Fahrbericht Porsche 911 Targa 4: Der Schauspieler

 

Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert

 

Ja, er hat was zu bieten. Etwas, das andere Porsche oder überhaupt andere Autos nicht zu bieten haben. Dieser Porsche zieht blank, zumindest in Teilen, wie es kein anderer Porsche vermag. Er entblättert sich, er entfaltet sich, er führt ein Ballet der Dinge vor und ist außerdem noch ein waschechter Porsche 911.

Mach ihn mal auf und dann wieder zu. Und dann noch mal von vorn. Der Schlüssel in der Hand wird zum Taktgeber. Man steht ein paar Meter neben dem gelben Elfer und schaut gebannt zu. Leider geht das nur im Stand. Aber das macht nichts, während der Fahrt wäre das nur halb so cool. Vielleicht an der Ampel und dann locker losfahren, also losrollen. Das wäre dann ein wenig Drive-Posing, wie die Jungs mit dem Loch in Endrohr. Immer um den Block, bis der Letzte mitgekriegt hat, das da ein echter Hirsch durch die Strassen röhrt. Und bei genauerem Hinsehen merkt man dann, das da doch nur ein Bürschchen dicke Hose macht. So was ist dem Targa fremd. Keine Show, eher eine Schau.

Vorher aber muss der Boxer noch ran. Zusammen mit dem Doppelkupplungsgetriebe, der Lenkung, den Sitzen, den Bremsen und den Reifen. Dies alles zusammen in Kooperation mit der Karosserie, dem Lack und der Instrumentierung. Man kennt das alles schon, aus dem 911 Turbo S, dem Carrera und dem Cayman. Porsche weiß, was Sportwagen-Freunde wollen. Sport, Qualität, Tradition und die Einfachheit der Dinge in ihrem Zusammenspiel. Einsteigen ohne Falten in der Haut, den Schlüssel links neben dem Volant, Motor starten, den Gruß aus dem Motorraum wie im guten Restaurant, einen Kofferraum mit Tiefgang, zwei Plätze für Sporttaschen, den Hebel auf der Mittelkonsole nach hinten, gleichzeitig mit dem Zeigefinger den auf die Sperre am Schaltknauf drücken und gedrückt halten. So geht das und im Prinzip ist das eine Tradition, auch wenn man früher, also bevor die Tiptronic nach Zuffenhausen kam und man den Kupplungsfuß immer dabei hatte.

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Jetzt steht der gelbe Targa vor der Ausfahrt aus Werk 1. Man will gleich auf die Autobahn, also bleibt das Ballett in Wartestellung. Zwischen A-Säule und silbernem Gürtel verdeckt ein Stoff den Himmel. Bei Tempo 220 merkt man den Unterschied zwischen Blech und Stoff nicht wirklich, zu klein ist die Fläche des Daches, zu gut verarbeitet. Man wird in zehn Jahren spüren, ob auch diesen Targa das Los aller Halb- oder Vollcabrios mit Stoffverdeck trifft. Nicht ganz dicht. Zumindest wird man in ein paar Jahren kein Gestänge durch den Stoff sehen, schöne Autos mit einer Mütze wie ein Zelt, das schon bessere Tage gesehen hat. Aber das war nie das Problem des Targa.

Der Boxer im Porsche 911 Targa 4 spielt die Musik der Strasse

Nun rollt der Porsche in Richtung Hamburg bei Tempo 120 dahin, Limits senken den Durst. So um zehn Liter braucht der Sportwagen, wenn dann die Schranken fallen und man bei freier Bahn in Richtung 270 oder 280 rennt, muss man, vor allem währen der Beschleunigung, eine zwei nach vorn setzen. 350 PS wollen gefüttert werden, zudem hungert der Sechszylinder nach Drehzahlen. Wer die 390 Nm Drehmoment zur Gänze erleben will, ist mit 5.500 Umdrehungen auf dem richtigen Weg. Dann fühlen sich der Targa und sein Chauffeur so richtig wohl. Das Getriebe setzt dann die 1.560 Kilo plus Insassen so richtig in Szene. Der Boxer spielt dann die Musik der Strasse. Aggressiv und aus tiefer Seele. Die Autobahn, so schön der Porsche bei Tempo 260 auch laufen mag, ist jetzt irgendwie kein Thema mehr.

Im Kopf eine Landstrasse, eingezäunt von Bäumen, ein paar Hügel links und rechts, der 7.5-Tonner ist nur für zwei Minuten eine Sichtblende, ein Kombi will mit, kann aber nicht. Das Gelbe vom Ei rennt los wie eine Hebamme, die verschlafen hat. Der Zweisitzer wirft sich in Kurven und wieder hinaus, die Bremsen werden einfach nicht müde. Auch nach zwanzig Kilometern auf und ab, hin und her. Das Dach liegt hinten über dem Motor und wird sich ärgern, weil es eine Ausfahrt durchs Auenland verpasst. Nur ohne Drachen, dafür mit ein paar Blättern die der Targa hinter sich hochwirft, im Rückspiegel sieht es aus als hüpften die gelben, braunen und roten Blätter vor Freude in die Luft. Was will Mensch mehr. Die frische Frühherbst-Luft spielt mit den letzten Haaren, die Sonnenbrille hüpft ein wenig auf der Nase umher und jetzt kommt der Moment, den man schon mal als kleiner Junge im Kopf durch die Kindheit getragen hat. Der Vater wurde genervt, er solle sich gefälligst einen Porsche kaufen, also einen mit ohne Dach. Jetzt sitzt der Vater im Sessel und wird sich später die Bilder ansehen. Na also, geht doch.

Das Theater des 911 Targa

 

Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert

 

Theater, großes Theater. Vorhang auf, das Publikum, zunächst noch an einer Hand abzählbar, steht bereit. Der Knopf für den ersten Akt ruht noch unter dem Daumen. Dann, Achtung es geht los. Der Hauptdarsteller lupft den hinteren Hut und legt ihn sanft nach hinten, dann fast ein wenig ungeduldig, als wolle sich das Dach mit der Rolle des Zweiten in diesem Ballet nicht ganz abfinden, springt das Stoffverdeck unvermittelt nach oben um in einem Schwung in seiner vorgesehenen Behausung zu verschwinden. Gleichzeitig werden an der rechten linken Seite des silbernen Bügels zwei Nebendarsteller aktiv. Sie heben sich kurz, schauen dem Verdeck bei seiner kurzen Reise zu, und machen sich gleich wieder auf den Weg in ihre ursprüngliche Position. Sobald das Verdeck seine finale Position gefunden hat, hebt sich der hintere Hut in die Luft, schwebt fast anmutig nach vorn und lässt sich über dem Verdeck nieder, als Deckel oder besser als obere, durchsichtige Hälfte eines sehr schnellen, in diesem Falle gelben Unterschlupfes. Das Verdeck wird sich über die schöne Aussicht freuen, die Kopfbehaarung des Fahrers wird mit dem Wind spielen. Weil mittlerweile das Publikum um ein paar Prozent gewachsen ist, wird senkt sich der Daumen erneut. Das Verdeck kommt nicht zur Ruhe, ebenso der Rest des Ensembles. Es ist ein Schauspiel, ein Ballet der Dinge. Nach der Aufführung fehlt der Applaus, dafür belohnt sich der Daumen mit der Aussicht durch die Frontscheibe und der Gewissheit, dass er den Startimpuls für ein wunderbares Spiel gegen durfte.

 

Text und Fotos: Ralf Bernert

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