Exclusive-Life driven by exception

Range Rover 2022 D300

Fahrbericht Range Rover 2022 – Der Anachronist

Den Vogue werden wir vermissen, auch weil immer ein Hauch Beckham mitfuhr. Aber zum Glück wird man im frischen Range auch ohne Promi-Duft ganz vorzüglich von A nach B transportiert. Wir haben den Anti-Trend-Briten leibhaftig erleben können.

Eigentlich so angesagt wie Pauschalurlaub am Wolfgangsee oder ein Zweireiher im Büro. Ein Range Rover steht vor dir wie ein Monument und rollt mit dir durch London wie eine Wolke bei leichtem Ostwind. Wenn schon ein hoher Wagen, dann doch bitte mit dem Anschein von Coupé. Und mit diesem pseudo-sportlichen Auftritt. Zum Beispiel mit Luftöffnungen vorn, die nur eine Schlussfolgerung zulassen: der rennt wie blöd los.


Und der neue Range Rover? Er bittet zum Einstieg, beleuchtet den Innenraum wie eine Suite im 6-Sterne-Hotel und steht da, als hätte das Hotel einen Staatspräsident mit Anhang erwartet. Die Nostalgie des Ur-Range ist, logisch, immer noch im Spiel. Die Silhouette noch immer so typisch wie in den 70ern, als Land Rover den Schlüssel des Offroaders in die Tasche des Dinerjackets legte und die Herrschaften die Umgebung ihres Landsitzes mit dem Charme einer Luxuslimousine erkunden durften. Nur eben mit Allradantrieb, einer Watttiefe, die sich sehen lassen konnte und gebührendem Abstand zu Geröll, feuchtem Gras und klebrigem Morast. Und dann war da noch der Doorman vor dem Grand Hotel, der plötzlich wusste, dass hier kein stellvertretender Oberförster vorfuhr, sondern der Landgraf himself. Und genau das liefert der Neue noch immer. 


Jetzt stehen wir vor dem Neuen. Das Heck sollen wir uns ansehen und dann aufsagen, was anders ist. Wir sehen nach, noch mal und dann macht es „klick“. Keine Rückleuchten. Der blanke Hintern, aufrecht, wie eine Steilwand empor ragend und dem dahinter fahrenden Auto vielleicht ein ganz klein wenig ärgernd, weil 1,87 Meter vor der Nase doch die Sicht versperren. Ein schimmernder Rahmen setzt das Kennzeichen in Szene, dieses Heck ist schon besonders edel und anders. Nicht nur wegen der Leuchten, die man nur sieht, wenn sie aktiv sind. Die Briten nutzen das Prinzip der Refelxion, das Licht wird nach Innen gelenkt und von dort über Prismen nach Aussen geschickt. Ähnlich dem Prinzip des HeadUpDisplay. Range Rover hat den Kniff beim Patentamt angemeldet und wir wetten was, dass diese Lampen bald in allen Produkten der Firma auftauchen werden.  


Ein sehr kurzer Spaziergang, knapp 5,1 Meter weit und wir schauen dem Briten direkt auf die Nase. Dort sieht man die Leuchten plus eine eher schüchterne Kühlermaske plus nüchterner Kühle. Wie der ganze Wagen. Aus einem Block gefräst und dann mit Samthandschuhen poliert. Ein Hochglanz-Monolith auf Rädern. Die Ästhetik flüstert, singt fast. Türgriffe, die nur erscheinen, wenn man den richtigen Knopf auf der Fernbedienung drückt, getönte Scheiben hinten. Privatsphäre hinter dem Chauffeur. Wobei man gerne selbst lenken will. Neugier spielt da eine Rolle. „Wie sich der wohl fährt?“ Leichtfüßig, präzise, sportlich, komfortabel?


Einsteigen, aufsteigen. Erst hinten. Platz soweit das Auge reicht. In unseren Wagen, der „First Edition“ helles Leder, Holz und der Blick nach vorn in die Kommando-Zentrale, die einerseits so modern und digital wie möglich wirkt und auf der anderen Seite den Charme britischer Noblesse feiert. Tweet plus kühle Technik plus Raum.


Er ist leise, flüsterleise, E-Auto-leise. Die Dämmung wirkt plus ein Schallsystem, dass Wellen aus den Kopfstützen in Richtung der Schallwellen von Aussen sendet und sie nahezu neutralisiert. Das System ist nicht neu aber im Range Rover sehr wirksam. Die Luftfederung arbeitet routiniert, schlechte Wege werden nahezu komplett im Vorbeilaufen repariert. Da sitzt du hinten, lehnst dich zurück und du weisst, diese Fahrt dauert fünfzehn Minuten. Der Fahrer da vorn erzählt von all´ den Neuerungen, Verbesserungen und Errungenschaften, die man bei Land Rover in diesen Prachtwagen eingebaut hat. Steno müsste man können. Knöpfe drücken, die Mittellehne runter klappen, den Deckel öffnen und hinein schauen. Ein Fernbedienung in Form eines Tablets liegt drin, Finger laufen lassen. Wärmer, kälter, lauter, heller, dunkler, den Beifahrersitz nach vorn laufen lassen, bis er sich fast ins Handschuhfach verdrückt, sein Hintern spuckt eine Fußauflage aus, die Rückenlehne des hinteren Sitzen nach hinten manövrieren und im Entspannungsmodus aus dem riesigen Panoramadachfenster schauen. Sterne zählen und auf einen Komet warten. Dabei hoffen, dass der Chauffeur keinen Bock mehr hat, anhält und sagt: „Los, fahr´Du weiter.“ macht er aber nicht, er hat Bock. Den Grund erfahren wir später.


Eine Nacht drüber schlafen, Berge schauen durchs Fenster, Österreich döst. Frühstück, Schlüssel empfangen, einsteigen und den kleinen Ort verlassen, als hätte man einen Staatsbesuch hinter sich. So huldvoll wie möglich rollt der Brite durch ein sehr, sehr altes Stadttor und die Landstraße breitet sich wie ein Teppich vor dir aus, ohne Sportmodus und mit 300-Diesel-PS läuft der Range nach vorn, die Nase einen Tick sichtbar höher im Wind. Er freut sich. 


Sie haben ihn, im Vergleich zum Vorgänger, einen Tick schneller werden lassen. Top Speed: 8 km/h schneller. Standard-Sprint: 0,5 Sekunden schneller. Beim Verbrauch zeigt die Tabelle 0,5 Liter mehr, vermutlich, weil der Vorgänger minimal schwerer war. 


Wir lassen also den Selbstzünder unter der Fronthaube wirken. Die 650 Newtonmeter haben keinerlei Probleme mit den rund 2,5 Tonnen britischer Lustbarkeit. Der Wagen läuft sauber und präzise durch alle Windungen der Landstraßen, später ein paar Fingerübungen abseits asphaltierter Wege. Wie erwartet, lässig und souverän. Der Wagen spricht mit uns. Er langweilt sich, hätte gerne ein paar echte Hindernisse, damit die kleine Armee an Helferlein endlich mal aktiv sein können. Wieder raus aus unbefestigtem Gelände, fester Boden unter den 22-Zöllern. 

Sprachprobe. Wärmer, kälter, lauter, leiser. Navi-Kommando aufsagen. Der Brite versteht uns und arbeitet die Ansagen sauber ab. Die Soundanlage verwandelt den Innenraum in einen mobilen Konzertsaal und wie gern hätten wir den großen Wagen bei Vollgas erlebt. Österreich erlaubt es nicht. Deshalb: Testwagen ordern, in Deutschland. 

Und jetzt ein Fazit. Während die sechs Zylinder noch einen Rest Diesel verarbeiten. Unbedingt beim Händler Zeit mitnehmen. Die ganze digitale Welt des Range Rover erleben, dann fahren und fahren lassen. Vorn und hinten. 

Der neue Range wird in vier Motorisierungen angeboten. Reihensechszylinder Diesel oder Benzin, V8 Benzin und als PlugInHybrid. Eine komplett elektrisch angetriebene Variante wird es wohl auch bald geben. 

Die Preise in Deutschland starten bei 125.900,00 Euro für den D250 und ganz vorn in der Nahrungskette sitzt der Range Rover Autobiographie mit langem Radstand und für den erwartet der Händler mindestens 174.600,00 Euro. Dafür liefert Land Rover einen 5,25 Meter langen Wagen mit V8 und 530 PS plus reichlich Zubehör. 

Fotos: Land Rover