Da ist der Kalender, da ist der Klang des Namens, da sind Formel 1 und andere Sportserien. Da ist die kluge Idee eines Reifens speziell für sehr exklusive Autos und da sind jede Menge Homologationen für die ganz großen Jungs aus der Sportwagen-Welt.

Mia Goth, Pirelli Kalender 2020

Die eigene Auto-Historie passt ins Bild. Der erste Wagen, ein Scirocco I TS, Baujahr 1975, mit 85 PS stand auf irgendwelchen Reifen. Dann wurde lackiert, schöne Außenspiegel angebaut und 185er Pirellis angeschraubt. Das war´s und es war gut so. Pirellis waren Ende der Siebziger die coolen Schuhe sportlicher Autos. Im Playboy waren im Grunde nur Autos mit Pirellis zu sehen. Junge Männer mit dem Drang nach einer klaren automobilen Außenwirkung wussten vom Klang der Marke und sie taten dies auch kund. „Ich hab´ jetzt Pirellis aufgezogen.“ Und wir denken an den Golf GTI Pirelli mit seinen markanten Felgen, das P so deutlich und kraftvoll gezeichnet. Eberhardt Schulz, der Vater der Isdera-Autos hatte die Idee und sie funktionierte.

Pirelli Ercole, 1903 Foto: Pirelli Fondazione
Pirelli Ercole, 1903 Foto: Pirelli Fondazione
Pirelli Katalog 1920 Foto: Pirelli Fondazionae
Pirelli Katalog 1920 Foto: Pirelli Fondazionae
Werbeplakat 1931 für Pirelli Superflex Foto: Pirelli Fondazione
Werbeplakat 1931 für Pirelli Superflex Foto: Pirelli Fondazione
Ehrenwand Pirelli Fondazione 2019
Ehrenwand Pirelli Fondazione 2019
Giovanni Battista Pirelli, 1920, Pirelli Fondazione
Giovanni Battista Pirelli, 1920, Pirelli Fondazione
"Paris-Peking" 1907, Foto: Pirelli Fondazione

Wir verlassen die 70 und reisen in eine Zeit, als Autos noch nicht mal eine Idee waren. 1872, Giovanni Battista Pirelli hat den Klang seines Nachnamens noch nicht wirklich erfasst. Er ist 24 und er ist Unternehmer. Pirelli & C. In Mailand isoliert Telegraphenkabel. Mit Gummi. Und er ist erfolgreich damit. Und weil er das Potenzial des Werkstoffes Gummi schon recht genau einschätzen kann, baut seine Firma Fahrradschläuche und Antriebsriemen und 1886 sogar wasserdichte Ummantelungen für Untersee-Kabel. Es geht voran und die Ära des Automobiles kündigt sich an.

1890, der erste Pirelli für Fahrräder wird präsentiert. Der Name: Milano. Und ein paar Jahre später steht ein Auto auf Pirellis. Wieder ein Name: Ercole oder zu deutsch, ganz bescheiden „Herkules“. Und weil Herkules ein ungemein starker, nachhaltiger Name ist und dann auch noch weltweit bekannt, erreichte Pirelli die Grenzen Italiens und überschritt sie. Man wurde international bekannt, die Söhne Pirelli´s eröffneten Geschäfte im Ausland. Und dann war da noch „Peking-Paris“, jenes Autorennen 1907. Enzo Ferrari saß am Steuer eines Alfa Romeo und siegte. Auf Pirelli. Weitere Siege folgten, das Rezept war einfach und klar. Motorsport war der Motor in die Herzen der Menschen. Das Auto als Vehikel für Begriffe wie Freiheit, Unabhängigkeit und Mobilität. Und mitten drin Pirelli.

Pirelli History – Wie man Reifen sexy macht

Die Firma wuchs, 1914 das erste Werk in Spanien. Dann Griechenland, Türkei, Deutschland und schließlich aus Südamerika. 1927 eine Weltneuheit, der erste Diagonalreifen, von Pirelli. Der Pirelli Cintuato CF67, mit Textilkarkasse, wieder eine Weltneuheit von Pirelli. Michelin läuft mit. Ein ewiger Rivale und Weggefährte von Pirelli.

Die Nachkriegszeit, Beginn und Aufbau. Weltweite Pläne und Expansion. Es geht auch um weitere Werke auf fast allen Kontinenten. Fusionen und Übernahmen prägen die nächsten Jahrzehnte. Mit und ohne Erfolg. Pirelli gerät an den Rand des Ruins. Kapital verdichtet sich, wer bei diesem Spiel nicht mittendrin dabei ist, kann verlieren. Pirelli kauft Armstrong aus den USA, ein Weg in den US-Markt und die 90er werden zur Startrampe für Pirelli. Es läuft sehr gut. Seit 2015 ist Pirelli Teil von ChemChina, einem Staatsunternehmen aus China. Die Chinesen haben 2017 Pirelli an die Börse gebracht, seitdem liegt der Anteil der Asiaten bei ca. 45 Prozent.

Das Thema Motorsport wird zum Dauerläufer, zum wichtigen Teil der Erfolgsstory von Pirelli. Wo, wenn nicht im Motorsport, lassen sich die Qualitäten eines Reifens besser belegen, als im Härtetest auf Rennstrecken und Sonderprüfungen. Montiert an den Extremen des Automobilbaus, an Renn- und Rallye-Wagen. Gesteuert von Profis. Die Formel 1 als Champions-League des Motorsports, die WRC als absoluter Härtetest für Robustheit und Widerstandskraft. Dass die Marke Pirelli seit Jahren führend bei der Erstausstattung, also ab Werk, bei den Spezialisten für High-Performance-Fahrzeuge ist, hat sicher mit dem Engagement im Motorsport zu tun. Wer einen McLaren kauft, wird diesen mit dem Pirelli P Zero fahren. Die Liste der Homologationen ist lang, sehr lang. Nahezu jeder Supersportwagen, jedes Highend-Sportcoupé, jede exklusive Sportlimousine wird mit dem P Zero ausgeliefert. Und dann ist da noch der Scorpio, jener Spezialist für schnelle, starke und exklusive SUV.

Soweit, in aller Kürze, die Historie von Pirelli. Sie ist spannend und bewegt. Die Eltern des Erfolges der Italiener läßt sich allerdings nicht allein durch die Geschichte von Pirelli erklären. Weit aus spannender ist die Antwort auf die Frage, weshalb ein Reifenhersteller seine Produkte in einem sehr emotionalen Licht strahlen lassen kann, während der Rest der Branche seine Produkte nahezu ausschließlich über technische Fakten, Marktpreise und Testberichte in Fachmagazinen verkauft. Pirelli ist auch dort ein Sonderfall. Ein Stichwort hierzu: Kalender. Zu diesem Thema folgt dann in Kürze ein weiterer Beitrag.

Text: Ralf Bernert
Fotos: Pirelli