Sexy soll er sein, ein moderner Rolls-Royce, der Jugend huldigend. Hipp, cool und was auch sonst noch so an Begriffen der Moderne zur Verfügung steht. Wir haben den Dawn bewegt. Schnell, sehr schnell, offen, geschlossen, ruhig und sehr ruhig. Und wir haben etwas gelernt. Sexy und Rolls-Royce passen gut zusammen.

Der jüngste Rolls-Royce ist ein Glückskind. Die erhabene Verwandtschaft namens Phantom weilt im kreativen Urlaub, die Geschwister Wraith und Ghost sind schon groß und deshalb aus dem engen Radius der Öffentlichkeit entschwunden, der Dawn kann dem zufolge aus dem Vollen schöpfen. Er ist der Neue und das macht ihm Freude. Und wir haben ihn von Berlin nach Hamburg und wieder zurück gebracht. Mal feudal, mal rasant und fast immer mit dem Verdeck unter einem Deckel. Das Wetter war einfach zu gut.

Christian Paul, Verkaufsleiter bei Rolls-Royce Berlin läßt schön grüssen. Der Schlüssel wechselt die Hand und der V12 plus Turbo wartet auf das Kommando aus der Getriebe-Abteilung. Vorwärts gen Hamburg, ein paar Ampeln später und halb Lichtenfelde weiß, wieviel der Dawn kostet, welche Leistung der V12 so anzubieten hat und wir wissen, dass wir in einem „scharfen, coolen, heissen Teil“ sitzen. Berlin spricht Klartext. Der weitere Weg lehrt uns, dass der Dawn tatsächlich 250 km/h schnell sein kann und dass er dazu keinen Anlauf wie ein A380 benötigt.

Fahrbericht Rolls-Royce Dawn: Er ist ein mäßiger Trinker

Wir wissen auch, dass der Dawn bei geschlossenem Verdeck die Geräuschkulisse eines feinen, britischen Tea-Salons bieten kann und dass die silbern glänzende Skulptur auf der Motorhaube auch einen beherzten Tritt auf den Rücken des Gaspedals mit einer kaum zu überbietenden Vorstellung an Gleichmut quittiert. Egal, wie hart man den Motor aus dem Drehzahlkeller bis zur Vollast fordert. Es ist ihr herzlich egal. Sie rührt sich nicht. Der Vorderwagen lupft ein wenig die Nase, der Rest-Energie-Anzeiger läuft gegen Null und die 570 PS arbeiten leise und fleissig, bis der Randstreifen der A24 nur noch schemenhaft vorbei fliegt. Dass sich dabei der Tank so schnell leert wie ein Bierkrug in einer Oase, ist nicht verwunderlich. Viel wichtiger ist, dass der Dawn bei kultivierter Fahrweise ein mäßiger Trinker ist. 6,5 Liter Hubraum wollen gefüttert werden.
Von Hamburg nach Berlin laufen rund 280 Kilometer Asphalt unter dem Dawn hindurch, der Tank fasst rund 80 Liter, in Hamburg wurden noch rund 20 Liter angezeigt. Wir waren fleissig. Mitten in der Stadt, Hochsommer, gute 28 Grad, Sonnencreme und Sommerhut für die Dame. Tempo 50, ein paar Tropfen von Oben und das Dach mach seinen Regentanz. Die Leute hinter uns fragen sich ob sie applaudieren oder weiter staunen sollen. Vor ihren Augen hebt sich eine Wand aus feinstem Stoff und wäre sie weiß, könnte man nun den Filmprojektor auspacken und einen Kurzfilm laufen lassen. Einen 22-Sekünder, denn so lange dauert das Spielchen.
Fahrbericht Rolls-Royce Dawn: Sonnenschein im Morgengrauen

Fahrbericht Rolls-Royce Phantom VIII

Weniger amüsant sind Ausflüge in Parkhäuser und in recht enge Gassen, die Hamburger Altstadt bietet einige davon. Man fürchtet um die feinen Felgen und die Nerven der mitfahrenden Menschen. Wir haben den Dawn daher des Nachts vor die Drehtür eines Grand Hotels gestellt. Der Doorman hatte ein wachsames Auge auf den Briten und die Hotelgäste wähnten einen Ehrengast in der Präsidentensuite. Der Dawn war mit britischer Identifikation unterwegs. Dass das Volant links montiert war, schien niemand zu stören.

Zurück nach Berlin, diesmal im Überland-Modus. Also mit weniger Fahrwind und dafür mehr Sonnencreme. Das Dach blieb in seinem Versteck, das Navi lotste und zielsicher ins Löwenburger Land. Über Landstrassen, die Autobahn meist in Hör- und Sichtweite. Ein Schloß als Unterkunft war unser Gastgeber. Gut Liebenberg in Brandenburg, eine historisch interessante Stätte, heute ein Hotel plus Event-Location. Mit bester Aussicht auf einen feinen Park, im Hinterhof jede Menge Raum für Feste und Treffen. Der RREC wäre hier gut aufgehoben. Die Adresse haben wir aufgeschrieben und die Erfahrung, dass man hier bestens nächtigt und speist liefern wir gleich mit.
Der Weg ins Schloß findet sich über alte, oft mit Kopfsteinpflaster belegte Wege. Kleine, mit schönen, alten Bäumen eingerahmte Strassen. Für den Dawn ein würdiges Umfeld, erstens, weil die Luftfederung jede Unebenheit nahezu perfekt eliminiert und zweitens, weil man in einem offenen Rolls-Royce so schön die gekrönten Häupter der Natur bewundern kann. Ob man auf den hinteren Sitzen die Arme ausbreitet und mit den Händen Leder oder Holz streichelt oder ob man weiter vorn die Spirit of Ecstasy bei ihrem Spiel mit dem Fahrtwind beobachtet.

Fahrbericht Rolls-Royce Cullinan

Sexappeal und Dawn, das war eine Frage während der fünf Tage, die wir uns im derzeit einzigen, offenen Rolls-Royce gestellt haben. Hat Rolls-Royce CEO Torsten Müller-Ötvös den Anspruch an den Jüngsten aus Goodwood realistisch formuliert? „ Fahrleistungen, Stil und Souveränität“ sollen junge Menschen begeistern. Wir haben das ausprobiert und aus der Familie eine Generation der 90er im Dawn einen Platz angeboten. Nach gut drei Stunden in und um Hamburg, stiegen sie aus und waren deutlich beeindruckt. Nicht wegen der Ausmaße, auch nicht wegen des Preises.
Vielmehr wegen der Selbstverständlichkeit, mit der der Brite seine Aura, die Tradition seines Namens und die damit verbundenen Werte transportiert. „Lässig“, war ein Wort und die Bemerkung, dass dieser Wagen kein WLAN, keine Connectivity und auch keine Beduftung aus dem Handschuhfach brauche. Er sei ein zeitloses, sehr emotionales Beispiel für höchste Kultur und beste Technik. Das klingt hochtrabend, aber wir können das bestätigen. Man nimmt Platz, drückt den Startknopf und, wenn man offen dafür ist, geht die Sonne auf. Im Geiste auf jeden Fall.

Fahrbericht Rolls-Royce Wraith
Fahrbericht Rolls-Royce Black Badge

Fotos: Ralf Bernert
Fotos Innenraum: Rolls-Royce Motorcars
Video: Motoraktion

Die technischen Daten laut Hersteller:
Motor: V12 Biturbo
Hubraum: 6.592 ccm
Leistung: 420 kW / 570 PS bei 5.600 U/min
Drehmoment: 780 Nm bei 1.500 U/min
Antrieb: Hinterräder
Getriebe: 8-Gang Automatik von ZF
Maße:
Länge: 5.285 mm
Breite: 1.947 mm
Höhe: 1.502 mm
Radstand: 2.932 mm
Leergewicht: 2.560 kg
Fahrleistungen:
0-100 km/h: 4,9 Sekunden
Top Speed: 250 km/h
Verbrauch kombiniert: 14,2 l/100 km
CO2: 330 g/km
Preis in Deutschland inkl. MwSt. ab: 330.000,00 Euro