Mercedes-Benz W111 280 SE 3.5 Cabriolet: Der vorerst Letzte seiner Art

W111-Cabriolet-Titel

Mit der Studie Ocean Drive machte uns Mercedes-Benz den Mund wässrig. Ein grosses Cabriolet als Sahnehaube für Frischluft-Freunde mit Stil.
Exclusive-Life fuhr die letzte offene S-Klasse von Brooklands nach Goodwood. Mit und ohne Regen.

Wir hätten einen Flügeltürer nehmen können, eine Pagode, einem 600 Pullmann oder einen modernen SLK. Nein, das Cabriolet der Baureihe W111 zwinkerte uns zu. Eine S-Klasse der Kategorie „open air“, bisher ohne Nachfolger. Von Brooklands nach Goodwood-Park. Lord March ludt zum Picknick, nebst Motorsport-Event. Das Festival of Speed trieb oder besser zog uns in den schönen Süden Englands.

Die ersten Meilen versperrte das für heutige Verhältnisse riesige Stoffdach den Blick zu den Wolken. Es regnete, langsam und vornehm aber so beständig wie die britische Höflichkeit fiel Wasser vom Himmel, das Verdeck diente als Regenschirm, die Ruhe in unserem Mercedes beeindruckte uns nachhaltig, man kennt die Erfahrungen mit modernen Cabriolets und die Versprechen der Hersteller. „Das neue Verdeck besteht aus neun Lagen und sorgt für wohlige Ruhe im Inneren des Autos.“ 1970, als unser W111 280 SE 3.5 gebaut wurde, verwendete man keine neun Lagen Stoff.
Man hätte das Musik-Speicher-Abspielgerät mitnehmen sollen. Die Beatles trennten sich 1970. „Let it be“ hätte dem Viersitzer gut gestanden, die Besatzung hätte auf den sehr bequemen Sesseln problemlos per Luftgitarre Jimi Hendrix gedenken können. Der Virtuose starb 1970. Das schöne und funktionstüchtige Radio thront, eingerahmt von bestem Holz, zwischen ein paar Schiebereglern und Knöpfen. Jetzt fehlt Janis Joblin. Ich würde ihr den Mercedes schenken und sie würde ein Lied über ihn singen. „Oh lord won’t you give me more time to drive my Mercedes Benz!“

Hinter dem Steuer ist Ruhe. Keine Knöpfe, keine Rädchen zwecks Einstellen des Radiosenders, kein Tempomat. Die Hupe ist ein Signalhorn und das Signal macht den Augen am Strassenrand Beine. Here comes the sun, die 70er in ihrer gediegenen Ruhe und im Falle des offenen 280 SE 3.5 in ihrer fast schnörkellosen Eleganz ziehen vorbei. Die 80er mit Fönwelle, Popper-Frisur und Madonna als wirklich frisches Mädchen sind noch weit entfernt. Man schiebt Kälte und Wärme herbei oder hinfort, über dem Radio ist das Klima wunderbar einfach. Blau ist kalt, rot ist warm. Das Becker Grand Prix findet sogar einen Oldie-Sender, Elton John und seine Kollegen lassen die Lautsprecher im Cabriolet tanzen. Weit ab von jeder Hektik der Moderne, weit entfernt von Ampel-Starts und Prestige-Ellenbogen-Ich-kann 300-und Du?-Phrasen kontert der Mercedes mit der Gelassenheit einer schönen Frau, die weder Prada noch LV in der Armbeuge braucht. Es gibt Menschen mit Charme, Autos wie unser Mercedes können das auch und das jenseits der Vierzig.

Der Flachkühler ist der eleganteste seiner Art

Knapp siebzig Kilometer, teils Autobahn, teils Landstrasse meist aber durch kleine Orte, vorbei an malerischen Häusern, Parks, saftigen Wiesen und immer wieder durch Bilderbücher, die man aus unzähligen TV-Serien und Spielfilmen zu kennen glaubt. Der Mercedes rollt, schnurrt, wiegt sich in den Kurven, er neigt sein Haupt wenn man ihn in seinem Vorwärtsdrang einbremmst und er reckt den Kopf nach oben, wenn das Gaspedal einmal auf die moderne Art, also eher hektisch in Richtung Bodenblech gedrückt wird. Natürlich gab es Ende der 60er sportlich-spartanische Sportwagen, die scheinbar auf einem Rahmen aus Eisenbahnschienen gebaut wurden. Man konnte damals sehr sportlich um Ecken fahren, auch ohne elektronische Fangleinen oder bis an den Rand der Perfektion konstruierte Fahrwerke. Das Spiel der Lenkung, der Bremse und der Kupplung wurde zur Gewohnheit. Auch unser Mercedes ist von der heutigen Präzision recht weit entfernt, aber er beherrscht das Einmaleins des Cruisens allemal. Der V8 weiter vorn läuft und arbeitet in aller Ruhe, der Wandler am 4-Gang-Automatikgetriebe erinnert an den Auslöser der ersten Digitalkameras, aber den Chauffeur kann das nicht stören. Wir sind unterwegs zum Festival of Speed, dort wird der 280 SE seine Pause haben. Er kann sich die wilden Autos der Herren Rossberg, Vettel oder Button anschauen, er kann das Gekreische der Motoren bei 18.000 Touren hören und dabei an schönste Ausfahrten denken. Damals, als man mit Tempo 200 die linke Spur schon recht lange ganz alleine benutzen durfte, man aber lieber das feine Verdeck hinter die Rückbank legte, so wie man einen schönen Schal um den Hals einer Dame legt. Irgendwie fallen einem solche Bilder bei modernen Autos nicht so leicht ein, wieso eigentlich?

Mercedes-Benz 280 SE 3.5 Cabriolet
Mercedes-Benz 280 SE 3.5 Cabriolet

Das Verdeck soll runter. Sofort, der Sonne wegen, die ein paar Wolken beiseite gedrückt hat. Im Handschuhfach liegt ein Büchlein das heute höchstens als Inhaltsverzeichnis für ein Handbuch durchgehen würde. Darin steht, dass man zum Öffnen des Verdecks mittels eines Werkzeuges zwei Bolzen an der A-Säule, jeweils links und rechts, drehen und damit aus der Verankerung lösen solle. Das klingt nach Mechanik und die wollen wir den Fachleuten überlassen. Mercedes-Benz hat ausreichend Fachpersonal nach England gebracht, ein freundlicher Herr im Polo-Hemd mit Mercedes-benz-Logo ist zur Stelle. Sein Name: Prof. Dr. Thomas Weber. Auf seiner Visitenkarte steht, dass er Mitglied des Vorstandes der Mercedes-Benz AG und für die Entwicklung zuständig ist. Wir haben also den richtigen Fachmann um Hilfe gebeten. Ein paar Handgriffe und die Sonne wärmt die Sitze unseres schönen Mercedes.

Mercedes-Benz W111 280 SE 3.5 Cabriolet: Das Baumuster ist wichtig

Die letzten Meilen vor Goodwood-Park. Man sitzt im Stau, vorher eine kleine Foto-Session. Einige Herren aus dem Norden bewundern den Wagen, seine klaren Linien, seine stille Eleganz und die Idee, noch einmal eine S-Klasse mit Stoff-Verdeck auf den Markt zu bringen. Stichwort: Ocean Drive. Wir haben an diesem Vormittag in England einen Teil der Geschichte von Mercedes-benz getroffen. Sie hat uns von technischen Finessen des Ingenieurs Béla Barényi berichtet, der Entwickler hat sich um die Sicherheit der Fahrgäste verdient gemacht. Stichwort: Knautschzone. 1232 Exemplare des 280 SE 3.5 Cabriolet wurden insgesamt gebaut, heute zahlt man um 130.000 Euro für ein gutes Exemplar. Es soll auch „abgeschnittene“ Coupés geben. Deshalb achten umsichtige Interessenten auf die Nummer des Baumusters „111.027“, für das Coupé gilt die Nummer: „111.026“.

Wir stellen den Wagen ab und drehen uns noch einmal um. Schön war´s. Elegant, ruhig und sehr vornehm. Für den Geniesser offener Ausfahrten ist ein Cabriolet der Kategorie W111 280 SE ein Erlebnis, für uns war es eine Begegnung mit dem vorerst Letzten seiner Art.

 

Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert

 

Die technischen Daten:
Motor: V8
Hubraum: 3.499 ccm
Leistung: 147 kW / 200 PS
Baujahr: 1969 bis 1971
Getriebe: 4-Gang-Automatik

Fotos und Text: Ralf Bernert