Fahrbericht Porsche 911 GT3: Offen und ehrlich

Istanbul Park Circuit. Die Formel 1 war hier mal unterwegs und soll hier bald wieder für Unterhaltung sorgen. In der Zwischenzeit bewege ich den Porsche GT3 auf den 5.338 Metern. Ganz allein, bis auf den Fotowagen mit dem Fotograf, aber der verschwindet gleich wieder.

Foto: Andreas Lindlahr für Porsche
Foto: Andreas Lindlahr für Porsche

Den GT3 an der Ampel sieht man hier und da. Und gleich denkt man sich, was der mit dem Teil wohl in der Innenstadt anstellen will? Der GT3 ist kein Dressurpferd, kein Lipizzaner und auch kein Poser-Gerät. Der GT3 lebt und atmet auf Rennstrecken. Er nimmt Dich mit, er fesselt Dich, er erzählt Geschichten und die kann man seinen Enkelkindern erzählen.

Istanbul Park Circuit. Die Formel 1 war hier mal unterwegs und soll hier bald wieder für Unterhaltung sorgen. In der Zwischenzeit bewege ich den Porsche GT3 auf den 5.338 Metern. Ganz allein, bis auf den Fotowagen mit dem Fotograf, aber der verschwindet gleich wieder. Keine Zuschauer, ein paar Instrukteure, Streckenposten warten hinter den Auslaufzonen, sie tragen Funkgeräte, damit der Sanitäter mit seinem Lieferwagen  schnell vor Ort ist. Blutgruppe B negativ und wenn´s nicht mehr geht, bitte erst ein paar Schluck Singe Malt und dann einschläfern, weil ich diesen letzten, wirklich großen Moment mitnehmen und konservieren will. Du fährst nicht so oft einen GT3 auf einer Rennstrecke.

Links, rechts, Wechselschritt, mit dem Porsche 911 GT3 lernst Du richtig fahren

Lenkung vorn und hinten. Porsche Vectoring Plus, freisaugend, bis 9.000 Dreher pro Minute, kein Turbo, Heckantrieb, Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe, insgesamt leichter, schneller und irgendwie anders als andere Porsche. Vorher war ich im Turbo S unterwegs. Der Perfektionist hat mich nett und freundlich behandelt. „Hey, Du bist wirklich gut gefahren, sauber die Linie gehalten, nie ins Rutschen, nie ins Straucheln geraten, hat Spaß gemacht.“ „Danke Turbo S, wärst Du kein Sportwagen und diese Rennstrecke hier eine Tanzfläche, ich hätte Dich für eine perfekten Partnerin gehalten. Du führst mich über´s Parkett und gibst mir ständig das Gefühl, dass ich führe. Links, rechts, Wechselschritt.“

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Und jetzt steht der GT3 da. Er ist kein Tänzer, eher ein Rock`n-Roller, Hardrock mit reichlich Saft und dem Equipment für Profis. Keine Frau, die Du in der Bar anquatschen kannst, die Dich dann mitnimmt und Dir später erzählt, dass Du ganz super warst, damit Du dann bei der nächsten Gelegenheit so richtig schön auf die Schnauze knallst, weil Du eben doch kein Hirsch mit übermenschlichen Fertigkeiten bist. Der GT3 ist diese eine Frau, sie schaut Dir in die Augen,  lächelt Dich an und sagt Dir, dass Du noch Potenzial nach oben hast und dass es auch noch reichlich Luft nach unten gibt.

Der GT3 ist eine ehrliche Haut, nicht so brutal ehrlich wie ein Miura, ein 930 Turbo oder ein Baumstamm mit V8, vier Rädern und nem Lenkrad, das irgendwie mit den vorderen Rädern verbunden ist. Der Baumstamm interessiert sich nicht für Dich, der Miura will bewundert werden und der 930 ist diese Art Sadist, wie man sie heutzutage nur noch in den letzten Kellern in dem dreckigen Haus in der Nebenstraße der Reeperbahn in St. Pauli findet. Vielleicht findest Du dort das Paradies auf Erden, Du kannst Dir aber auch nen wirklich fiesen Tripper in Deinem Ego abholen. Und den wirst Du so schnell nicht wieder los. Also lieber den GT3, der ist steril genug aber nicht so klinisch rein wie ein Turbo S.

Der Porsche 911 GT3 ist der Gepard ohne Halsband

Also lautet der Beschluss, dass der Mensch was lernen muß. Der GT3 ist ein Lehrer, eine Sorte Lehrer, die Dir nichts vormachen. Der GT3 verteilt keine Noten nach Sympathie, nach Lust und Laune. Du steigst aus und spürst entweder sehr viel oder nichts. „Hey, laß die Finger von Rennwagen. Setz´ Dich hinten in die Limousine oder halte den Ellenboden aus den Wagen, während Du den Kuhdamm rauf und runter rollst.“ Und genau das erklärt der GT3 mitten auf der Start-Ziel in Istanbul. Das kann frustrierend oder irre motivierend sein. So ist das mit Lehrern. Sie sind Heuchler oder ehrliche Häute. Der GT3 hat mir später erzählt, dass ich ein kleiner Schisser bin. Vor jeder Kurve zuckt der Bremsfuß, der Porsche steckt mitten im Run, er rennt auf die Kurve zu, wie ein Gepard kurz vor dem finalen Sprung, die Gazelle spürt den Atem der Katze und dann plötzlich kommt der Zug am Halsband. „Lass´ die Gazelle leben, wir waren zu schnell und wenn Du jetzt springst, könntest Du Dir ne Zerrung zulegen.“ Bullshit. Jagen oder Hungern. Ich bin kein Jäger, kein Raubtier und kein Gepard. Ich bin ein Safari-Besucher, der die Kamera abdreht, wenn der Gepard zubeisst und seinen Kuss des Todes ansetzt. Ich bin der, der die großen, schönen Augen der Gazelle sieht und Skrupel spürt. „Steig bloß´aus dem Wagen aus und fahr´ was anderes.“ Wenn Du gern´ Gazelle essen willst, geh´ in die nächste Lodge.“ Aber es besteht Hoffnung.

Ich stehe auf Linie, auf saubere Runden, den Wagen immer ,wie im Simulator, laufen lassen. Kein derbes in die Kurve hinein bremsen, bis die Schrauben des Sitzes wirklich heftig am Bodenblech zerren oder die Hände das Lenkrad greifen wie ein Adler ein fettes Kaninchen mit den Krallen festhält. Ich mag es rund, geschmeidig, sauber und am Anfang ein wenig galama. Und dann immer schneller werden, kein Reissen an der Schaltung, kein Zerren am Lenkrad. Reissen und Zerren klingt nach Pubertät, nach Ungeduld und nach Unsicherheit. Wer reisst schon seine Tanzpartnerin über´s Parkett. Die ersten drei Runden waren sehr langsam, fast schon langweilig. Der GT3 macht das alles brav mit, er beschleunigt aus der Kurve, dreht auch locker bis 9.000 und läßt sich dann wieder bis auf 2.000 runter bremsen, einlenken, die Reifen werden langsam warm und der Fahrer hat jetzt Lust auf mehr. Und Lust ist eine wunderbare Sache, wenn man in einem GT3 auf einer Rennstrecke unterwegs ist. Der GT3 ist eines der besten Lustobjekte, das man sich wünschen kann.

Rund vier, Runde fünf, Runde sechs. Irgendwann zählt man nicht mehr nach, man zählt vielleicht die Schweißperlen, die sich erst auf der Nase versammelt haben und später nach links und recht weggelaufen sind. Der Physik folgend, weil der Porsche an jedem Scheitelpunkt mit dem Gebrüll einer Horde Schotten auf dem Weg nach Newcastle auf die Gerade zustürmt und dabei so unglaublich sauber in der Spur bleibt, als hätte jemand den Porsche vorher zur Seite genommen und ihm gesagt, dass der Kerl da aus Hamburg schon ne Menge Spaß an der Fahrerei auf einer Rennstrecke haben sollte. Der GT3 hat genickt und gegrinst.

Ich steige aus, Helm plus Haube landen im Regal, der GT3 duftet. Ich hätte gern Musik während der Fahrt ausprobiert, vielleicht ACDC, Led Zeppelin oder sowas, aber der Sound aus der Porsche-Anlage war zu gut, zu sauber, zu saugig. Ein Turbo ist eine feine Sache, mehr Leistung, weniger Verbrauch, die Leistungsentfaltung berechenbarer, liniear und, vor allem beim 911 Turbo, sauber und hoch modern, irgendwie wie ein seriöser Geschäftspartner. Er lügt nicht, man kann sich auf ihn verlassen und er weiß, was zu tun ist. Ein Profi halt. Der GT3 ist eher der beste Kumpel. Der Typ aus der Nachbarschaft, den Du seit Deiner Kindheit kennst, der sich eine Dose Bier aus Deinem Kühlschrank nimmt, die Füße auf den Couchtisch legt, Dir auf die Schulter klopft und sagt, dass Du heute echt Scheisse warst oder umgekehrt, dass Du heute Dein bestes Spiel gemacht hast. Und das schöne daran ist, Dein Kumpel hat keinen Grund Dir irgend einen Mist zu erzählen. Heute war ich gut, nicht sehr gut aber auch nicht schlecht. Und wenn ich jetzt 137.303,00 Euro zu viel auf der Bank hätte, ich wüßte wen ich anrufen würde.

Wer jetzt ganz plötzlich Lust auf Porsche in Verbindung mit einer Rennstrecke bekommen hat, sollte im Internet Porsche besuchen und sich dort über Termine und Strecken infomieren. Das Angebot an Fahrtrainings und Erlebnistouren ist reichhaltig und kann wärmstens empfohlen werden.

Porsche Driving Experience

Text: Ralf Bernert  / Fotos: Andreas Lindlar für Porsche