Rolls-Royce Silver Spirit: Waftability in turquoise!

Irgendwo in Südengland. Nahe Goodwood und weit von jeder teutonischen Empfindsamkeit entfernt, setzte Exclusive-Life Autor Jonas Kleber den Fuß auf das Gaspedal eines Silver Spirit II und versprühte für einige Tage den Geist der späten 80er.

Rolls-Royce Silver Spirit II
Rolls-Royce Silver Spirit

Es ist 09.00 Uhr morgens, das Frühstück war karg, der Kaffee nicht gerade kontinental und die Sonne hat sich noch mal hingelegt. Der Vermieter bringt den Spirit, mich trifft kurz der Schlag ob seiner Lackierung, die man so schnell nicht vergisst.

Mit diesem Wagen sollte ich nicht nach Deutschland fahren. Türkis und Rolls-Royce, das ist auf den ersten Blick ein seltsames Paar, aber ich gewöhne mich schnell daran. Hier im Süden, ein paar Meilen neben Goodwood Park, sind farbliche Extravaganzen scheinbar kein Problem; die Briten sind einiges gewohnt und ich als Hamburger Jung bin per Geburt anglophiler als der Rest der Deutschen.

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Rolls-Royce Silver Spirit – Radstand 3,06 Meter

Zwei Runden um den Spirit später gefällt mir die Sache schon besser. Die 17 Lenze sieht man dem Wagen nicht an. Hier und da einige Falten, der Lack hat an Glanz verloren, einige Chromleisten eignen sich nicht als Notspiegel, aber grundsätzlich kann man dem Spirit II zumindest oberflächlich noch einen Zustand 2 bescheinigen. Fachleute unterstellen dieser Baureihe eine sehr hohe Lebenserwartung. Das ist nicht verwunderlich, wurde der Shadow-Nachfolger immerhin 18 Jahre lang gebaut. Motor und Bodengruppe stammen vom Shadow, in Crewe setze man damals auch aus Sparsamkeit auf bewährte Technik.

Ohne diese beiden Kennzeichen (Kühlerfigur/Grill und Modellschild) besteht Verwechslungsgefahr. Die „Flying Lady“ neben dem Kühlergrill als Insignien der Marke, das Schild am Heck als Orientierung des Modells. Rolls-Royce-Kenner wissen, dass die damalige Schwestermarke Bentley technisch und optisch nahezu identisch daher kam. Mulsanne, Eight und Turbo R wurden mit dem gleichen Chassis gebaut. Zudem kann noch der Silver Spur von Rolls-Royce für Verwirrung sorgen, da dieser sich lediglich in der Länge vom Spirit unterscheidet. Der Spur ist im Grunde die lange Version des Spirit.

Rundgang beendet, einsteigen, Türen schließen und durchatmen. Vorne ruht der V8, das Rolls-Royce-typische Bakelitvolant liegt vornehm in der Hand. Hier kann man sich sehr wohl fühlen. Die Sitze sind mächtig bequem, das Holz oder besser der Lack darüber glänzt fast schon provokant, als wollte es sein Alter verleugnen, die Schalter, Knöpfe und Chromumrandungen sitzen perfekt an ihrem Platz. Der Spirit ist offensichtlich auch im Innenraum gut in Schuss. Es wird Zeit für die erste Zündung. Der Schlüssel passt tatsächlich ins Zündschloss, obwohl er rein optisch eher zu einem Mini passen würde. Egal, der V8 läuft. Ich erkenne das an den Armaturen, akustisch tut sich herzlich wenig. Das liegt an der exzellenten Isolierung und der Laufruhe des Motors.

Im Rolls-Royce Silver Spirit grüsst der Geist der 80er Jahre

Nun also raus auf die Straße. Links ist frei, das Steuer sitzt auf der richtigen Position und sachte Gas geben. Der Spirit wiegt gut 2,3 Tonnen, ist aber mit 535 Nm Drehmoment recht ordentlich unterwegs. Die Dreigang-Automatik von GM schaltet sauber, die Lenkung ist erstaunlich präzise. Fahrfreude macht sich breit, einen Chauffeur möchte man hier nicht ans Werk lassen. Dynamik, Präzision und Komfort liegen auf sehr hohem Niveau. Ich lasse den Spirit gleiten, bremse immer mal wieder ab, beschleunige und reduziere den Speed wieder.

Die wunderbare Landschaft rauscht an mir vorbei, links und rechts tauchen bildschöne Häuschen mit Garten und Hecke auf. Seltene Autos begegnen mir, Bristol, Jensen und so weiter. Selten für meine Augen zumindest. Hier auf der Insel ticken die Uhren anders, nicht nur wegen der Zeitverschiebung. Ein Spirit in Türkis ist hier keine Besonderheit, ein Deutscher darin schon eher. Und trotzdem oder vielleicht genau deshalb sitze ich daheim am Computer und sehe mir die diversen Angebote im Internet an. Suchanfrage: Rolls-Royce Silver Spirit II. Das Ergebnis ist überschaubar. Die Preise rangieren zwischen 15.000 und 25.000 Euro. Jetzt stellt sich natürlich noch die Frage nach Baujahr und Zustand. Grundsätzlich sind die späten 80er interessant, weil hier die Technik stimmt. Tipp: Fragen Sie unbedingt erfahrene Besitzer. Der Rolls-Royce Enthusiasts Club (Link weiter unten) ist eine gute Adresse.

Noch ein Wort zum Thema Steuer und Versicherung in Deutschland: Interessant sind Baujahre 1986 bis 1988, da sie mit Kat (günstige Steuer/Umweltplakette) bestückt und 20 Jahre alt sind (Versicherung: Oldtimer-Tarif). Es gibt Nachrüstsätze (Matrix), die kosten aber rund 1.900,00 Euro plus Einbau.

Text: Jonas Kleber
Fotos: Wolfgang Blaube

Die technischen Daten Rolls-Royce Silver Spirit:

Motor: V8 Aluminium mit zentraler Nockenwelle
Hubraum: 6750 ccm
Leistung: 182 Kw/248 PS
Drehmoment: 535 Nm
Antrieb: Hinterrad
Getriebe: Dreigang-Automatik (GM 400)
Aufhängung vorn: Querlenker
Aufhängung hinten: Längslenker
Länge: 5,27 m
Breite: 2,01 m
Höhe: 1,49 m
Radstand: 3,06 m
Leergewicht: 2,35 t
Tank: 113 l
Highspeed: 212 km/h
0-100 km/h: 10,3 s
Verbrauch: ca. 20 l/100 km
Stückzahl: 1152
Neupreis 1992: 301.302,00 DM