Silverstone, ohne Regen, dafür mit Helm und etlichen Formularen, die man vorab ausgefüllt hat. Damit die Viren keine Chance haben und dieser enorme Supersportler ohne Maske über den Track rennen kann. Und er rannte.

765 PS, ein LT hinten dran, was in diesen Zeiten als Gütesiegel für Rennstrecken-Orientierung gewertet werden sollte. Vor ein paar Wochen noch den 620 R in Snetterton bewegt. Mit Helm und Vierpunkt-Gurt. Jetzt 145 PS mehr und fast fünfzig Kilo weniger unter der Carbon-Haut. Knapp sechs Kilometer Strecke, zwischen Kurve sechs und sieben, die lange Gerade, die uns später noch beschäftigen wird.

Die Runden in Snatterton stecken noch in den Knochen. Der 620R als Leichtgewicht mit der Fokussierung auf Rennstrecken-Momente, für diesen Kick, den dir nur ein Wagen liefern kann, für den Traktion ein Grundnahrungsmittel ist. Und der 765 LT steht in der Box und steckt voller Motivation. Das Thema Spreizung ist nebensächlich, das Thema Performance steht oben auf der Liste. Der Flügel am Heck, als Antenne für den Druck von oben, der Diffusor als ordnende Macht für Winde aus den Tiefen des Unterbodens. Vorn die gleiche Nummer, jeder Windhauch wird einfangen, geleitet und dient dem Abtrieb oder der absoluten Kontrolle des Luftstromes. Auf dass jedes Gramm, das den Wagen nach unten drückt, eingefangen werde.

Im Innenraum, die gleiche Philosophie. Gewicht ist alles oder dessen Reduktion. Alcantara, Lightweigt-Schalensitze aus dem Senna, 4-Punktgurte, alles wirkt wie ein Arbeitsplatz, Fokussierung auf das Wesentliche. Eingepfercht, nur Arme und Beine dürfen, müssen sich bewegen. Dass hier kein Infotaimnent an Bord ist, dürfte klar sein. Jedes Gramm zählt. Und der Fahrer hat auch beim Frühstück gespart, damit der Mageninhalt keine allzu heftigen Purzelbäume schlägt. Es wird Zeit, eine grüne Flagge grüßt freundlich und der Motor läuft.

Fahrbericht McLaren 765LT – Wir geben Gas

Raus aus der Gasse, eine offene Rechtskurve, der Wagen wird noch nicht losgelassen, läuft an der Leine. Aufwärmen, Einatmen, Inhalieren, die Augen finden den Weg und der Wagen ist der Transporteur. Bis zur Kurve sieben, eine Schikane, links, rechts, links, wieder rechts und dann der lange Weg bis zum Bremspunkt, dann rechts rüber, eine leichte links, offen und schnell, dann sehr scharf links, rechts, eine kurze Gerade, wieder rechts, eine längere Gerade, leicht und offen nach links, offen rechts, am Ende stark nach rechts, kurze gerade, scharf links, zweimal, lange Gerade, am Ende wieder links-rechts, eine Kehre, eine lange, offene Rechtskurve auf die Start-Ziel und wir geben Gas.

Der Vergleich zum 620R liegt in der Luft. Deutlich mehr Leistung, klarer Sieger im Drehmoment-Test. Und genau da werden die Unterschiede deutlich. Top Speed und Standard-Sprint sind Fingerübungen, Skatrunden-Argumente, nicht Rennstrecken-tauglich. Der 765 LT zieht seine Bahn, durchläuft die ersten Kurven, die erste Schikane bis zur langen Geraden wie ein TGV unter sich hindurch, rennt auf die Gerade, holt Drehmoment aus der letzten Ecke und schiesst wie das Projektil eines Präzisionsgewehres auf den Bremspunkt zu und vorbei, läßt ihn hinter sich und ruft die Keramik-Carbon-Bremsen zum Dienst. Und die Besatzung freut sich wie ein Schnitzel, dass es stramm gezogene 4-Punktgurte gibt. Der Wagen reduziert seinen Vortrieb derart nachhaltig, derart sauber und abrupt, wer diesen Anflug auf die Kurve von Aussen betrachtet, dürfte die Insassen für Physik-Ignoranten halten, denen das Frühstück gerade zeigt, wie man einen Salto in einem Magen schlägt.

Weiter im Text, die nächsten Passagen bieten alles, was den Briten fordern sollte. Vor allem das Thema Traktion und Downforce taucht immer wieder auf. Die Ingenieure in Woking haben den Zweisitzer noch stärker, noch intensiver auf mögliche Verbesserungen der Luftführung untersucht, haben jedes Gramm an Bord unter die Lupe genommen und , alles ausgebaut, was nur irgendwie verzichtbar ist. Deshalb diese Zahl: 1.339. Es jedes Gramm das zählt, auf dem Weg zu Leistungswerten, die man im Grunde nur von Profils kennt. Downforce als Religion, Traktion als lebenswichtige Philosophie.

Es geht Runde um Runde, der Brite feuert seine Technik, seine Balance, seine Superkräfte auf die Strecke ab, der Fahrer staunt und lernt, dass man einen McLaren niemals einfach so mit anderen Modellen der Marke auf eine Stufe stellen sollte. Der 620 R ist schnell, sauschnell, der 765 LT ist noch schneller, noch stärker und vor allem auf den Geraden diesen deutlichen Tick fixer. Dass der Preis eine Rolle spielt, dürfte nur für Außenstehende ein Thema sein. Der 765 LT ist limitiert, noch nicht ausverkauft, weil man mit einem Virus im Genick vielleicht derzeit andere Prioritäten setzt und den Kauf eines Supersportlers ein ganz klein wenig nach hinten setzt.

Das Spiel mit dem Feuer war für uns auch ein Spiel mit den Kräften der Natur. Der 675 LT als Botschafter der Super Series, also eine Stufe unter den ganz großen Jungs, wie Senna oder Speedtail, markiert das Ende einer Ära. Nach dem letzten LT sollen Hybride folgen, soll eine neue Generation aus Woking die Marke McLaren beleben. Und wir sind gespannt, wie die Entwickler in Woking das emotionale Feuer der britischen Marke weiter anfachen können.