Lexus ES 300h – Mitten in der Arena

Fahrbericht Lexus ES 300h – Foto: Lexus

Ein ES 300h steht vor der Tür. Neu in Deutschland, neu in Europa. Herzlich willkommen und viel Vergnügen bei dieser spannenden Reise in einen Markt, der so verschlossen ist, wie die Tür zu einem Club, der für seine knallharte und nicht immer sportliche Tür bekannt ist.

Natürlich ein Hybrid, ein Vollhybrid und wir wissen genau, was nun kommt. Der angegebene Verbrauch weicht nur unmerklich von der Realität ab, das Thema Ladestelle ist kein Thema und man fährt niemals mit einem leeren Stromspeicher durch die Gegend. Bei Lexus gehen die elektrischen Uhren nicht nur anders, sie gehen genau, sehr genau.

Eine Limousine, mit dem typischen Lexus-Edelstein ganz weit vorn. Sehr markant, Kommentare provozierend. Vor allem, diejenigen, die seit Jahren über den Einheitsbrei deutscher Design-Künstler meckern, stehen vor dem Wagen und schütteln den Kopf, weil man derart viele Ecken und Kanten schon nicht mehr zählen, geschweige denn einordnen kann. Richtig so, die Japaner heben keinen Zeigefinger, sie machen es einfach anders. Was uns gefällt, ist die Klarheit, mit der man das bei Lexus macht.

Fahrbericht Lexus LC500

Der ES, bisher in Europa nicht erhältlich, steht da mitten in Malaga, direkt vor dem Portal eines klassisch, mondänen Luxus-Hotels. Die Säulen, links und rechts der Drehtür, stehen Spalier und der Doorman würde zu gern der erste sein, der diesen Wagen in die Tiefgarage lenkt. Sorry Freund, ich hab´ den Schlüssel, ich fahr´ in weg. Richtung Meer, Richtung Berge und zur eigenen Orientierung, auf das mir dieser Neuling seine Geschichte erzählen möge.

Neu ist er nicht. 1989, Lexus war eine noch sehr junge Firma und der ES war damals der kleine Bruder des LS 400. Bis 2019 sollte es dauern, bis der ES seine Reifenspuren in Europa hinterlassen konnte. Einer seiner Vorgänger, der ES 300, gebaut zwischen 2002 und 2006, war in den USA das meistverkaufte Premiumfahrzeug, was die Leute von Mercedes, BMW oder Cadillac ganz schön ärgerte. Aber der ES war sein Geld wert. Das Thema Qualität war den Ingenieuren und Managern bei Lexus schon damals ungeheuer wichtig und das hat sich bis heute nicht geändert.

Weil wir Deutsche ja so viel Wert auf Spaltmaße, sauber sitzende Knöpfe und Handschuhfächer die beim Öffnen nicht quietschen, legen, haben die Menschen bei Toyota und Lexus wie immer extra gut aufgepasst, dass alle Ritzen, Kanten und Spalten schnurgerade und perfekt parallel laufen. Sie haben nur die besten Knöpfe, Schalter und Hebel eingebaut und für die Scharniere im Handschuhfach wurde nur das allerbeste Schmiermittel verwendet. Und genau das merkt man auch. Eingestiegen, den Popo auf bestem Leder niedergelassen, die Hände freuen sich über superexakte Nähte und alle Knöpfe und Schalter sitzen bestens.

Fahrbericht Lexus LS 500h

Dann startet man den Motor und, wie bei allen Lexus- oder Toyota-Hybriden, ist erst mal Ruhe. Die Instrumente erwachen zum Leben, der große Monitor auf der Mittelkonsole zeigt sein Programm und wenn man das Bremspedal niederdrückt und den Fahrhebel bis auf D nach hinten durch die Kulisse zieht, ja dann läuft er los und macht keinen Mucks. Ok, die Reifen drücken ein wenig hörbar auf den Asphalt, aber sonst: nothing.

Im Malaga-Getümmel läuft der Japaner, ein wenig auffallend zwar, aber schön kultiviert, von Ampel zu Ampel. Der Verbrenner schaut sich die Nummer in aller Ruhe an, wenn der Gasfuß den kleinen Ampelsprint fordert, kommen die Kolben ins Arbeiten, der V6 drückt ein wenig Vortrieb an die Räder, das Auspuff-Team schickt ein lockeres Brummen an die Endrohre und man wartet auf den Landstrassen-Ausblick, auf das die 218 PS den Lexus etwas hurtiger nach vorn laufen lassen. Wir wissen, dass für den Asiaten keine Renn-Lizenz beantragt wurde, 180 km/h sind, vor allem für uns Teutonen, eine eher schüchterne Ansage. Halt mich blos´ raus aus der Heizerei. Autobahnen sind Verbindungen von A nach B, möglichst ohne Kurven. Erzähl´ das mal dem Audi hinter dir.

Fahrbericht Lexus ES 300h – Foto: Lexus

Bis wir in Deutschland also ein generelles Tempolimit haben, wird der ES 300h, den Preis des Chefdynamikers nicht erzielen. Aber das können der LC 500 und die F-Varianten sowieso besser. Der ES hat andere Stärken. Ruhe und Gelassenheit zum Beispiel. Oder Komfort und Charme. Der Innenraum. Wir kennen das Thema schon aus dem edlen LS und aus anderen Modellen von Lexus. Auffallend ist die exzellente Konfiguration aller Instrumente und die klare Umsetzung des Fahrer-orientierten Cockpits. Drei Punkte stören uns: die beiden Dreh-Drück-Hörnchen links und rechts aussen an der Hauptinstrumenten-Hülle. Das Touchpad, dessen Bedienung durch die ruckelige Bewegung des Cursors schon nervt und immer mehr Geduld fordert, als man gerade zur Hand hat und das Lenkrad, dessen Bestückung mit Druckfeldern schon arg motiviert geraten ist. Aber sonst. Super stylisch, bestens eingearbeitet, extrem wertig und luxuriös. Und dann noch: unverwechselbar, im positivsten Sinne.

Fahrbericht Lexus ES 300h – Foto: Lexus

Die Fahrt über Land ist eine Entspannungsübung. Leise, weil sehr gut gedämmt und der Vierzylinder arbeitet scheinbar nicht, er ist aktiv und er will scheinbar die Leute im Auto nicht stören. Das kann für den eingefleischten V8-Hardcore-Mechanik-Nerd ein wichtiger Grund zu totalen ES-Abstinenz sein, alle anderen, denen Autofahren ohne die Schreie aus dem Endrohr, ohne Gebrabbel und Gebrumme als echter Fortschritt gilt, werden vor Freude sehr leise kreischen. Der ES ist ein Auto für die Vorbereitung auf einen Urlaub auf einer Auto-freien Insel. Bevor jetzt genau die abwinken, die auch mal schnell um´s Eck laufen wollen, der ES kann das. Im Modus Sport+ kann der Viersitzer zwar keine Rekordzeit auf der Nordschleife einfahren, aber er kann, dank eines sehr guten, weil präzisen Fahrwerks, einer feinen Lenkung und einem überraschend sauber ansprechenden E-Motor- und Verbrenner-Teams überzeugend aus sich rausgehen. Das sind dann keine Wutausbrüche, aber der Truck vor dir kann dich recht schnell nicht mehr sehen.

Und dann sitzen wir hinten und unsere Knie staunen, ob derart viel Raum vor der Nase. Man hat bei Lexus überlegt, wie es wohl wäre, wenn der Innenraum mehr als nur eine Abstellkammer für europäische Oberschenkel wäre. Ok, mehr als ein Meter Abstand zwischen den Sitzreihen ist ein wirklich guter Wert. Mit 180 Zentimeter bis du im Fond des ES ein herzlich willkommener Gast, der sich dann ziemlich schnell fragt, ob die Sound-Anlage hier hinten ein paar saftige Töne herzaubern kann. Kann sie und das mit Nachdruck. Es wippen der rechte Fuß zum Takt, der Kopf spielt mit, Stereo Classic Rock. Sting haut einen raus und der Lexus verliert jede Form der Lautlosigkeit. Zumindest im Innenraum.

Fahrbericht Lexus ES 300h – Foto: Lexus

Nach rund fünf Stunden ist die kurze Tour zu Orientierung vorbei. Der Doorman darf jetzt auch mal ran und er freut sich. Der ES ist, ein höchst interessantes Auto. Wegen seiner Ecken, Kanten, seiner Technik und dem ehrgeizigen Hang zur Besonderheit. Unser Fazit: unbedingt testen.

Fotos: Lexus

Die technischen Daten laut Hersteller:

Lexus ES 300h
Motor: 4-Zylinder Reihe Benzin
Hubraum: 2.487 ccm
Leistung: 132 kW / 178 PS bei 5.700 U/min
Drehmoment: 221 Nm bei 3.600 bis 5.200 U/min
E-Motor:
Leistung: 88 kW / 120 PS
Drehmoment: 202 Nm
Systemleistung: 160 kW / 218 PS
Antrieb: Vorderräder
Getriebe: stufenlos

Maße:
Länge: 4.975 mm
Breite ohne Spiegel: 1.865 mm
Höhe: 1.445 mm
Radstand: 2.870 mm
Kofferräume: 454 l
Leergewicht: 1.680 Kg
Wendekreis: 11,9 m
Tank: 50 l

Für´s Gelände:
Watttiefe: 450 mm
Rampenwinkel: 17 Grad
Böschungswinkel vorn (hinten): 21 Grad (28)
Steigfähigkeit: 22,4 Grad
Bodenfreiheit (voll beladen): 152 mm

Fahrleistungen:
0-100 km/h: 8,9 s
Top Speed: 180 km/h

Verbrauch/CO2 nach Euro 6d-Temp
Verbrauch kombiniert: 4,6 l/100 km
CO2 kombiniert: 106 g/km

Preis in Deutschland ab: 57.900,00 Euro inkl. MwSt.