Mercedes-Benz 280 SL Pagode: Die Zeiten ändern sich

„Früher war mehr Lametta“, sprach der alte Herr und griff zur Schallplatte. Umtata und Tschinderassa Bumm. Vor der Pagoda war soviel Lametta, dass man den Wagen vor lauter BlingBling kaum sehen konnte. Und dann waren da noch die Schauspieler, Sportler, VIPs und die üblichen Trittbrett-Surfer.

Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert – Mercedes-Benz 280 SL Pagode

W198 und W 121 B II als Vehikel für die große Show, auch heute noch. Und damals? Nach dem Lametta kam Paul Bracq und die Welt freute sich über klare Linien und den unverstellten Blick auf das Wesentliche. Ruhe kehrte ein, der 600er machte unter Präsidenten, Königen und anderen wichtigen Leuten die Runde. Es war die Zeit der Besinnlichkeit, Weihnachten für Freunde des klaren Designs. Aus Barock wurde Impressionismus, aus Pausbacken wurden sehnige Wangen. Der W 113 räumte auf und ab. Komplimente von denen, die es ruhiger wollten und bekamen.

Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert – Mercedes-Benz 280 SL Pagode

Jetzt steht er da, 43 Jahre alt, grau und die Augen ein wenig trübe. Hier und da ein Kratzerchen, das Radio ist raus, dafür eine einfache Blende. Zwischen den beiden großen Rundinstrumenten, die jeweils Tempo oder Drehzahl anzeigen, das Kombiinstrument mit Wasser- und Öltemperatur. Tankstand und drei Leuchtanzeigen, zwei für den Blinker und eine für die Warnung, wenn dem Motor zu heiß wird. USB-Anschluß? Hä? ABS, Traktionskontrolle, digitale Kommunikation? Nö, wozu? Das Dach sitzt wie eine Frisur der 50er, stramm und absolut wasserdicht. Ich will es oben ohne, also runter mit der Mütze und der Techniker vom Classic Center Fellbach legt Hand an und spricht ein paar weise Worte. Niemals mit einer Hand lässig das Dach nach hinten werfen, der 280 SL ist kein Healey oder Triumph. Zumal das Dach in einem Fach zwischen Kofferraum und Rücksitzchen verschwindet. Das Fach hat einen Deckel und den öffnet man mittels eines Hebels der sich hinter dem Fahrersitz an der Seitenwand befindet. Und schon sind wir mitten in einem Prozedere. Hier die Anweisungen für Dach runter und Dach rauf:

Mercedes-Benz 280 SL Pagode: Dach runter

Klappe des Deckels zum Dach-Fach entriegeln. Die beiden Hebel an der A-Säule Innen entriegeln, das Dach an beiden Seiten gerade nach oben heben, nur ein paar Zentimeter. Dann raus aus dem Wagen, das hintere Ende des Daches leicht nach oben heben, so weit dass der Deckel des Faches komplett geöffnet werden kann. Dann das komplette Dach zusammen falten, man fängt mit der vorderen Seite an. Blos´ nicht verkanten, das entkanten ist eine Mordsarbeit. Zusammen falten und in das Fach legen, schön nach unten drücken, damit der Deckel sauber schliessen kann. Auf den Deckel drücken bis er einrastet. Fast Fertig, noch die beiden Riegel an der A-Säule zur Seite schieben, damit der Kopf keine Beule kriegt.

Mercedes-Benz 280 SL Pagode: Dach rauf

Klappe des Deckels zum Dach-Fach entriegeln. Das Dach möglichst an beiden Enden gleichzeitig herausziehen und mit dem vorderen Ende über die A-Säule legen, das hintere Ende komplett aus dem Fach heben und den Deckel schliessen. Dann das hintere Ende auf den Deckel legen und den Stift am Dach in das Loch im Deckel einrasten lassen. Dann das vordere Ende jeweils links und rechts mit den Stiften in die Öffnungen auf der A-Säule einrasten lassen und die beiden Hebel zur Seite ziehen. Unbedingt testen ob das Dach vorn und hinten fest eingerastet ist.

Alles Klar? Offen losfahren und eine Warnung nach Oben. Wehe.

Der Mercedes hat sechs Zylinder in Reihe, gut 170 PS, zwei bequeme Sitze vorn und zwei Notsitze dahinter. Der Kofferraum ist echt groß, man kann da locker vier Ersatzräder transportieren und die Notsitze sind für Hutschachteln, zwei Golfbags oder zwei winzige Kinder geeignet. Fünf Gänge stehen zur Auswahl, einer zum Rückwärtsfahren, die anderen für den Vorwärtsdrang. Sortiert werden die Gänge durch ein Automatik-Getriebe, man kann aber auch den langen Hebel am Knauf packen und die Gänge der Reihe nach durch die Kulisse ziehen. Ich will jetzt zum Ebnisee, der liegt rund 40 Kilometer nordöstlich von Fellbach und soll sich als Hintergrund für den Roadster bestens eignen. Zudem kann ich auf dem Weg den Mercedes auf Bundes- und Landstrassen-Tauglichkeit testen.


Raus aus der Stadt, der Motor schnurrt zufrieden vor sich hin, der Wagen freut sich über den kurzen Ausflug. Autos sind auch nur Menschen und die können es nicht leiden wenn man sie ständig in irgendwelche Hallen rumstehen lässt. Stubenarrest ist out. Freiheitsberaubung und Spaßverderberei. Ein paar Wolken oben drüber schauen uns zu, links und rechts gehen schon mal Daumen hoch. Braucht man hier knallgelbe Schreihälse mit 600 PS und Reifen so breit wie ein Doppelbett? Nein.

Der 280 SL, ein Roadster für den Sonntag

Das Ende der 60er brachte Paul Bracq zu Mercedes, der 280 SL ist Baujahr 1971. Rolls-Royce meldet Konkurs an, Daimler lässt den Airbag patentieren, Jackie Steward wird Formel-1 Weltmeister, Willy Brandt wird Friedensnobelpreis-Träger und ich bin gerade neun Jahre jung. Die Gladbacher werden Meister, irgendwie ist in jeder Nachrichtensendung Vietnam ein Thema und wenn ich mal den Führerschein habe, will ich unbedingt Rennfahrer werden. Meine Mutter ist dagegen und setzt sich durch. Mein Vater fährt einen Simca 1301 in dem ich mich regelmäßig zu Tode langweile, unser Nachbar, ein Unternehmer mit sagenhaft viel Geld hat einen 280 SE und einen 250 SL. Beide silbergrau und meist in der Garage versteckt. Den Roadster holt er nur Sonntags in der Früh raus, immer dann wenn ich als Messdiener zur Kirche muss. Ich habe ihn nie gefragt ob wir mal tauschen wollen.

Zurück in die Gegenwart, Fellbach liegt hinter uns, die paar Ampel-Stopps hat die Kühlung des 280 SL locker verkraftet. Früher hat man ja nicht so oft mit dem Auto warten müssen bis es weiter ging. Heute hat man Start-Stopp-Funktionen. In der Not mache ich den Wagen einfach aus und wieder an. Aber der Mercedes ist gut gekühlt, die nächste Landstrasse wird zeigen ob er noch gut im Saft steht. 170 kann er noch locker, die Lenkung ist wie erwartet mit recht viel Spiel ausgestattet. Das enorm große Volant mit seinem verchromten Signalhorn-Innenring macht Übergriffe notwendig, enge Kurven wollen erarbeitet werden. Man stürzt sich nicht hinein wie in ein fragwürdiges Liebesabenteuer, man läuft hinein mit der Übersicht eines erfahrenen, älteren Herrn. Die Bremsen, immerhin Scheiben an allen Rädern, entschleunigen den 1,3 Tonnen schweren Mercedes sauber aber ohne den heute gewohnten Druck. Man hält besser Abstand zu vorausfahrenden Autos, wenn der Zeitgenosse da vorn seine keramischen Bremser zum Dienst ruft, läuft der Klassiker ohne Zucken hinten rein und das wäre schade um die schlichte und zeitlos elegante Front des Mercedes.

Beim 280 SL wurde auf Bögen und Wülste verzichtet

Überhaupt zeitlos. Der W113 hat Chrom, viel Chrom. Vorn und hinten glänzt es in der Sonne. Damals war Chrom die beste Chance einem Auto ein Gesicht zu geben. Die Gestaltung der Lampen war im Vergleich zu heute eine sehr eng begrenzte Angelegenheit. Wo heute Sicken, Falten, Wülste und Lüftungsöffnungen einem Auto den optischen Schliff verpassen, waren damals verchromte Leisten und Streben des Designers beste Freunde. Beim W 113 hat Paul Bracq auf Bögen und Kurven weitestgehend verzichtet, der Nachfolger des weltberühmten 300 SL Roadster sollte in aller Ruhe über die Strasse laufen. Ohne Paparazzi, die auf den Sitzen berühmte Menschen vermuteten und ihre Kameras zückten. Heute, im Einerlei der LED-belichteten Karossen ist der 280 SL ein Sonderling im positivsten Sinne, eine Hommage an eine Ära, in der man ohne optisches und akustisches Gebrüll sehr gut verstanden wurde.

Mercedes-Benz 280 SL Pagode
Mercedes-Benz 280 SL Pagode

Nach kurzen und sehr unterhaltsamen vier Stunden schlendert der W 113 wieder auf den Hof des Mercedes-Benz Classic Center in Fellbach. Über den kurzen aber heftigen Regenschauer verlieren wir nicht viele Worte, nur so viel: Das Dach ließ sich problemlos über den Kopf spannen, die Reifen haben den Roadster auch bei einer Wassertiefe von zwei Zentimetern sicher nach vorn getrieben, der Motor arbeitete nicht, er erfreute uns mit seiner Ruhe und seiner Gelassenheit, das Fahrwerk, die Karosserie und die restliche Technik des 71er Jahrganges zeigten sich in bester Verfassung und die Ankündigung des Technikers vor der Abfahrt, dass der W 113 ein problemloses und alltagstaugliches Auto sei, konnten wir auf den gut einhundert Kilometern jederzeit spüren. Kurz und gut: Der 280 SL ist ein Klassiker nach bester Mercedes-Manier. Er kann rennen, flanieren, transportieren, die Sonne einfangen, Regentropfen abhalten und richtig gut aussehen. Zum Glück hat der SL der Baureihe W 113 noch keine Höhenflüge beim Preis gemacht, das mag auch daran liegen, dass es noch ausreichend verfügbare Exemplare gibt. Wer einen Roadster oder eine Pagode mit festem Dach kaufen will, sollte unbedingt vorher bei einem Classic Center von Mercedes-Benz eine Probefahrt machen, es gibt auch Clubs, die sich ausschließlich mit der Pagode beschäftigen.
Text und Fotos: Ralf Bernert

Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert
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Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert

Hier die Internet-Adressen:

Pagode-Club
Mercedes-Benz Classic

Und hier die technischen Daten unseres Testwagens:

Model: W 113 E 28
Baumuster: 113.044
Motor: 6-Zylinder Reihe
Motortyp: M 130
Leistung: 170 PS bei 5.750 U/min
Drehmoment: 240 Nm bei 4.500 U/min
Tank: 82 Liter

Radaufhängung vorn: Doppelquerlenker-Achese
Radaufhängung hinten: Eingelenkpendel-Achse mit Ausgleichfeder
Bremsen: Scheibenbremsen vorn und hinten
Räder: 185 HR 14 / Tiefbettfelge 6 J x 14 HB
Getriebe: 4-Gang Automatik

Fahrleistungen:
Topspeed: 195 km/h
0-100 km/h: 9 Sekunden
Verbrauch: 11,4 Liter

Maße:
Länge: 4.285 mm
Breite: 1.760 mm
Höhe: 1.320 mm bei geschlossenem Verdeck
Radstand: 2.400 mm
Wendekreis: 10.35 m
Leergewicht: 1.360 Kg
Zuladung: 355 Kg

Stückzahl: 23.885
Preis 1971: 26.640,00 DM

Quelle: Mercedes-Benz Classic