Und dann könnte man links abbiegen, der Passstraße einen Besuch abstatten. Die Kleidersack weiter hinten ruht, gut verstaut, hinter dir. Die beiden Drehschalter stehen auf Sport, die 620 PS kauern im Startblock. Ein kurzer Dreh am Lenkrad, das wär´s.

Aber heute rollst du vorbei, die Schalter bleiben auf Komfort, die lange Gerade wird im siebten Gang bereist. Ein paar Dellen im Asphalt sieht man, das Fahrwerk schneidet sie raus. Der Film will keine Dellen. Der GT aus Woking kümmert sich um wichtigere Dinge. Langstrecke, Alltag, Gran Turismo. Die Anlage wirft feine Töne in den Raum, ein wenig leiser und man wähnt sich im Club, nur schneller. Eine gute Woche waren wir mit dem nagelneuen GT von McLaren unterwegs. Sind x-mal ein- und ausgestiegen, haben die Türen nach oben laufen lassen und sie wieder nach unten gezogen. Wir haben den Liftboy gespielt und die Nase des Briten ein wenig gehoben. Damit böse Steinkanten keine Rillen in die Lippe ziehen. Parkplätze am Bordstein, kein Thema. Zwei Kisten Wein plus ein paar sehr flache Witze über große Augen, wenn man in der Shopping-Meile die große Heckklappe öffnet und die paar Taschen der Boutique lässig auf der extraordinären Dämmung landen und dort bei ungefähr 40 Grad mit dem V8 ein Schwätzchen halten.

Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert
Foto: McLaren
Foto: McLaren
Foto: McLaren
Foto: McLaren
Foto: McLaren
Foto: McLaren
Foto: McLaren
Foto: McLaren

Sie haben den GT mit dem V8 Biturbo zu einem Supersportler gemacht. Ihm das Chassis aus Carbon gegönnt. Den Wagen haben sie ein paar Millimeter höher auf die Pirellis gestellt. Er ist einen Deut leiser, vor allem Innen. Das Getriebe kann blitzschnell durch die Gänge rennen, es kann jeden Gang bis kurz vor den Begrenzer auskosten oder es schaltet ruckzuck nach oben. Damit man problemlos eine Landstraße entlang laufen kann und dabei per Freisprechtechnik mit dem Steuerberater über die Frage diskutieren kann, ob man einen 21 Jahre alten Single Malt von der Steuer absetzen kann. Immerhin war die Kundin nach dem zweiten Glas sehr optimistisch wegen des Auftrages. Dass alles geht, es ist fast leise. Selbst der Versuch der Straßenmeisterei, den Belag der Landstraße in Nordfriesland in eine Berg- und Talbahn zu verwandelt, scheitert. Der Brite wiegt dich im sanftesten Swing durch die Gegend. Sie haben den GT als feines Coupé angedacht und genau das haben sie geschafft.

Fahrbericht McLaren GT – Alltagsfrage

Und sie haben den GT für die Passstraße gemacht. Brutal und feinsinnig zugleich. Der Grip kann kaum besser sein, jeder noch so ungenierte Wutausbruch an Lenkrad, Gas- oder Bremspedal versteht der Wagen als Herausforderung. Die Fangleinen arbeiten so gründlich wie ein deutscher Steuerfahnder, du kannst mit dem GT um dein Leben wetten und du verlierst. Er kann fast alles besser als du, er kann es öfter als du und er kann viel mehr als du. Die Bremsen im jüngsten McLaren sind knallhart, wenn man sie wirklich fordert. Im Komfort-Modus braucht es anfangs ein wenig Mitgefühl, man sollte die Fußsohle nicht zu zart auf das Pedal setzen.

Da ist die Leistung auf dem Weg zur Landstraße, der Druck auf der Autobahn. Von 100 bis 300 vergeht ein Moment der absoluten Stille. Ein Blase umgibt dich, dein kleines, ganz privates Universum. Als hätte jemand ein Wurmloch auf der A7 zum Leben erweckt. Der GT springt rein und am anderen Ende wieder raus. Oder war es ein Sternentor, wie im TV ein Stargate? Keine Ahnung. Jedenfalls läuft dieser Sprung ab wie eine Fingerübung. In schnellen, wirklich schnellen Kurven trennen sich Spreu und Weizen, der McLaren GT ist der Weizen mit den fünf Sternen. Wer so satt auf dem Asphalt sitzt, hat entweder Spikes im Reifen oder er ist perfekt ausbalanciert. Jedenfalls kennen wir nur wenige Autos, die mit 315 so lässig und todsicher durch eine Kurve laufen.

Foto: McLaren
Foto: McLaren
Foto: McLaren
Foto: McLaren
Foto: McLaren
Foto: McLaren
Foto: McLaren
Foto: McLaren

Ein letzter Gruß nach Woking. Wir haben den GT ein gutes Stück begleitet, ihn x-mal geparkt, be- und entladen. Wir haben der Dame des Hauses die Tür geöffnet und beobachtet,wie sie höchst elegant und mühelos auf den Sitz des Briten gelangte. Die Heckklappe haben wir oft genug genutzt. Mal schnell, im Vorbeilaufen oder mit Bedacht, weil wir sehen wollten, was da alles drunter passt. Einmal haben wir die kleine Reisetasche vorn unter der Haube vergessen. Und wir haben den Gt durch die Gegend laufen lassen, wie ein Urlauber an der Adria ist er spaziert. Leise ein Liedchen pfeifend, wie Usain Bolt beim Auslaufen. Und dann haben wir gespürt, was passiert wenn Usain aus dem Startblock schiesst und seine berühmten letzten 20 Meter abspult. Genau das werden wir in Erinnerung halten. Auslauf und Wettlauf. Ohne die Schuhe zu wechseln, ohne Mühe. Und im Alltag der lässige, coole Hund. Und noch was: Das auf den Fotos abgebildete Gepäck ist käuflich. Der McLaren-Dealer kennt die Preise und Verfügbarkeit.

Sitzprobe McLaren Elva
Fahrbericht McLaren 720 S Spider
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Fahrbericht McLaren 720 S Coupé

Infobox technische Daten (laut Hersteller)

Motor: V8 BiTurbo
Hubraum: 3.994 ccm
Leistung: 620 PS bei 6.500 U/min
Drehmoment: 630 Nm bei 5.500 bis 6.500 U/min

Antrieb: Hinterräder
Getriebe: 7 Gang Seamless Shift Doppelkupplungsgetriebe
Lenkung: Elektrohydraulisch – Servo

Maße:
Länge: 4.683 mm
Breite mit eingeklappten Spiegeln (ausgeklappt): 2.045 mm (2.095 mm)
Trockengewicht: 1.466 kg
Leergewicht: 1.530 kg
Tank: 72 L
Gepäckfächer vorn/hinten: 150 l / 420 l

Fahrleistungen:
0-100 km/h: 3,2 s
0-200 km/h: 9,0 s
Top Speed: 326 km/h

100 km/h bis 0: 32,0 m

Verbrauch/CO2 nach WLTP:
kombiniert: 11,9 l/100 km
CO2: 270 g/km

Preis in Deutschland ab: 198.000,00 Euro