Abfahren und Ankommen. Und dazwischen dermaßen viel Freude bei der Fortbewegung, dass einem kurz nach dem Start das Ziel komplett egal ist. Im GTC4 Lusso kreuz und quer durch die Lande, ein Erlebnis der besonderen Art.

Eins vorweg: er ist der beste, der feinste, der coolste Ferrari, der uns jemals von A nach B gebracht hat. Eingestiegen sind wir in Frankfurt. Ein Händler mit vollem Schaufenster und einem Besucher, der vielleicht einen 488 oder einen 812 kaufen wollte, der sich aber derart konzentriert nach unserem GTC umgedreht hat, dass man glauben musste, er hat es sich noch einmal anders überlegt.

Nero und Couio, so die Namen der Farben unseres Italieners, Innen und Aussen. Das passt wunderbar, weil die schwarze Hülle dem Wagen diesen deutlichen Hauch von Exklusivität verleiht, ihn verstärkt, obwohl er selbst im langweiligstem, deutschen Silbergrau noch diesen klaren Ausdruck hätte. „Ich bin teuer, ich bin ein besonderes Auto und ich passe nicht zu jedem.“

Das schwarze Kleid, wunderbar harmonisch und ausdrucksstark gezeichnet, sitzt wie angegossen. Die konturierte Fronthaube mit den beiden zeitgenössischen Leuchten, der Grill, den man nicht als ewig hungrigen Schlund sehen muss, sondern einfach als optische Verbindung der beiden mächtigen Radhäuser. Zur Mitte wird der Italiener wieder schlanker, fast zierlich, um dann weiter hinten wieder sein dynamisches Potenzial zu zeigen. Eine Taille ist eine Taille, ist immer eine Offenbarung, wenn sie sitzt, strahlt und passt.

Ferrari GTC4 Lusso V12 – Die Zahl 335

Hinten, die obligatorischen Rundleuchten, vier an der Zahl und weiter unten das Quartett aus Endrohren. Die Heckklappe als Tor ins Alltags-Land. Gepäck, Weinkisten, Hut- und Schuhschachteln. Und der Diffusor weiter unten verwaltet die Winde des Ferrari, es passt so gut zusammen. Alltag und Traktion. Top Speed und Ampel-Rot. Viersitzer und die Zahl 335.

Genau dann, wenn der rote Knopf am Lenkrad gedrückt wird, wendet sich der Motor seinem Publikum zu. Der Vorhang hebt sich, die Drehzahlnadel springt kurz auf, als hätte man sie mitten im Traum mit einem Eimer kaltem Wasser geweckt. Dann wieder Ruhe und Gelassenheit. Erster Gang, Gasfuß nach unten, sehr sachte zunächst, der Wagen rollt los, steht an der Hauptstrasse und wartet auf die Lücke, dann mehr Gas und der Viersitzer rennt los, wie ein Teenager, der zu seiner ersten Party läuft.

Aufgeregt ist nur der Fahrer. Nach ein paar Minuten legt sich das. Bis die erste Landstrasse kommt und vorab schon mal eine Einladung schickt. Per Schild. Dann Ortsausgang, Limit 70, Limit 100. Der V12 saugt und saugt Luft, steckt sie gemeinsam mit Superbenzin in jeden einzelnen Zylinder, quetscht das Gemisch zusammen, erschreckt das Ganze per Zündfunke, die ganze Nummer explodiert, zwölf Kolben geraten in heftigste Wallung und am Ende drehen sich mindestens zwei Räder, oder vier. Je nach Gang. Alle vier Räder werden in den ersten vier Gängen bewegt, dann verwandelt sich der GTC4Lusso in einen klassischen Ferrari mit Heckantrieb, was den Italiener dann in einen echten Sportler verwandelt. Wobei 3,4 Sekunden bis 100 km/h sind alles andere als unsportlich.

Überhaupt, die Fahrerei. Ein Genuss in allen Lagen. Der knapp fünf Meter lange und rund 1.800 Kilo schwere Ferrari ist ein Meister, wenn es um Souveränität geht. Er schlendert fast geräuschlos, dafür umso sichtbarer im Schritttempo durch die Stadt, er ist komfortabel und bequem, man sitzt auf allen vier Sesseln auf bestem Leder und die zwölf Zylinder plus die vier Endrohre können einen Sound nach innen zaubern, den man als im positivsten Sinne betörend nennen darf. Erreicht der GTC4 Lusso freies Gelände, sprich die Landstrasse, werden Kräfte frei, die man bis Tempo 100 immer wieder erleben will. Man läßt den Wagen laufen, man bremst ihn wieder ein und der Spaß geht von vorn los. Spielerei? Ja, aber die beste von allen. Wenn der Weg dann, dank feinster Kurven, den Talenten dieses Italieners exakt in die Hände spielt, reicht die Zeit so gut wie nie. Der Spielplatz des Viersitzers aus Maranello ist jeder nur erdenkliche Weg, jeder Untergrund und nahezu jedes Terrain. Wir haben den Lusso auf der Autobahn nahezu 300 laufen lassen und dabei erlebt, dass unser Freund sich so richtig ausgetobt hat. Blitzschnell und auch bei hohem Tempo absolut sauber in der Spur. Kein Hauch von Unruhe, nur der V12 jauchzte vor Vergnügen ob des Freilaufs. Wir haben in auf einem gefrorenen See in Norden Finnlands auf Pirellis ohne Spikes derart filigran erlebt, man war geneigt, diesen Ferrari in die Riege der All Terrain Vehicles einzureihen und haben dann eine neue Kategorie eröffnet: All Terrain Sportscar. Und das passt wie die Faust auf´s Auge.

Und im Kurvenparadies, einer kleinen, feinen Landstrasse im Taunus, haben uns vor allem die exzellenten Getriebe in Zusammenarbeit mit dem 690-PS-Motor einige der schönsten Auto-Momente unseres motorisierten Daseins beschert. Dass der Wagen in weniger als 3,5 Sekunden die Marke 100 km/h erreicht, geschenkt, dass man dabei das Gefühl hat, er könnte in diesem Tempo noch deutlich mehr schaffen, auch geschenkt. Die präzise Lenkung, die Dämpfer, die exzellenten Reifen und die sehr steife Karosserie verwandeln den GTC4 ansatzlos in einen echten Supersportwagen, was bei einem Leergewicht von 1790 Kilo, einem Radstand von knapp drei Metern und einer Gesamtlänge von rund fünf Metern nicht wirklich einfach ist.

Jedesmal, wenn der Lusso in eine Kurve läuft, den Scheitel ins Visier nimmt und dann diese Akustik aus den vier Endrohren, kombiniert mit dem Druck, den fast 700 Newtonmeter Drehmoment durch den kompletten Wagen schicken, das zusammen könnte man als Droge bezeichnen, wäre da nicht die innere Stimme, die dich nach der zehnten Kurve an die Boxengasse schickt. Damit der Magen-Darm-Trakt plus Hirn ein Backup schreibt, das dann auch in zehn Jahren noch diesen Moment glasklar und ohne Filter als Film im Kopfkino aufführt. Auf das man dieses Leben nicht nur als Roadtrip von A nach B speichert.

Und dann steigst du aus. In Frankfurt. Der V12 quittiert den Dienst per Knopfdruck am Lenkrad. Stille und die Erkenntnis, dass es Leistungen gibt, die man unmöglich zur Routine erklären kann. 690 PS derart leidenschaftlich und fesselnd, jeden Zentimeter der Strasse beglückend, alle Sinne der Insassen umarmend und den nachfolgenden Leuten eine Szene bietend, die man Jahre später noch mit glänzenden Augen erzählt. „Der Motor heulte kurz auf, als wollte er sich verabschieden. Und dann verschwand der schwarze Ferrari einfach so hinter der nächsten Kurve.“

Fahrbericht Ferrari 812 Superfast
Fahrbericht Ferrari 488 GT Spider
Ferrari F8 Tributo
Ferrari Portofino

Fotos: Ferrari / Ralf Bernert

Die technischen Daten (laut Hersteller):
Motor: V12
Hubraum: 6.626 ccm
Leistung: 507 kW / 690 PS bei 8.000 U/min
Drehmoment: 697 Nm bei 5.750 U/min
Antrieb: Allrad (Gang 1 bis 4), dann Hinterradantrieb
Getriebe: 7-Gang F1-Doppelkupplungsgetriebe
Maße:
Länge: 4.922 mm
Breite: 1.980 mm
Höhe: 1.383 mm
Radstand: 2.990 mm
Kofferraum: 450 bis 800 Liter
Sitze: 4
Tank: 91 Liter
Leergewicht: 1.790 kg
Fahrleistungen:
0-100 km/h: 3.4 Sekunden
0-200 km/h: 10.5 Sekunden
Top Speed: 335 km/h
Verbrauch und CO2 (nach ECE+EUDC kombiniert, mit HELE System):
Verbrauch 15.3 l/100 km
CO2: 350 g/km
Preis in Deutschland ab: 261.883,00 Euro