Morris Minor Traveller: Britischer Charmeur

Zwischen 1953 und 1971 wurden 215.000 Exemplare gebaut. Heute, 50 Jahre nach der ersten Präsentation, ist der kleine Charmebolzen aus England eine interessante Alternative zu so manchem Trendy-Mini-Van.

Exclusive-Life war mit dem hübschen Alleskönner unterwegs.

Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert

Als der Countryman von Mini vorgestellt wurde, sagte der damalige Designer Gerd Hildebrand, man habe sich eben auch an historischen Vorbildern orientiert, der Moris Minor Traveller gehöre eindeutig dazu. Dass der Mini nun ein Maxi wurde und sein Charme im vergleich zum Morris doch eher mini ist, mag am Design des modernen Kleinwagens liegen, oder einfach an der Tatsache, dass ein zeitgenössisches Auto eben nicht mit knatterndem Motor, schlechten Bremsen und einer Lenkung jenseits von Gut und Böse daher kommt.

Die Ausfahrt mit dem Morris jedenfalls war unterhaltam und empfehlenswert. Die 48 PS unter der Fronthaube arbeiten sauber und einer Nähmaschine nicht unähnlich. Die Lenkung mag auf den ersten Metern ein wenig zu ausgeschlagen wirken, aber nach ein paar Kilometern läst sich der Lieferwagen sauber und ohne grosse Mühe durch Hamburgs Strassen zirkeln. Auf der Landstrasse machen die Bremsen einige Mühe, man sollte voher ein paar Übungen absolvieren. Elektronische Fangleinen mögen sinnvoll sein, der aufmerksame Morris-Fahrer schaut ein wenig weiter voraus und geniesst den einfachen Komfort. Die Bestuhlung vorn und Hinten ist bequem und robust, die Instrumente sind natürlich in englischer Sprache beschriftet, man kommt zurecht und das feedback an der Ampel ist in aller Regel fast überschwenglich. Kein Wunder, der grüne Knubbel mit Holz an der Hüfte schaut schon sehr sympatisch aus.

Es gibt Autombile, die sind klassenlos, über jedes Image erhaben und deshalb niemals aus der Mode. In diesem Club tummeln sich meist Kleinwagen á la Mini, 2CV, Isetta, Fiat 500 oder auch der Morris Minor. Ein Trip auf die britische Insel beweist diese Theorie. Dort gehört der kleine Klassiker noch immer zum Straßenbild. Das liegt einerseits an seiner unverwüstlichen und einfachen Technik, andererseits sind ja kleine Raumwunder in Zeiten knapper Budgets wieder modern.

Zur Geschichte: 1913 Willliam Richard Morris (36) baut sein erstes Automobil. 1920, Morris ist England größter Autohersteller, 1938, Morris übernimmt Riley. Nach dem Krieg steigt der Vater des Mini Alec Issigonis bei Morris als Konstrukteur ein. 1952, die Marken Morris, MG, Wolseley und Riley fusionieren zur BMC (British Motor Corporation). William Morris (Lord Nuffield) starb 1963.

Einige Details: Im Normalfall werden Gemälde, Spiegel oder Fenster in Holz gerahmt. Vor dem Krieg wurden auch Automobile mit einem Holzrahmen stabilisiert. Der Traveller verfügt nur im Heck über eine tragende Holzkonstruktion. Wenn also der hintere Rahmen gerichtet werden muß ist ein Schreiner oder Tischler gefragt. Unser Minor ist in Blech, Lack und Holz bestens in Schuß.

Die Gurthalterungen rechts und links auf den Radkästen wurden nachträglich eingebaut, der Sicherheit wegen. Die Rückbank kann umgelegt werden. Zwei, drei Handgriffe und der Traveller ist bereit für größere Aufgaben. Manko: Die erlaubte Zuladung sollte vorher beim TÜV erfragt werden. Auf jeden Fall eigent sich der Laderaum für die Surftour zu Zeit, inklusive Doppelbett.

Das Interieur des Morris Minor verfügt über witzige Details. Für Links- oder Rechtslenkerversionen wurden gleich zwei Handschuhfächer eingebaut. Der Blinkerhebel rastet zwar nicht automatisch in die Neutralstellung ein, wurde aber mit einer Leuchteinheit am oberen Ende ausgerüstet. Das Fernlicht wird per Fußschalter aktiviert und ausgeschaltet. Änlich wie bei klasssichen oder beim BMW 7er wird nicht am Zündschlöß gestartet. Der Anlasser des 1000 ccm-Motors wird per Hebel unterhalb des mittig angeordneten Hauptinstrumentes gestartet.

1971 war Schluß mit dem Traveller. Das letzte Modell wurde im April gefertigt. Ganze 215.000 Einheiten wurden verkauft, einige als Van mit Spezialaufbauten für Handwerker und Transporteure. Der bis heute beliebteste Minor ist zweifellos der Traveller. Leider ist die Versorgung mit Autos in gutem oder sehr gutem Zustand sehr schwierig, da der Minor alles andere als ein Wochenendauto war. Rost und Holz-Probleme tauchen auf, sind aber durch die sehr gute Ersatzteil-Situation relativ einfach in den Griff zu bekommen. Trotz seines Alters ist der Traveller ein ausgesprochenes Alltagsauto. Der Minor steuert sich trotz des Lenkunsspiels sehr exakt, die Schaltung arbeitet problemlos, insgesamt ist auch der ungeübte Fahrer schnell mit dem Minor vertraut.

Text und Fotos: Ralf Bernert

Ein paar Fakten:

Motor: 4-Zylinder (Reihe)

Hubraum: 948 ccm

Kraft: 48 PS

Speed: 100 bis 125 km/h

Schaltung: 4-Gang

Struktur: selbsttragend

Baujahr: 1960

Preis heute: 10.000 bis 15.000 Euro je nach Zustand