Lamborghini stellt den offenen Huracán EVO auf die Hinterbeine und läßt den Enthusiast erstmal bis in den Sommer mit einem ganzen Stall an Vorfreude warten. Lockere 210.000 Euro sollte man mitbringen, plus knapp 130 Euro für einen vollen Tank.

Das Coupé mit Hinterradantrieb und der EVO-Lution ist schon am Start. Dass der Spyder dann auch noch anrollt, ist erwartbar, logisch und sicher ein schönes Geschäft für Sant´Agata. Seit der Frisör in Deutschland wieder schnibbeln darf, kann man sich schon mal den passenden Ü-250-Schnitt verpassen lassen. Unser Tipp: Ein klassischer Crewcut. Zehn Millimeterchen, damit es richtig schön auf der Kopfhaut kitzelt.

Wir erinnern uns. An den Aventador S Roadster, im letzten Sommer. Das Verdeck per Handarbeit demontieren. Ein Erlebnis. Und die schiere Kraft des V12. Saugmotor, magnetische Wirkung auf junge Menschen. Und nun der Huracán. Mit Heckantrieb, Verdeck per Motoren in 17 Sekunden versenkt, bis 50 km/h. 610 Pferde, ohne Zusatzbeatmung. Allein der Klang der Ansaugmusik wird ein Fest. Den ersten Huracán fuhren wir in Italien und der hat uns mit einer sehr guten Balance, dem Saugmotor, der Leistungsentfaltung und diesem typischen Lamborghini-Layout sehr gut gefallen.

Dass der Hecktriebler, auch als Spyder, ein Erfolg wird, halten wir für sehr wahrscheinlich. Auch weil uns vor Jahren der damalige, sehr sympathische und höchst kompetente Lamborghini-Tester Valentino Balboni anschaulich aufzeigte, weshalb ein Lamborghini mit Heckantrieb immer diesen deutlichen Kick emotionaler und aufregender ist. Wir fuhren mit ihm eine gute Stunde umher, immer am Rande des Nervenzusammenbruchs der übrigen Verkehrsteilnehmer. Immer extrem sicher, höchst konzentriert und den Blick auf das Wesentliche gerichtet. Damals stand für uns fest: Ein Lamborghini mit Heckantrieb ist die beste aller Lamborghini.

Lamborghini Huracán EVO Rear-Wheel Drive Spyder – Sommer-Lustgefährt

Und nun der Spyder. Mit Animateur am Volant und der sollte, mit erster Vorsicht, auf SPORT eingestellt werden. Für den 610-PS-Drift-Hype. Dann soll, laut Lamborghini, das Thema Drift per Schlupf den Mensch im EVO RWD so richtig ausgelebt werden können. Also anstellen, einlenken, per Gasfuß den Takt geben und dann, wieder per Gasfuß auf den rechten Weg der Traktion führen. Natürlich mit ausreichend Raum um den Wagen und bitte nicht auf öffentlichen Straßen.

Wir wollen nun ein wenig fantasieren, basierend auf eignen Erfahrungen. Der EVO RWD Spyder wird nicht alle Lamborghini-Fans begeistern. Da sind die Allrad-Freunde, die Coupé-Enthusiasten und die Aventador-Liebhaber, denen zwölf Zylinder als Maß allen Irdischen Lebens im automobilen Logbuch steht.

Und dann sind da die Lamborghini-Puristen, denen ein Klassiker mit Stier im Logo nicht schnell genug, nicht modern genug und teilweise auch zu teuer ist. Die knapp 210.000 Euro sind auch kein Pappenstiel, aber sie lassen sich durch ein intensives Gespräch mit dem örtlichen Vertragshändler in monatliche Scheibchen von 1.500 Euro verwandeln.

Egal wie, wir schliessen hoffnungsvoll die Äuglein, schliessen die Fahrertür, lassen den makellos blauen Himmel nebst Sonne in den Innenraum und starten den V10 per Fingerabdruck. Die beiden, das Kennzeichen umrahmenden Endrohre, singen den kurzen aber nicht zu überhörenden Startblues. Das grosse D spielt kurz aber nachhaltig die Hauptrolle, der Gasfuß senkt sich und der Spyder läuft los. Aufwärmen, den Ampel-Swing gebend.

Wir wähnen uns kurz in einem Traum, weil, ein paar Leute kurz darüber nachdenken, ob da nun ein nicht älter werden wollender Endfünfziger sein Reihenhaus in einem Vorort von Mannheim verkauft hat und nun seine Ersatzbehausung spazieren fährt. Das Ding ist blau, flach, hat nur zwei Sitze und vermutlich einen Kofferraum, der kleiner ist als manche Handschuhfächer durchschnittlicher Limousinen. Die Tour geht weiter, ein gelbes Schild mit durchgestrichenem Ortsnamen. In unmittelbarer Nähe ein rundes Schild, mit der Zahl 100 bemalt. Zweiter Gang, Tempo 30 und mal eben so auf 100 km/h beschleunigen. Das geht so schnell, wie ein Fingerschnippen in Zeitlupe. Der Rücken nach hinten gedrückt. Die beiden Lautsprecher da hinten jubeln, schreien, brüllen. Im Vierten Gang dann, den rechten Fuß liften, bevor man ein Foto mit Brief bekommt. Das Spiel wiederholt man oft und gerne, natürlich nur ausserhalb der Ortsgrenzen und auch da, wo man weniger begeisterten Leuten nicht allzu sehr auf die Nerven geht.

Der Traum geht weiter, es folgen Kurven, es folgen Lenkmanöver. Kurze, ausgedehnte, der Wagen rennt da durch wie ein Profi. Also in aller Ruhe, die Pirellis rollen sauber und leise ab, was uns später auf der Autobahn noch besser gefällt. Traktion ist immer mehr als ausreichend vorhanden, das Auto ist steif wie ein Coupé, die Drehmoment-Verteilung liefert den Vortrieb immer dann, wenn man ihn braucht. Vor allem aus Kurven rennt der Italiener wie ein Profi.

Noch kurz auf die Autobahn, vorher das Verdeck über den Kopf. No Limits. Im Tagtraum sind die 324 km/h ein Klacks. 2,47 kg/PS sind schon praktisch, wenn man auf einer leeren Autobahn unterwegs ist. Immer wieder mal runter auf 100 und den Stier im Huracán kitzeln. Als stünde da einer mit dem roten Tuch und wedelt bis der EVO losrennt.

Aufwachen und überlegen, was die Entwickler in Sant´Agata dem Spyder noch so eingepackt haben . Der Frontsplitter ist neu, der Diffusor auch. Im 8,4-Zoll-Monitor wohnt eine ganze Nachrichten-Info-Musik-Zentrale. Und für AppleCarPlay hat sich auch noch eine Ecke gefunden. Dann ist da noch die kleine Heckscheibe, als Windschutz oder Soundverstärker, wenn man sie versenkt. Und was uns besonders gut gefällt: Der EVO RWD Spyder ist ein typischer, moderner Lamborghini. Mit allen Kanten und Ecken, die man erwartet und mit einer Karosserie, die ohne Weichzeichner gestaltet wurde. Jetzt fehlt noch ein Signal aus Italien und wir sitzen dann auch tatsächlich in diesem V10-Saug-Dings.

Foto: Lamborghini

Lamborghini Huracán EVO RWD Coupé
Fahrbericht: Lamborghini Aventador S Roadster
Fahrbericht: Lamborghini Urus

Die technischen Daten laut Hersteller:
Motor: V10 IDS + MPI Doppeleinspritzung
Leistung: 449 kW / 610 PS bei 8.000 U/min
Drehmoment: 560 Nm bei 6.500 U/min
Antrieb: Hinterräder
Getriebe: 7-Gang DKG

Maße:
Länge: 4.520 mm
Breite (mit Spiegel): 1.933 (2.236) mm
Höhe: 1.180 mm
Radstand: 2.620 mm
Wendekreis: 11,5 m
Trockengewicht: 1.509 kg
Tank: 83 l
Laderaum: 100 l

Fahrleistungen/Verbrauch:
Top Speed: 324 km/h
0-100 km/h: 3,5 s
0-200 km/h: 9,6 s
Bremsweg: 100 – 0 km/h: 32,2 m

Verbrach kombiniert nach WLTP: 13,9 l/100 km
CO2 nach WLTP: 335 g/km

Preis in Deutschland ohne Steuer: ab 175.838,00 Euro
Auslieferung in Deutschland ab: Sommer 2020