet. Nur hier klingt das eben anders, aus einem Alu-Stahl-Gerippe wird halt später ein echter Rolls-Royce und keine Büro-Limousine.

Spannend wird der Gang hinab durch die Montage-Halle, vorbei an den leise dahin schwebenden Ghost-Embryos. Mit jedem Meter nach vorn wachsen sie, werden fülliger, bekommen Hintern und Gesicht verpasst. Natürlich immer mit den akkurat-sanften Griffen der Hebammen, die gemeinsam mit ihren Werkzeugen jedem einzelnen Wagen eine Geburt ermöglichen, die eine wunderbare Kindheit, Jugend und ein unglaublich langes, agiles Leben ermöglichen. So sollte es zumindest sein, ob und wie lange dieses Leben glücklich sein wird, können wir heute nur ahnen. Der älteste hier geborene Phantom ist kaum älter als acht Jahre. Das bedeutet, er trägt vermutlich noch immer seine ersten Kleider und wird in zwanzig oder dreißig Jahren allmählich als echter Rolls-Royce in den Ahnengalerien anerkannt sein.

Weiter im Takt. Die Treppe hinauf, durch zwei Türen, wieder eine Treppe hinab, die nächste Ür öffnet sich und wir stehen mitten im Lederduft. Hier wird genäht, geschnitten und sehr oft ganz genau hin geschaut. Nicht jede Kuh darf ihr Naturkleid nach Goodwood schicken. Ein Spezialist in Sachsen ist der Casting-Direktor. Er wählt aus. Mit sicherem Auge und einem unbestechlichen Gefühl für Qualität. Ein Gerücht muss hier ausgeräumt werden: Die Kühe stammen nicht ausschließlich aus Bayern!

Wieder im Erdgeschoss. Ein Blick durch die große Glasscheibe gewährt Einblicke in eine Abteilung, die ausnahmsweise mit einem Roboter oder genauer mit einer beeindruckenden Gerätschaft bestückt ist. Auf einem großen Tisch liegt eine Kuhhaut, aus der Decke über dem Tisch werden Laserstrahlen auf das Leder geworfen, die grünen Lichtstrahlen zeichnen die Umrisse der auszuschneidenden Lederstücke in der optimalen Anordnung auf das Lederstück. Jeder Quadratzentimeter wird genutzt, der Ausschuss bleibt dank der modernen Technik minimal.

Eine ganze Halle voller tapferer Schneiderlein. Ausgerüstet mit Nähmaschinen, Garn und Faden. Das dank moderner Laser- und Computertechnik perfekt geschnittene Leder wird hier an seinem Bestimmungsort befestigt. Wer hier sitzt, ist Handwerker, Schneider, Näher und mit allen notwendigen Fertigkeiten ausgerüstet. Ein geübtes Auge, eine ruhige Hand und vor allem, dem Ehrgeiz die beste Qualität abzuliefern. Ein Blick auf die Lederarbeiten in Ihrem Rolls-Royce wird den Beweis liefern.

Baum, Maserung, Intarsien, Alter, Lack, Schnitt, Furnier, Haptik. Irgendwo in einem Wald stand der Baum zu dem dieses Stück Holz gehört. Was wohl aus dem Rest des Stammes wurde? Vielleicht ein Schrank, ein Stuhl und ein Tisch? Vielleicht wurde der Baum oder genauer der Stamm des Baumes komplett in einer Schreinerei zerlegt, in flache Scheiben geschnitten und nach Goodwood gebracht. Hier liegen nun die Stücke, flach wie eine mittel-dicke Zeitung. Auf jedem Stück hat sich die Zeit mit einem Artikel verewigt, Ihre Story hinterlassen. Nun werden Puzzle-Stücke gelegt. Das Armaturenbrett soll mit der Holzverkleidung an der Tür eine Einheit bilden. Die Umrandung der Rundinstrumente wird per Hand geschliffen, mit immer feinerem Sandpapier, bis Körnung 600. Dann wandern die Finger des Spezialisten über das Holz, bis keine noch so feine Erhebung mehr spürbar ist. Schaut man den Menschen hier im „Woodshop“, der Holzabteilung im Rolls-Royce-Werk bei der Arbeit zu, entsteht der Eindruck sie arbeiten nicht für Rolls-Royce, sie schaffen ihr eigenes Werk. Wer würde seinen eigenen Rolls-Royce ohne den Anspruch an Perfektion bauen?

Nun zu dem Herrn mit dem feinem Strich. Jeder Rolls-Royce sollte eine Coachline haben. Hier in Goodwood werden diese Linien entlang der Schulter des Ghost oder Phantom auf den Lack gezaubert. Mit bloser Hand, ohne Lineal, ohne Technik. Nur mit Ruhe, zwei exakten Augen und sehr viel Gefühl für Geradlinigkeit. Bevor Sie Ihren Shadow neu lackieren lassen, sollten Sie unbedingt nach einem Spezialisten für die Coachline fragen. Der ist wichtig.

Endstation Qualität. Hier stehen die Nachsitzer, mit Kreisen um die Macken. Sei´ sie auch noch so klein, sie wird entdeckt, markiert und mit Werkzeug entsorgt. Rolls-Royce ist bei diesem Thema mindestens genau so sensibel wie seine Kunden.

Die Jacken mit den Knöpfen bleiben zurück, vor dem Eingang warten drei Phantom und ein Ghost. Zurück nach London zum Flughafen. 90 Minuten Qualitätskontrolle. Am Ende werden die Shuttle ohne Markierung zurück nach Goodwood fahren. In Hamburg wartet das Taxi, ohne Qualitätskontrolle, so viele Kreise kann man in zehn Minuten nicht malen.

 

 

Text: Ralf Bernert
Fotos: Gudrun Mutschalla