Lost Race Tracks: Alma oder der ovale Bolzplatz
Man bräuchte eine Machete, ein paar Gummistiefel und vielleicht ein Moskitonetz vor dem Gesicht. Es fängt mit ein paar Bildern an, es geht weiter mit der Suche nach den Kurven und endet mit nostalgischen Momenten.

 

alma-ring-aufmacher

 

Manfred Leuner und Gerd Kummetat sind nach der erfolgreichen Suche nach dem Alma-Ring in Gelsenkirchen erleichtert und auch überrascht. Man könnte nach ein paar Gärtnerarbeiten gleich wieder losfliegen. Der Asphalt noch etwas holprig, die Leitplanken noch ein wenig ramponiert. “Das war ich mit meinem Käfer.” Manfred zeigt auf eine dicke Delle. Das nennt man Archeologie unter Motorsportlern und die Delle nickt freundlich zur Bestätigung.

Das Malheur ist dreißig Jahre her und die Kaltverformung, wie Gerd Kummetat sie nennt, gehörte damals zum normalen Umgangston. Man checkte mit drei Autos vor der Kurve ein und einem gelang dann hier und da der Abflug. Auf Alma, einer ehemaligen Zeche, ging man Mitte der 70er Jahre zuerst mit sogenannten Altautos aufeinander los, irgendwer schaffte dann in einer Nebelaktion den notwendigen Teerbelag auf die Strecke, die Zuschauer bekamen einen Erdwall, damit man mehr sehen konnte. Bis zu 3.000 Zuschauer zahlten ein paar Mark, für Reifen, Benzin und sonstige Kosten. Die Pokale wurden von einem Sponsor gestiftet. Manfred hat seine sicher noch gut aufbewahrt.

Wir kommen vom Bilster Berg, diesem perfekt in die Umwelt eingepflanzten Paradies für Enthusiasten der schnellen Fortbewegung auf zwei oder vier Rädern. Der Evoque rollt von Bad Driburg nach Gelsenkirchen und begegnet dort zunächst ein paar Autos, die man ohne Übertreibung als sehr schnelle Käfer bezeichnen kann. In der Werkstatt von Gerd Kummetat werden die Volkswagen mit reichlich Erfahrung und Kompetenz zu echten Kraft-Käfern veredelt. Sogar ein Mille-Miglia-Käfer glänzt mit italienischer Lebensfreude. Gerd zeigt uns, was er mit dem Boxermotor so alles anstellen kann. Das ist keine Bastelarbeit, sondern feinste Motorentechnik und seine Erfahrungen hat er damals als Mechaniker, Techniker und Schrauber erlernt. Seinen Käfer schickte Manfred Leuner durch die Kurven. Beide siegten regelmäßig und das Jubeln im Gesicht haben beide nicht verloren.

Man stapft durch den sehr nassen Boden, man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht und dann entdeckt man links einen kleinen Durchgang. Dahinter könnte ein durchsichtiger Sarg stehen, darin eine junge Dame im Märchen-Koma. Ich küsse hier niemand wach.

Manfred und Gerd laufen voraus, Alex und ich hinterher. Der Kameramann, samt Ton und Fotograf hinterher. Ein kleiner Erdwall, ein paar Büsche und die Asphaltpiste glänzt dunkel und einsam vor sich hin. Ein Motorsport-Pabst würde jetzt auf die Knie gehen, wir bewahren Haltung und biegen rechts ab. Gegen die Fahrtrichtung und mit den beiden Helden vornweg. “Weißt Du noch?” “Das hätte ich nicht gedacht.” “Ist schon lange her.” Gelsenkirchen, Motodrom, Alma, Käfer, Golf, Kadett B, Hundeknochen, hier und da ein Cabri oder ein 914. Hier tobten sich viele Jungs aus. Und der Geruch von Gummi, Kupplung, Bremsen und Benzin vermischt sich zu einem Parfum, das ich ganz spontan als Motorsport-Schweiß bezeichne. Kann man das kaufen? In einem Flakon aus Blech, Carbon und verpackt in einem Karton aus Leitplanken-Stahl. Wozu an einem Auspuff schnuppern?

Man dreht ein paar Runden, vier Startlnien sind noch zu sehen. Rot, Blau, Gelb und Weiß. Jweils für die Fahrzeugklassen. Man fuhr ohne Vertrag, ohne Antrittsgeld, ohne Boxengasse. Dafür mit Visier, Ehrgeiz, Sportsgeist und dem Traum von Sieg und Erfolg. Damals, Anfang bis Mitte der 80er, konnte Manfred in seinem wilden Käfer über eine Karriere als Rennfahrer nachdenken. Er fuhr auch auf anderen Stecken, in Holland. Gegenbesuche gab es auch, aber die Strecke und ihre Linie waren nicht für PS-Riesen gedacht. Irgendwann erlosch der Glanz, man fuhr zum Nürburgring, auf die Nordschleife oder eine andere Strecke. Dort, wo man neben Talent, Begeisterung und Schnelligkeit auch viel Geld und Material braucht. Das Gegenteil vom Bolzplatz Alma eben. Dafür haben Menfred, Gerd und die anderen Jungs eine Menge Spaß erlebt. Vor 3.000 Zuschauern. Mit Pommes, Currywurst und ´nem, kühlenPils.

 

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Für uns endet hier die Erkundungsfahrt. Unser Weg führt uns nun nach Hamburg. Ins Shell Innovations Zentrum. Dort wird der Treibstoff für die ganz Großen entwickelt. Manfred und Gerd jedenfalls haben noch einmal die Kurve gekriegt und sind wieder im Rennmodus. Zumindest im Geiste.

 

Manfreds Erinnerungen
Manfreds Erinnerungen
Gerd Kummetat als Ausbilder
Gerd Kummetat als Ausbilder
Manfred und Gerd am Alma-Ring
Manfred und Gerd am Alma-Ring

 

Text: Ralf Bernert
Fotos: Heiko Seibel

Gerd Kummetat findet man hier

 

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Und hier gibt´s einen neuen Film