Fahrbericht Porsche 911 Carrera S 2016: Der Vulkanier

Man schaut uns nach. Der Kopf läuft mit, wie ferngesteuert, die Kamera kommt da nicht mit. Der 911 Carrera S zoomt sich an den Touristen vorbei, ein paar Herrschaften schaffen gerade noch den Hintern. Identifizierung immer noch eine klare Sache. Ein wenig leiser, ein wenig näher am Charming Boy, der Rotzlöffel kommt nur Ausgangs der Kurven durch und was der neue 911 wirklich kann, erlebt man entweder hinter dem Steuer oder für einen Moment, wenn man hinter dem Sportler aus Zuffenhausen fährt und sich wundert, was der 2+2-Sitzer nun alles kann.

Porsche 911 Carrera Guards Red
Porsche 911 Carrera Guards Red

Für den Porsche 911 Carrera S 2016 sind Kurven Verbündete

Teneriffa, das heisst konstante Temperaturen, Vulkan-Landschaften, Mr. Spock könnte hier prima Urlaub machen, jede Menge wunderbar geformte Landstraßen, ein paar Radprofis, die für die nächste Tour ihre Waden auf Zack bringen und für zwei Tage jede Menge Spaß auf vier Rädern. Miami Blue, so heisst die Farbe unseres Testwagens. 28 Grad im November, soweit der Brückenschlag zwischen dem Porsche, seiner Farbe und Teneriffa. Der Himmel so blau, das Wasser wunderbar klar und wenn man ein wenig den Pico del Taide hinauf fährt, kann man auf die Wolken herab schauen. 3.718 Meter ist der Vulkan hoch, bis rund 2.300 Meter darf man mit dem Auto fahren, dann hilft nur noch eine Seilbahn und die ist permanent im Betrieb. Touristen lieben hohe Berge, auch wenn sie schon lange kein Feuer mehr spucken.

Porsche 911 Carrera Graphit Blue mit Sportauspuffanlage
Porsche 911 Carrera Graphit Blue mit Sportauspuffanlage

Irgendwo weiter unten, ein kleines Dorf, ausgangs eine 4,2 Kilometer lange Bergstraße. Neun Kurven, ein paar sind schön lang und offen, drei recht enge Kehren und immer wieder eine Gerade zum Anlauf nehmen. Auf dem Fahrersitz wartet ein Instruktor und der schickt den Carrera S gleich recht zackig den Hügel hinauf. Der Beifahrersitz dient als Beobachtungsposten und von dort erlebt man den mit allen Finessen bestückten 911er in seiner ganzen, motorsportlichen Pracht. Der kurze Kurs beginnt ganz harmlos. Eine Gerade, links wachsen kleine, grüne Bananen im Kollektiv einer Staude sanft heran und werden bald bei uns im Supermarkt im Fünferpack verkauft, rechts steht eine mächtige Wand aus Steinen und weiter oben biegt sich der Asphalt nach rechts. Launch-Control an. Das heisst, das kleine Drehrad unten am Lenkrad, wir kennen es aus dem phänomenalen Porsche 918 Spyder, auf S+ drehen, dann den linken Fuß feste auf das Bremspedal drücken und Vollgas bis ahnungslose Umstehende denken, Du hast einen satten Krampf im rechten Oberschenkel. Wenn dann im Display hinter dem Lenkrad das Wort „Launch Control“ aufleuchtet, Fuß von der Bremse und der Porsche rennt los, als müsste er unbedingt so schnell wie möglich den Berg hinauf, weil da oben reife, superleckere Bananen verschenkt werden.

Porsche 911 Carrera S Cabriolet Yellow Racing
Porsche 911 Carrera S Cabriolet Yellow Racing

Und der Porsche gehorcht, 3,9 Sekunden bis Tempo 100 km/h, das sind 0,2 Sekunden schneller als beim Vorgänger. Nach der Geraden geht die Show weiter, im Pressetext steht, dass der neue 11er nun noch agiler, noch sauberer und vor allem noch schneller um die Ecke kommt. Es stimmt. Dank der Hinterachslenkung, dem optimierten Differenzial, dem besseren Federspiel und der 10-Millimeter Tieferlegung, kauert der Porsche nicht mehr auf der Straße, er klebt auch nicht, er verbündet sich mit ihr. Es fügt sich zusammen, was zusammen gehört. Der Porsche zuckt nicht, er springt nicht, er versetzt nicht, was bei einigen Straßenschäden durchaus denkbar wäre, er zieht seine Bahn wie ein Komet, als wäre Traktion eine Naturkonstante und die Jungs und Mädels von Porsche haben sie erfunden. Kurve um Kurve, Kehre um Kehre, der Carrera S wird zum Rennwagen. Er ist nicht herzerweichend laut, aber laut genug, er dreht freudig bis zum Begrenzer, er läßt seine 420 PS aus dem Stall, die dann wie ein Haufen pubertierender Jungs und trotzdem zu einhundert Prozent kontrolliert, über eine Dorfdisco herfallen und die Tanzfläche mit echtem Leben füllen. Wie geht das? Was macht den Unterschied zum Vorgänger, der beim besten Willen kein Kind von Traurigkeit war?

Der neue Porsche 911 Carrera S 2016 lenkt auch mit der Hinterachse

 

Porsche 911 Carrera Fahrprogramm-Schalter
Porsche 911 Carrera Fahrprogramm-Schalter

Die Ingenieure haben nämlich nicht nur den Motor mit Turbotechnik versehen, das Fahrwerk des neuen Evergreens wurde deutlichst optimiert. Aus dem ganz großen Turbo, dem 911 Turbo wurde die Hinterrad-Lenkung eingebaut, das Auto wurde um 10 Millimeter tiefer gelegt, die Federung läßt sich nun noch besser auf den jeweiligen Fahrstil anpassen. Der Motor, nun mit zwei Turboladern auf Leistung getrimmt, gibt nun seine Leistung linear ab, eben Turbo-typisch, nach oben. Man hat dem Motor rund 800 ccm Hubraum genommen und als Ersatz die Lader eingebaut. Das spart Benzin und sorgt, zumindest bei eher religiös veranlagten Porsche-Fans, für Verwunderung oder Ablehnung. Man vermisst den Sound des reinen Saugmotors, das Brüllen des Boxers und natürlich auch das Fahrverhalten, weil ein reiner Saugmotor eben alles über die Drehzahl regelt. Mit dem Turbo wird zwar immer noch nach Drehzahl gerufen, aber eben nicht mehr danach gebrüllt, weil der Lader schon früher seine Lust entfaltet. Und genau das macht den neuen 11er aus. Er ist ruhiger, schneller, komfortabler und sparsamer. Die beiden letzten Themen mögen den Sportwagen-Fan nicht wirklich interessieren, aber der 911 ist auch wegen seiner Alltagstauglichkeit beliebt. Damit ist auch die Reichweite und der Einsatz moderner Kommunikationstechnik gemeint, die nun per Apple CarPlay Einzug gehalten hat. Mit dieser Schnittstelle wird der Zentralmonitor in der Mittelkonsole zum Spielfeld für moderne Kommunikation über das Smartphone (bisher nur von Apple). Man kann Musik aus dem iPhone abspielen, Webradio hören, Google-Earth nutzen und mit SIRI ein Schwätzchen halten. Früher war das im 911 noch Neuland, nun haben sich die Zeiten geändert und der 911 ist noch kommunikativer unterwegs.

Text: Ralf Bernert            Fotos: Porsche

Und nun die spannende Frage zum Ende. Wie hoch wird die Rechnung ausfallen?

911 Carrera Coupé:
Preis: ab 96.605,00 Euro

911 Carrera S Coupé:
ab 110.766,00 Euro

Cabrioaufpreis: 13.090,00 Euro

Allradantrieb Aufpreis: 7.378,00 Euro

Wir haben den 911 Carrera S Coupé mal durch den Konfigurator geschickt.

Grundpreis: 110.766,00 Euro

Lack Kaminrot: + 2.653,70 Euro
Räder 20 Zoll Carrera Classic: +1.428,00 Euro
Leder Innen Bi-Color inkl. Sitze: + 3.974,60 Euro
Adaptive Sportsitze plus: + 3.272,50 Euro
Siebengang PDK: +3.510,50 Euro
Dynamik Chassis Control inkl. Sportfahrwerk: + 6.283,20 Euro
Lift Vorderachse: + 2.261,00 Euro
Sport-Chrono-Paket: + 2.082,50
Sportabgasanlage: + 2.606,10 Euro

Gesamtpreis: 138.838,10 Euro