Fahrbericht Tesla S P85D

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In 3,3 Sekunden bis 100. Geschenkt. Ohne Benzin deutlich über 400 Kilometer weit. Auch geschenkt. Fünf Sitze, zwei Kofferräume, Luftfederung, bestes Leder am Popo, ein riesiger Touchscreen. Ebenfalls geschenkt. Das wirklich coole am Tesla ist seine Message.

Einmal durch Hamburg und niemand hört zu. Was soll man da machen? Laut aus dem Fenster brüllen, ne CD mit V8-Geschrei einlegen. Geht nicht, weil kein CD-Abspieler. Na dann halt den Internet-Stream mit Musik aus Shaft, Kojak, Die Strassen von San Francisco und Bullit laufen lassen. Irgendwas cooles muss man doch machen können. Quer fahren geht auf trockenem Asphalt mitten in der Stadt auch nicht so gut. Immerhin ist hier ne ganz besondere Nummer unterwegs. Zum Glück gibt’s um den Tesla herum genug Sound. Um Dich rum nur Endrohre, die zum Halali blasen. Des Stummen Schrei muss man malen können. Den Tesla malen? Höchstens das Heck ohne Endrohre, oder den Unterboden, weil da keine Spur eines Auspuffsystems zu sehen ist. Man kann ihn nicht hören. Höchstens erahnen. Wenn er allein ist, auf Kieselsteinchen losfährt und durch die Einfahrt, das eiserne, zweiflüglige Tor rollt. Kein Gebrüll zum Abschied, noch nicht mal ein kurzes Ausbrechen mit den Hinterrädern. Er kann das zwar, aber dieser rote Ami ist wie ein Brite mit Halstuch oder ein Italiener jenseits der 40 mit soviel Lebensfreude im Gedächtnis wie eine ganze Horde junger Bachvolleyballerinnen plus Fans. Man strahlt oder noch besser, man hebt kurz den Mundwinkel, der Hauch eines Zwinkerns und das war´s. Ich bin dann wieder mal weg.

Zooom. Irgendwann ist die Strasse leerer, heller, gerader, glatter und schöner. Die Häuser, Gärten, Zäune, Menschen sind Staffage, Kulisse und Zuschauer. Der Tesla, so rot wie ein paar Lippen, saugt den Fahrtwind durch seinen winzigen Schlitz unterhalb des Nummernschildes ein, Kühlung für den Stromspeicher und die beiden Motoren. Einer vorn, einer hinten. Allrad ohne Brimborium. Überhaupt, die Show. Sie fehlt nicht, sie wäre überflüssig. Keine Skisprungpiste, kein Berg in den Alpen, den der Tesla erklimmen muss. Keine Rennstrecke, keine Claim wie in einem späten Western. „Die Freiheit auf Rädern“ oder so. Du steigst ein und er ist bereit. Das über die Autobahn eskalieren, das zwischen den Kurven hektische Ein- und Ausatmen, das pubertäre 250-bis an die Stoßstange ranfahren, das Dauer-Links-Blinken, das lächerliche mit den Armen-Rumfuchteln und das schon lange völlig uncoole, oldfashioned Mitten-in-der-Stadt-Gasgegeber. Vergiss es.

Der Tesla S P85D kann 250, er muss aber nicht

Wffft. In der Mittelkonsole rollt eine halbleere Wasserflasche hin und her, Kurvenmesser. Durch das USB-Kabel saugt sich der Wagen Musik aus dem Telefon, das Schiebedach gibt den Blick frei, an der Ampel neben Dir glotzt einer blöd aus der Wäsche, er würde gern aber er weiß, dass das keinen Sinn macht. Noch ein paar Kilometer bis zur Autobahn. „495“ steht groß und weiß in der Mitte des digital-projizierten Rundinstrumentes. Die Zahl wirkt wie die Nummer auf einem Gutschein. Du hast gewonnen, nun flieg´ los.

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Mmmmh. An der ersten Ladestation, sie besteht aus sechs wie Kunstwerke wirkenden Gebilden, schnelle Energie wird gereicht, gleich nebenan Fastfood für den Mensch. Eine gute halbe Stunde zur Stärkung, „503“ steht im Display. Die A1 hat noch ein paar Kilometer ohne Limit, der Tesla hat noch ein paar Kilometer zum Auslauf. Deutlich über 230 km/h sind drin, schneller ginge auch, aber der Stromtank würde dann zu heiß, die Leistung wird vorher gedrosselt. Ein Luxusproblem, entweder die Bahn ist voll oder Tempolimit. Nach ein paar Kilometern erledigt sich die Sache. Holland taucht auf, Deutschland verschwindet. 120 oder manchmal 130. Das reicht allemal. Der Tesla gleitet durch die Niederlande wie ein Surfbrett auf ruhiger See, ein paar Daumen werden gereckt. Vor allem Teeneger erkennen und mögen den US-Boy. Manchmal kommt der Spieltrieb durch, der Gasfuß hebt den Kopf, lässt den Wagen kurz innehalten. Die starke Verzögerung reduziert den Speed schnell auf 80 km/h, man ist erstaunt, wie effektiv die beiden E-Motoren Bremsbeläge und Bremsscheiben schonen können, ein paar Limousinen hetzen vorbei und der Gasfuß bläst zur Jagd. Der Tesla bäumt sich kurz auf, als wolle er mit einem Sprung den Rückstand wieder aufholen. Die beiden Motoren erhöhen blitzschnell die Schlagzahl und die Limousine galoppiert ohne Mühe nach vorn, das digitale Zahlenwerk im Rundinstrument beginnt zu arbeiten, wie ein Stromzähler an dem man zwanzig alte Fernseher gleichzeitig angeschlossen hat, rotieren die Zahlen und nach einem Augenzwinkern taucht die Zahl 120 auf. Das Vergnügen war kurz und sehr heftig.

Gute 100 Kilometer vor Amsterdam, ein neue Pause. Diesmal kein Fastfood, ein gutes Hotel mit Restaurant. Der Tesla nährt sich an Säule 1A. Ein Lerneffekt auf Reisen mit einem Tesla. Die Supercharger-Säulen treten immer paarweise auf und werden mit Zahlen und Buchstaben gekennzeichnet. Zwei Säulen hängen immer zusammen, A und B. Die A-Säule wird grundsätzlich bei der Energie-Zufuhr bevorzugt, der Wagen wird schneller beladen.

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Verfolgungsjagd und Radio aus der Karibik. Vor mir ein Kombi, er läuft saubere 120, direkt links an der Lenksäule ein kleiner Hebel. Man zieht daran und der Tesla geht auf die Suche. Er wird fündig und hängt sich mit einer unsichtbaren Stange an den Kombi. Fuß vom Gas und der US-Stromer verfolgt den Vordermann bis der abbiegt, leise servus sagt und man den nächsten findet. Das ist keine neue Technik, keine bahnbrechende Erfindung, aber in einem Elektroauto von dem man erwartet, dass es zunächst nur den Antrieb unter der Haube hat, ist das eine wunderbare Einrichtung. Noch schöner, weil unterhaltsam, das Internet-Radio. Der Monitor lockt mit einem Suchfeld, dort tippt der Beifahrer ein Land, eine Stadt oder eine Region ein und der Rechner sucht im Netz die passenden Radiosender. Gefunden. Jamaika ist nun unter uns. Reggae wird grad nicht gespielt, Pop der 80er tut´s auch. Nachher hören wir mal in Australien rein oder doch lieber in Togo.


Amsterdam, die Stadt, die zumindest im Zentrum eher eine Party ist. 200 Tesla laufen hier auf. In allen Farben, mit allen Kennzeichen. Norwegen, Dänemark, Holland, Italien, Spanien und so weiter. Ganz Europa hat sich entlang der Supercharger-Route an die Nordsee gezogen. Jetzt werden die Gäste mit BBQ, Salat und Live-Musik unterhalten. Derweil trinken die Autos Energie. Jemand von Tesla greift zum Mikro. Mehr als 1 Milliarde Kilometer wurden bisher mit allen Tesla S gefahren. Ein Milestone für einen kleinen Hersteller wie Tesla. Beifall.

Gespräche mit Besitzern. Weshalb Tesla? Weshalb E-Antrieb? Weshalb gleich den ganz Grossen mit 700 PS? Die Antworten kommen schnell. Die Faszination des E-Antriebes, die Power, die Qualität des Tesla, das super-schnelle Aufladen, das Machbare eben machen und nicht warten, bis man die über-perfekte Lösung hat. Die Deutschen Hersteller sind zu zögerlich. Das gesamte Konzept des Tesla S geht weiter als das der anderen Hersteller. Der Tesla bietet irre viel Platz, er ist schnell, er entschleunigt den Mensch, er ist luxuriös und nicht pompös. Er ist einfach zu bedienen und er sieht unverschämt gut aus.

Und wie geht’s weiter? Im Internet giften immer weniger Petroelheads gegen E-Autos. Vor allem, wer den dicken Tesla bewegt hat, macht nicht mehr den Lauten. Ein paar suchen noch immer die Seele unter der Haube und laufen irgendwann in ihre Garage, streicheln Otto, der ölverschmiert seine Unpässlichkeit zur Kultur erklärt hat und merken dann, dass Karl Benz den Patentwagen sicher nicht erfunden hat, damit aus der Autofahrerei eine Ersatzreligion werden soll. Von A nach B. Sonst nix.