Range Rover Evoque Coupé: The strange Rover

Anders sein ist wichtig. Ohne Identität läuft wenig, auch bei Autos. Mit dem Evoque hat Range Rover eine Steckbrief abgegeben, der im Kopf bleibt und mächtig Eindruck macht.
Exclusive-Life war mit dem besonderen Range Rover unterwegs.

 

evoque-Titel

 

In Schubladen ist wenig Raum, man fährt sich schnell gegenseitig auf die Felgen. Schon die Beschriftung schreckt schnell ab. Kleinwagen, Mittelklasse, Kompaktwagen, Mikro und so weiter. Schnell verschwindet in diesen Kategorien ein Gesicht, die noch so markante Falte oder der sorgsam gezeichnete Anzug wird zur Fußnote. Schublade auf, Auto rein, Schublade zu. Die Marke MINI zum Beispiel muss mittlerweile verwirrende TV-Filmchen mit schrägen Typen auf dem Beifahrersitz durch die Wohnzimmer schicken, weil jedes Jahr ein neus Kind aus Oxford in die Showrooms/Schubladen rollt. Egal wie absurd, ganz gleich wie bunt und merkwürdig jedes einzelne Kind auch ausschaut, es füllt die Schublade und das war´s denn auch. Umso erfreulicher, wenn man hier und da ein Auto findet, das geschickt um alle Schubladen herum fahren kann.

 

Falten, Linien und ein Gesicht mit besonderen Zügen wurden dem Evoque in die Wiege gelegt, man vergisst ihn nicht. Übersehen unmöglich, schon im Vorfeld seiner Markteinführung war der Siegelring der Range Rover Sippe mehr als deutlich sichtbar. Die Handschrift ist deutlich, das Design eine Visitenkarte.

Wenn man nun diesen Range Rover sieben Tage und sieben Nächte aus nächster Nähe und grosser Entfernung erlebt, werden die Dialoge zwischen Mensch und Auto deutlicher. Man versteht sich, man hört genauer hin und man denkt kaum noch an Schubladen. Der Evoque ist ein Individuum für Individuen. Vergleiche werden abgelehnt, weil sinnlos und genau das ist ein echtes Markenzeichen.

Rauf – runter. Die Aussenalster umzingeln, den Dreck aus der Nordheide noch im Profil. Ein paar grobe Erdklumpen wollten unbedingt aus dem Landkreis Lüneburg nach Hamburg. Dorthin wo man Gummistiefel von Hunter zur Edelhandtasche trägt. Dort, wo man Moin sagt und Cheers meint und ein Range Rover zweimal im Jahr aufs Land gebracht wird. Der guten Luft wegen. Und jetzt steht der Evoque mitten in der Langen Reihe, einem Verbund an Geschäften, getrennt durch Asphalt und per Handarbeit verlegten Pflastersteinen. Zwischen den grossen Fenstern wurden schöne Mauern gezogen, hinter den Glasscheiben wohnen Menschen, die gerne die Inhalte ihrer Kleiderschränke präsentieren. Der Range Rover passt schon gut hier her, es ist eigentlich seine Welt. Rahmengenäht, per Hand geschnitten, mit feinen Fingern verziert, kein Strass sondern echte Steine, das gute Geschirr und das teure Kristalglas. Die Manschetten werden doppelt umgeschlagen, alles ist echt, alles ist von Wert. Und der Evoque? Mit Smartphone und LED. Jung und traditionell zugleich, wie James Bond, der nun endlich auch mal um seiner selbst willen traurig sein darf und trotzdem die Welt rettet.

Wenn man die Familie kennt, werden Erwartungen im Grunde zur Selbstverständlichkeit. Aus dem Range Rover Vogue haben wir den Anspruch an gediegenes Ambiente mitgenommen, dazu ausreichend Vortrieb und genügend Raum für Vier plus Gepäck. All´ dies kann auch der Evoque. Das Coupé bietet zwischen B- und C-Säule ausreichend Raum, hinter den Rücksitzen lassen sich Taschen und Koffer platzieren, der Schrankkoffer reist mit der Bahn oder dem Kurier in die Schweiz. Für Gummistiefel und Wachsjacke ist immer genug Raum.

Weiter vorn bietet der Brite moderne und leicht bedienbare Schalter, Knöpfe und einen imposanten Drehknopf, der per Zündung aus dem Nichts nach oben schwebt. Ein Schauspiel mit dem Charakter des Individuellen. Für den hektischen Sofort-Losfahrer mag das hinderlich sein, man muss dem Knopf ein paar Sekunden Zeit geben, er ist eben auch ein kleines Kunstwerk, das dem Wagen mit seiner ganz besonderen Ausstrahlung als Prise zu seiner Individualität dient. Weiter oben, im Grunde zwischen Himmel und Kopf werden, je nach Uhrzeit und Wolkendichte, Sterne oder Schäfchen gezählt. Das gigantische Panorama-Dach als Über-Drüber-Zubehör sollte auf dem Bestellzettel unbedingt mit einem klaren Kreuz geordert werden. Der Ausblick ist jeden Euro wert.

Gefahren sind wir auch. Schnell, schneller, über Stock und Stein, auf der Autobahn und wir haben Landstrassen auf ihre Evoque-Tauglichkeit getestet. Unser Fazit: Man kann gerne ein wenig mehr Geld in die Pflege unserer Strassen investieren, auch wenn der Range Rover auch über arglistig im Asphalt versteckte Schlaglöcher locker lachen kann. Das Fahrwerk ist für schnelle Manöver straff genug und hilft bei Unebenheiten spürbar. Die Sportsitze mögen das Auge überraschen, Fahrer und Beifahrer jedenfalls fühlten sich auch in Kurven immer auf der sicheren Seite. Der Benzin-Motor mit seinen beiden Litern an Hubraum arbeitete fleissig, hoch motiviert und recht sparsam. Das ordentliche Drehmoment kann natürlich nie hoch genug sein, aber die 1.640 Kilo plus Insassen wurden auch bei langen Steigungen immer zügig nach vorn gezogen. Einen Anhänger haben wir nicht mitgeführt, man kann aber davon ausgehen, dass der SD4 Diesel mit seinen 420 Nm in diesem Fall die bessere Lösung sein wird.

Natürlich haben wir den Testwagen auch ins Gelände entführt. Der permanente Allradantrieb arbeitet sauber und lässt keinen Zweifel an der Herkunft des Evogue. Die richtige Bereifung und ein kundiger Fahrer am Steuer werden den Briten auch im mittelschweren Gelände nicht überfordern. Wobei Ausflüge ins Landleben bei den meisten Kunden des Range Rover wohl nur als Verbindung zwischen zwei Metropolen genutzt werden. Der Allradler ist ein City-Gefährt mit wenigen Einschränkungen. Eine ist wohl der Preis, eine andere ist das Design. Man sollte einen Blick für das Besondere haben und um Schubladen einen deutlichen Bogen machen können.

 

Die technischen Daten des Si4 Benziner(laut Hersteller):
Motor: Vierzylinder Reihe
Hubraum: 1.999 ccm
Leistung: 177 kW / 240 PS
Drehmoment: 340 Nm
Antrieb: permanenter Allradantrieb mit Haldex-Hinterachsdifferential
Getriebe: 6-Gang Automatik Aisin AWF 21
Länge: 4355 mm
Breite mit Spiegel: 2125 mm
Höhe: 1635 mm
Radstand: 2660 mm
Wendekreis: 11,3 m
Böschungswinkel vorn: 25 Grad
Böschungswinkel hinten: 33 Grad
Rampenwinkel: 22 Grad
Tank: 70 Liter
Leergewicht: 1640 Kg
max. Anhängerlast gebremst: 1.800 Kg
max. Kofferraum: 1350 Kg
Beschleunigung 0 – 100 km/h: 7,6 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit: 217 km/h
Verbrauch kombiniert: 8,7 Liter/100 km
CO2: 199 g/km
Schadstoffklasse: Euro 5

Preis in Deutschland inkl. MwSt.: ab 41.300,00 Euro

Text: Ralf Bernert
Fotos: Ralf Bernert
Interiueur-Fotos: Range Rover