304 km/h sind´s dann doch geworden und die Hundert haben wir in circa 3 Sekunden geschafft. Eine Landstraße war so frei, so gerade und so sauber asphaltiert. Manchmal klappt nicht alles.

Foto: Lamborghini

Ein Parkplatz, drei Busse aus Norwegen, rund 150 Teenager auf dem Weg nach Budapest. Und dann steht da der Roadster aus Sant´Agata. Mit offenen Türen und diesem Anblick, der dir sagt, das siehst du nur ein paar Mal im Leben, also ran. Unser Testwagen wurde umlagert, umzingelt, zig-mal fotografiert. Vermutlich war er für ein paar Momente der Star im norwegischen Insta-Kosmos. Und wir standen ein paar Meter dahinter, beobachten, amüsieren, wundern und auch ein klein wenig freuen. Auch, weil wir ständig gefragt wurden. Wie schnell, wie laut, wie teuer, wie einfach oder schwer zu fahren, wie irgendwas. Norwegisch ist nicht einfach.

Lamborghini Aventador S Roadster – Oktober-Sonne

Rückblick. Der Roadster wird geliefert. Direkt ab Werk in Norditalien nach Hamburg. Per LKW und natürlich mit Publikum. Ein Obsthändler schaut zu, die weiße Schürze weht im Herbstwind, ein paar Autofahrer ärgern sich, weil wir die rechte Spur belegen. Nach etlichen Gurtlöse-Manövern meldet sich der Motor beim Start. Sofort ist Ruhe. Weckruf, Drohkulisse, Warnhinweis. Egal, Ruhe. Der Chef ist da.

Eine Runde um den Block. Einen Chefsessel finden. Ein paar Bordsteine zeigen ihre Kanten. Zu hoch für den Italiener. Und dann passt es, die 4,7 Meter Italien-Kraft-Konzentrat stehen zwischen Rüsselsheim und München.

Einen Tag später. Die Sonne ist da und das heisst: Dach ab. Was nicht so einfach ist. Kein Knopf, kein Hebel, keine Motoren, die den Deckel anheben und in eine Behausung schweben lassen. Es sind zwei Deckel und es ist Handarbeit. Scheiben hoch, Sitze nach vorn, Verrieglung lösen, Dachhälfte aus der Befestigung heben und vorn im Kofferraum in der richtigen Reihenfolge verankern. Mit Zahlenspielchen, weil jeder Bolzen seine Nummer und jede Halterung im Kofferraum die entsprechende Nummer hat. Am Ende haben wir kein Regal aufgebaut, wir haben einen Roadster. Frischluft Infernale.

Runter vom Chefsessel, im Strada-Modus durch die Stadt. Von Ampel zu Ampel. Zum Glück ist der Start-Stopp-Modus nicht mit dem Aufheulen beim Motorstart gekoppelt. Italienisches Kennzeichen, die Autobahn rückt näher und irgendwie scheint das der Aventador zu spüren. Er vibriert leicht, er will mehr, 120 sind für diesen Wagen das Minimum an Aufwärmübung. Nach dem Startzeichen, also jenem Rund, dass man als grüne Ampel auf der Rennstrecke interpretieren darf, faucht der V12 durch seine Nüstern im Heck einmal kurz auf und rennt davon.

Die Bahn ist trocken, die Mitstreiter sind rar gesät. Jemand muss auf allen Kanälen eine Durchsage gemacht haben. „Ein 740-PS-Italiener ist ab 12.00 Uhr auf der A7 zwischen Hamburg und Hannover unterwegs. Bitte mal an alle Mittelspur-Träumer aufwachen und rechts bleiben. Danke!“

230, 270, 300, 304. Der Motor liefert und liefert. Dazu der Sound, dessen Kooperation mit den physischen Auswirkungen das Zentrum zur Herstellung von Glücksgefühlen in Weihnachtsstimmung versetzt. Auch was. Weihnachten und Geburtstag. Runterschalten, zurück auf Start. Das Sprotzeln, das Fauchen, das Luftholen, das freudige Grinsen des ganzen Wagens, weil er gleich wieder nach vorn rennen darf. Klar darf er das. Sieben, acht mal. Dann ist der Spuck vorbei.

Regen. Heftiger Regen. Gerade als die Hinterradlenkung so richtig schön ins Wirken geriet, als der Druck auf die Hinterachse die beiden Räder noch mehr mit dem Asphalt verband und die Lenkung so herrlich exakt und hart wurde, gerade dann fiel Wasser hinab und verwandelte die Autobahn in eine Rutschbahn. Jedenfalls für alle, die deutlich über 250 fuhren. Also Gasfuß hoch, Bremsfuß runter. Was bemerkenswert sauber funktioniert. Supersportler müssen Bremsen wie die Profis. Exakt, nachhaltig und vertrauenswürdig und das immer und immer wieder. Der Aventador kann das und zwar extrem gut.

Wieder zurück über die Landstraße. Von unten raus. Aus dem Stand, weil grad keiner hinter uns kommt. Und vorn ist freie Bahn bis 100 km/h. Also los. Der Vorderwagen hebt sich leicht, trotzdem alles stabil. Der Roadster stürzt sich in den Sekundenkampf, die Uhr läuft und zack: 3,1 Sekunden. Handgestoppt. Noch mal. Keine Verbesserung. Es liegt dann doch am Fahrer. Das Zehntel bleibt auf der Landstraße liegen. Wer´s findet, darf´s behalten und einrahmen.

Die Sonne kommt noch mal raus. Nur kurz, aber lang genug für eine zweite „Dach-ab-Nummer“. Deutlich schneller und später auch schneller beim Einbau. Kein Regal, nur zwei Dachhälften, die die Oktober-Sonne eingefangen haben.

Die technischen Daten (laut Hersteller):
Motor: V12
Hubraum: 6.498 ccm
Leistung: 544 kW / 740 PS bei 8.400 U/min
Drehmoment: 690 Nm bei 5.500 U/min

Antrieb: Allrad
Getriebe: 7-Gang ISR-Automatik

Maße:
Länge: 4.747 mm
Breite: 2.030 mm
Höhe: 1.136 mm
Radstand: 2.700 mm
Bodenfreiheit: 115 mm (155 mit Lifting-System)
Trockengewicht: 1.625 kg
Tank: 85 Liter
Kofferraum: 140 Liter

Fahrleistungen/Verbrauch:
0-100 km/h: 3,0 s
0-200 km/h: 9,0 s
0-300 km/h: 25 s
100 -0 km/h: 31 m

Verbrauch nach (Dir. EC/1999/100)
kombiniert: 16,9 l/100 km
CO2: 394 g/km

Preis in Deutschland: ab 373.104,00 Euro