Lamborghini Aventador LP 700-4: Rares Gut

Sein Vorgänger war ein komplizierter Genosse. Die Zunge zwischen den Zähnen, ein Murcièlago lies sich nicht so einfach ansprechen.
Nun ist der Aventador geboren, 700 PS mit reichlich Leichtbau und modernster Technik.

Stephan Winkelmann steht auf der Bühne, neben ihm zwei Damen und in der Mitte zwei flache mit Tuch bedeckte Autos. Dann gehen die Lichter aus, die beiden Damen greifen zum Stoff und los geht das Blitzgewitter. Die Szene ist keine Ausnahme, aber sie ist selten. Lamborghini ist nicht Audi, ein neues Produkt ist ein rares Gut und die Fotografen drücken auf den Auslöser wie der Aventador-Fahrer auf sein Gaspedal. Nach gefühlten zehn Minuten gleitet der letzte Fetzen Stoff am orangenen Heck über die Kante, während Lamborghini-Chef Winkelmann über Form, Leistung und Material spricht. Es gibt Applaus, der zweite Wagen wird vom Stoff befreit und die Meute strömt auf die Bühne. Der neue Lamborghini, das Flaggschiff aus Sant´Agata Bolognese wurde zu Wasser gelassen. Ein Kraftprotz mit filigraner Technik für den ambitionierten Sportler im Manne.

Seit gut sechs Monaten wird wild spekuliert. Wie wird der Nachfolger des Murcièlago heissen? Von Miura war die Rede oder irgendein anderer Name aus der Vergangenheit. Die Italiener haben es richtig gemacht, die Zukunft sollte mit einem neuen Namen eingeläutet werden. Wer zu sehr zurück blickt, verliert schnell die Orientierung. Mit dem Namen Aventador hat man bei Lamborghini der Tradition genüge getan, ein heldenhafter Stier dessen Karriere noch nicht allzu lange her ist. Die Fans werden frohlocken, der Neue ist schneller, kräftiger, moderner und braucht sogar weniger Energie aus dem Tank. Die Edelsportler-Schmiede Lamborghini startet mit neuem Elan aus der Krisen-Kurve.

Genf ist ein gutes Pflaster für Marktbeobachtungen. Was bewegt die Nische der Supersportwagen-Schmieden. Design, Nachhaltigkeit, Leistung, Abgrenzung zum Wettbewerb oder auf Qualität. Lamborghini war bis in die jüngste Vergangenheit als der etwas andere Nachbar von Ferrari bekannt. Immer ein wenig aggressiver, kantiger, leuchtender und provokanter als die meist roten Sportwagen aus Maranello. Der kleinere Nachbar namens Pagani baut zwar schnellere und teurere Autos, ist dafür allerdings in puncto Stückzahl eher ein Kiosk im Vergleich mit der Audi-Tochter. Zudem hat Lamborghini eine beeindruckende Historie vorzuweisen. Ein Miura, Countach oder 350 GT ist als Visitenkarte nicht zu unterschätzen.

Jetzt also der Avantador als Nachfolger des 12-Zylinder-Murcièlago, schneller, stärker und vor allem moderner. Stephan Winkelmann, Präsident und CEO von Lamborghini, sprach im Rahmen der Pressekonferenz während des Genger Autosalons von einem “zweifachen Generationensprung” von “Kampfflugzeugen” und von einem hohen “Wiedererkennungswert”.

Lamborghini bleibt sich also treu. Der neue, grosse Lamborghini wird keine neue Ära einläuten, er wird keine Tür aufstossen und er wird auch die Tradition des Hauses nicht in Frage stellen. Der Aventador ist nicht der schnellste, nicht der teuerste und auch nicht der spektakulärste Sportwagen der Welt. Er ist es nicht, weil er es nicht sein will und auch nicht sein muss. Und genau das ist der Grund seines Erfolges. Der neue Lamborghini ist ein Italiener wie er im Buche steht, eine ernsthafte Alternative zu Ferrari oder Porsche. Das Produkt eines Herstellers, der seit Jahrzenten Erfahrungen in der Konstruktion und Produktion von Hochleistungsautomobilen mit Charakter hat.

Die technischen Daten (laut Hersteller)

Motor:
Typ V-Zwölfzylinder, MPI-Einspritzung
Hubraum 6498 cm3
Bohrung / Hub 95,0 mm x 76,4 mm
Ventilsteuerung Ein- und Auslassnockenwellen mit
kontinuierlich variabler Verstellung
Verdichtung 11,8:1
Max. Leistung 700 HP (515 kW) bei 8.250 U/min
Max. Drehmoment 690 Nm bei 5.500 U/min
Emissionsklasse Euro 5 – LEV 2
Abgasreinigung Katalysatoren mit Lambda-Regelung
Kühlsystem Wasser- und Ölkühlsystem im Heck mit
variablen Lufteinlässen
Motorsteuerung Lamborghini Iniezione Elettronica L.I.E.,
mit permanenter Ionenstrom-Analyse
Schmierung Trockensumpf

Antrieb:
Antriebsart permanenter Allradantrieb mit Haldex-
Kupplung Generation 4
Getriebe Siebengang ISR-Getriebe,
Schaltcharakteristik über Drive Select Mode
wählbar
Standard Automatisiertes Schaltgetriebe
Kupplung Zweischeiben-Kupplung, ∅ 235 mm

Karosserie und Fahrwerk:
Monocoque Kohlefaser-Monocoque mit Aluminium-
Anbaurahmen vorne und hinten
Karosserie Motorabdeckung, beweglicher Spoiler und
seitliche Lufteinlässe aus Kohlefaser;
Fronthaube, vordere Kotflügel und Türen aus
Aluminium; hintere Kotflügel aus SMC
Radaufhängungen vorne und hinten querliegende Monotube-
Dämpfer mit Pushrod-System
ESP ESP/ABS, Charakteristik wählbar über Drive
Select Mode
Bremsen hyraulische Zweikreis-Bremsanlage mit
Unterdruck-Bremskraftverstärker,
Sechskolben-Bremssättel vorne,
Vierkolben-Bremssättel hinten
Bremsscheiben Carbon-Ceramic-Bremsscheiben,
∅ 380 x 34 mm vorne, ∅ 355 x 32 mm hinten
Lenkung Lenkung mit drei unterschiedlichen
Servotronic-Kennlinien,
gesteuert über Drive Select Mode
Reifen 235/35 ZR 19 vorne, 335/30 ZR 20 hinten
Räder 19“ x 9J vorne, 20“ x 12J hinten
Wendekreis 12,5 m
Spiegel elektrisch klappbare Außenspiegel
Heckspoiler beweglich in drei Stufen, abhängig von
Geschwindigkeit und Drive Select Mode
Airbags Zwei-Stufen-Fahrer-Airbag und adaptiver
Beifahrer-Airbag, Kopf-Thorax-Airbags in
den Sitzen,Knieairbags für Fahrer und Beifahrer

Abmessungen und Füllmengen:
Radstand 2700 mm
Länge 4780 mm
Breite 2030 mm
Höhe 1136 mm
Spurweite vorne 1720 mm, hinten 1700 mm
Gewicht 1575 kg (trocken)
Verteilung 43 % – 57 %
Kraftstoff 90 Liter
Motoröl 13 Liter
Kühlmittel 25 Liter

Leistung und Verbrauch:
Vmax 350 km/h
0 – 100 km/h 2,9 s
Innerorts 27,3 l/100 km
Außerorts 11,3 l/100 km
Mittel 17,2 l/100 km
CO2-Emission 398 g/km

Text: Ralf Bernert

Fotos: Lamborghini