Exclusive-Life

driven by exception

Mercedes-AMG SL 55

Die technischen Daten (laut Hersteller)

Motor: V8 Biturbo

Leistung: 350 kW / 476 PS

Drehmoment: 700 Nm 


0-100 km/h: 3,9 s

Top Speed: 295 km/h



Preis: folgt



Bock to tradition?


Ein Roadster alten Stils. Die 50er sind wieder da. Fast. Eigentlich. Denn der neue SL ist anders. Erstens, weil er muss und zweitens, weil er kann. 476 PS verteilt auf fast zwei Tonnen. In Kalifornien. 

Der Pazifik schaut zu, das Verdeck verschwindet und die Sonne ruft diesen Roadster zum Dienst.


Schnell und Leicht, super-leicht und so weiter. Die Kombination SL wurde und wird gerne mit Leben gefüllt. Und wir erinnern uns an eine kurze und recht emotionale Fahrt im 190er der SL-Reihe. Eine Dame in Frankfurt machte den Zweisitzer, der nicht so recht das große S mit den Begriffen „schnell“ oder „sport“ füllen konnte. 105 PS waren auch damals mit 1.200 Kilo leicht überfordert. Und jetzt, fast siebzig Jahre später, sitzen wir auf 476 Pferden und lassen den Gasfuß entscheiden, welche der beiden Stärken des SL 55 wir erleben wollen.  


Morgens gegen 08.00 Uhr in Newport Beach. Die Sonne ist schon auferstanden, Surfer sehen aus wie Robben, der Pazifik klopft fast schüchtern an den Strand und man fragt sich, wie lange ein Surfer auf einer 1,5 Meter-Welle überleben kann. Der Pazifik-Highway erträgt eine ganze Armee voller glücklicher Menschen, die auf dem Weg ins Büro einem nagelneuen SL begegnen, der aussieht, als wäre der junge Mann hinter dem Steuer auf dem Weg zum Golfplatz. Polohemden-Atmosphäre, Wind im Resthaar, einen Kaffee to drive, irgendwer singt irgendwas und der Modus „Komfort“ könnte nicht besser passen. Alles hier duftet nach Komfort. Der Asphalt liegt satt und gemächlich unter uns. Keine Dellen im Boden, keine Löcher. Nur der Blick nach rechts in Richtung Japan und nach links in Richtung Wüste oder Steinsteppe. Wir werden es gleich genauer wissen. Vorher noch schnell den Grad an Komfort austesten, von dem uns die Leute von AMG berichtet haben. Auch deshalb, weil sie den Unterschied zum AMG GT Roadster verdeutlichen wollen. Der ist nämlich der Sportler, der auf Druck spezialisierte. Der SL aus Affalterbach soll beides können: Komfort und Sport. 


Der Achtzylinder unter der Haube weiter vorn blubbert sehr gemächlich vor sich hin. Das neue Fahrwerk mit aktiver Hinterachslenkung, Stahlfedern und jede nur erdenkliche Einstellung für verschiedene Untergründe und Lüste, also von Komfort, Sport, Glätte, Nässe und sogar Track, ist alles dabei. Ob der SL-Eigner den Glätte-Modus jemals in Aktion erleben wird, ist eher unwahrscheinlich. Die klassische Nutzungs-Variante dürfte dann doch zwischen Komfort und Sport wechseln. Je nach Laune und Strecke. Wir starten im komfortabel und schlendern den Pazifik-Highway entlang. Der V8 säuselt fast lautlos vor sich hin, hier und da kitzeln wir das Gaspedal, der Vierliter plus BiTurbo läßt den knapp zwei Tonnen schweren 2+2-Sitzer dann auch mal kurz nach vorn springen, gepaart mit dem aus etlichen AMG-Modellen bekannten röhr-grummel-fauch-Gemisch. Man kann diese Form der Kommunikation auch als Warnton verstehen oder als Aufforderung, nun endlich die 476 Pferde aus dem Stall zu lassen. Wir werden sehen und hören.


Links abbiegen, ein paar Meilen vorher erkundet der Mensch die Maschine. Begriffe wie Interface, Fingerübungen und Sprachsteuerung machen die Runde. Der Mega-Monitor auf der Mittelkonsole sitzt da und wartet auf Kommandos per Finger oder verbaler Kommandos. Das MBUX, also die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine ist auf dem neuesten Stand der Technik. Nur das offene Dach und die entsprechenden Außengeräusche verhindert den ersten Smalltalk mit dem SL. Man schreit den Wagen an und der antwortet zickig mit „Ich verstehe nicht“. Das erinnert an Dialoge mit Menschen auf dem Beifahrersitz, Selbstgespräche sind manchmal sinnvoller. Also, rechts ran, in 15 Sekündchen den Hut aufsetzen und dem Wagen erzählen, dass es zu warm oder zu kalt ist. Der Wagen versteht und reguliert. Das Navi wird geprüft und besteht. Dann am Straßenrand, Fingerabdrücke auf dem Bildschirm hinterlassen. Das Menüsystem ist für Neulinge in einem Mercedes ein wenig fremd. Mac-User trifft auf Windows-Nutzer. Aber es geht schneller, als man glauben will. Die Schwaben haben nachgedacht und der Zeigefinger findet seinen Weg.  

Und dann der Sportler im SL. Sportmodus gewählt, die acht Zylinder treten in kurzen Hosen an. Die Straße hält ausreichend Kurven und Geraden in ausreichender Zahl bereit. Dach weg, den Hintern von rechts nach links bewegt, der Sitz umarmt uns spürbar, Lenkung, Federung und Gaspedal melden sportive Einsatzbereitschaft und der Gasfuß senkt sich deutlich engagierter. 


Die erste Biegung, irgendwer hat die Straße gesperrt, vorn und hinten niemand zu sehen. Ein paar Riesen haben ihre unrunden Murmeln am Straßenrand abgelegt, Leitplanken der gröbsten Art und der SL erinnert sich seiner Historie. Er rennt los, er schreit, brüllt und warnt den Gegenverkehr. Aus dem komfortablen Roadster springt der Sportler hervor und dieser Kollege weiß sehr genau, was er will und kann. Mitten hinein in Richtung Scheitelpunkt, nichts wankt, vibriert oder zeigt auf anderem Weg irgendeine Unsicherheit. Wir fügen das Wort Souveränität hinzu. SL ist gleich Souverän und leichtfüssig oder lässig. Der Wagen streckt seine Nase in die Kurve, der Rest folgt blitzschnell, am Scheitel zweimal mit dem linken Zeigefinger gewippt, Gang Zwei liegt so schnell an., als hätte er auf seinen Einsatz gewartet. Drehzahl hoch, Sound eindringlich, Gas gegen, die Lenkung langsam öffnen und die Gerade hinter der Kurve wird zur Startbahn. Wie auf der Rennstrecke, nur ohne Auslaufzonen. Kurve um Kurve, Gerade um Gerade werden erobert. Der SL ist in seinem zweiten Element. Man überlegt kurz, ob der Kollege SL 63 das noch besser kann. Vermutlich ja, aber wirklich notwendig sind die knapp 100 Mehr-PS tatsächlich nicht. Es sei denn, man will den 55 überholen. 


Das Kurven-Geraden-Spielchen könnte stundenlang so weiter gehen. Irgendwann bremst ein Viertürer die wilde Hatz nach noch schnelleren Kurvendurchfahrten. Wieder Komfort, diesmal ferngesteuert. Stoßstangen-Tango. Die Soundanlage tritt zum Dienst an. Sting singt was über einen Briten in New York, die vier wirklich großen und eindrucksvollen Luftdüsen spielen mit. Fast lautlos und sehr motiviert. Der Luftschal liefert Kuschel-Luft und irgendwann zählen wir Palmen am Straßenrand. Palm Springs taucht auf und wirkt wie die natürliche Umgebung für einen SL. Der V8 kümmert sich rührend um eine zur Umgebung passende Akustik, er wummert ein wenig. 


Wir ziehen ein kurzes Fazit. Nach einem Tag im SL 55 aus Affalterbach freuen wir uns über reichlich zeitgenössische Technik, einen Roadster, der spricht und hört. Einen SL, der rennen und swingen kann und eine Inneneinrichtung, die ungemein bequem und, bei Bedarf, auch sportlich straff sein kann. Die Hinterachslenkung hat uns Freude bereitet, weil sie bei hohen Tempo dem Wagen noch mehr Traktion und Sicherheit verleiht und auf Parkplätzen das Thema Wendekreis spürbar in den Mittelpunkt rückt. Bleibt noch die Frage welchen Unterschied wir zum AMG GT Roadster erkannt haben. Einen deutlichen Unterscheid. Der SL kann Komfort deutlich souveräner darstellen, der GT ist beim Thema Wums und Dampf diesen deutlichen Tick spitzer.