Lost Race Tracks: Nachtschicht
Die Start-Ziellinie ist leer. Hier und da kommt ein Auto vorbei. Neugier kennt keine Grenzen. Man steht auf der Pole und aktiviert die Warnblinker, Launchcontrol bei Nacht. Das Schleizer Dreieck schläft und wir schalten das Licht ein.

 

Foto: Heiko Seibel
Foto: Heiko Seibel

 

Auf dem Weg zum Sachsenring lohnt ein kleiner Umweg. Man nimmt die Ausfahrt 28 auf der A8 Richtung Berlin/Dresden und dann hält man die Augen auf. Irgendwann sieht man Weiß-Rot-Weiß. Am Straßenrand, klein, ungewöhnlich und ein wenig ramponiert. Als würden Autofahrer immer wieder mit Absicht darüber fahren. Reifenabrieb hat sich hartnäckig an den Curbs gehalten, wie Moos auf Steinen. Nur eben ein wenig dunkler. Ein wenig Motorsport, ein wenig David Lynch. Würde man jetzt anhalten und den Finger auf die Curbs legen, man könnte die Vibrationen noch spüren. Spooky, so gegen 23 Uhr. Das Ganze findet dann seine Steigerung, wenn man irgendwann ein paar alte Reifen ignoriert, die da mitten auf der Straße liegen, die rechts von der B3 abbiegt.

Man hat vorher diskutiert. Ein Umweg von gut achtzig Kilometer. Nachtruhe kann man haben, oder eben auch nicht. Rechts ab, die Reifen werden umfahren, die Wiese streichelt die Reifen des Evoque, wie lange war der Range Rover nicht mehr im Gelände. Muss man einen SUV regelmßig um den Block fahren, wie den Jagdhund, der die Hatz braucht wie das tägliche Futter? Egal, man rollt bei Dunkelheit eine leichte Linkskurve entlang, man sieht wenig. Und dann taucht eine gut 1,40 Meter hohe Mauer auf. Im Scheinwerferkegel liest man: „www.schleizer-dreieck.de“. Anhalten, Aussteigen. Jetzt sieht man Markierungen auf dem Asphalt und dann sogar die Ampel. Hoch oben, ohne Grün, dafür längs aufgereit. Eine Startampel. Kein Moos, keine Spinnweben. Hier wird Motorsport gemacht. Immer noch, immer schon.

 

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Seit 1923, die Eifel schläft noch, werden hier Rennen gefahren. Deutschlands älteste Naturrennstrecke. Damals um sieben Kilometer im Dreieck. Die Kriege sorgen für Unterbrechungen, in den 50er Jahren werden 250.000 Menschen hier gezählt. man spricht von Wiedervereinigung, Fans und Fahrer aus beiden Teilen Deutschlands pilgern nach Schleiz. Motorräder waren hier unterwegs. In den 60er Jahren kommt die Formel 3 hinzu. Man kürzt die Strecke, heute werden 3,8 Kilometer gefahren. Man fährt immer noch durch bewohntes Gebiet, man kan als Anwohner aus dem Fenster schauen und Motorsport erleben.

An Hotelbetten denkt niemand, der Scheinwefer ist ufgebaut. Kamera? Läuft. Ton? Läuft. Bitte.
„Wir stehen hier an der Start-Ziellinie des Schleizer Dreckecks. Hier werden seit 90 Jahren Rennen gefahren. Hier oben gehts dann nach links, auf die Landstraße und dann fast vier Kilomter wieder zurück an diese Stelle.“ Danke.

Eine Gopro saugt sich auf dem Range Rover fest, das Rotlicht blinkt. Eine Runde Schleizer Dreieck bei Nacht. Immer wieder Curbs, oft doppelte Leitplanken, hier und da Reifenstapel. Unverkennbar Rennstrecke. Unverkennbar Race Track. Nicht lost, aber eine wunderbare Perle an unserer Kette.

Wer mal den Spirit dieser Naturstrecke erleben will, schaut sich auf www.schleizer-dreieck.de an. Dort zeigen die Betreiber der Rennstrecke und der Rennen, weshalb sich ein Weg nach Schleiz lohnt.

Wir packen das Licht wieder weg, ein paar Fotos, das Video kommt später. Erst zum Hotel, dann zum Sachsenring. Und hier noch drei Aufnahmen, die uns Jürgen Müller vom Schleizer Dreieck zur Verfügung gestellt hat.

 

Foto: Jürgen Müller
Foto: Jürgen Müller
Foto: Jürgen Müller
Foto: Jürgen Müller
Foto: Jürgen Müller
Foto: Jürgen Müller

 

Text: Ralf Bernert

Foto: Heiko Seibel

Noch mehr Lost Race Tracks: www.der-probefahrer.de