Fahrbericht McLaren 650S: Dunsfold ohne Jeremy

 

650S-Dunsfold-Aufmacher

 

Wieder der 650S, diesmal in England, unweit seiner Geburtsstätte. Ohne Limit, ohne Gegenverkehr und ohne Regen. Sprach der Wetterfrosch und sprang in seine Gummistiefel.

Das Flugfeld ist intakt, ein paar Meter entfernt stehen ein paar Flieger. Leute laufen umher, in Hallen und Hangars wird gearbeitet. Dünne Drahtzäune ziehen Grenzen zwischen Spaß und Job. Hier, auf dem Spaß-Areal, also dem Testbereich auf dem McLaren seine Autos laufen lässt und auf dem die Mannschaft von Top Gear VIPs in alte Limousinen setzt und dort, wo The Stig das dunkle Visier seines weißen Helmes niemals liftet, genau dort steht jetzt ein weißer McLaren 650S.

Der Himmel sieht nicht gut aus, aber es geht. Traktion, Tempo, Trackmode, Tanzen. Assoziationsspielchen. Woran denken Sie wenn Sie das Wort McLaren hören? Provokateur.
Echte Sportwagen aus England waren vor kurzer Zeit noch so selten wie Männer ohne Vollbart hierzulande. Die Zeiten ändern sich.

Hammerhead ist ein Name, eine runde Ecke, die Kamera liebt diese Stelle. Eine Idee zu schnell, eine Nuance zu spät und der Photograph hat sein Motiv. Der Fahrer sieht den Reifenstapel, der immer größer wird, er sieht das Weiße in den Augen des Photographen und er sieht die Chance auf eine gute Runde dahinschwinden wie ein Stück Holz im Rhein kurz vor Schaffhausen. Es wird laut, es wird schneller und es wird abenteuerlich.

 

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Reifen-Recycling made by Top Gear

 

 

Dunsfold hat ein paar dieser Stromschnellen, aber eigentlich nichts, was eine Rennstrecke auszeichnet. Dunsfold ist eigentlich ein Spielplatz. Dreckig, mit vielen großen Spielzeugen, mit Baracken, Wellblech, ein wenig Gras drumherum, die Strecke ist eigentlich eine Startbahn in jämmerlichem Zustand plus ein paar Taxiways zu den Service-Baracken. Man hat die Taxi-Wege mit der Startbahn verbunden und daraus eine Acht gemacht. Man fährt die Gerade entlang, ungefähr auf halber Strecke biegt man links ab, nach hundertfünfzig Metern wieder links, dann wieder fünfzig Meter gerade und links vorbei an einem weiteren Reifenstapel, rechts ab auf die Gerade direkt auf die Hammerhead zu, die eigentlich eine normale Rechtskurve ist, aber die weißen Linien auf dem Boden schicken den Wagen zunächst steil nach rechts, dann kurz vor der Kurve nach links außen und dann ab in die Kurve. Die Gerade danach ist wieder rund hundertfünfzig Meter lang, dann nach rechts wieder zum Reifenstapel, links vorbei und dann wieder geradeaus bis es wieder nach links geht. Und der Spaß beginnt von vorn.

Innerhalb der Reichweite des McLaren 650S

Und nun sitzt David neben mir. Er ist für eine gute dreiviertel Stunde mein bester Freund. Ihm werde ich vertrauen, er wird mir wie ein Copilot beim Rallye-Sport die Ansagen machen. Links, halblinks, rechts, dreihundert Meter geradeaus, schnelle links voll und so weiter. Ich bin kein Rallye-Fahrer, kein Rennfahrer, kein Profi und auch keiner, der den McLaren an seine Grenzen bringen kann. Ich habe meine eigenen Grenzen mitgebracht, die Reifen haben auch Grenzen, die Strecke hat auch welche und der McLaren sowieso. Bringt man all diese Grenzen deckungsgleich zusammen, ist ein kleines Wunder geschehen.

Meine Grenzen liegen innerhalb der Reichweite des McLaren 650S, deutlich sogar. Im Grunde kann ich den Briten nur langweilen oder erschrecken, weil ich mal wieder über die Strenge geschlagen habe. Zu spät, zu langsam, zu hastig, zu hart, zu weich und so weiter. Aber hier geht es nicht um meine Defizite, hier geht es um die Nehmer- und Geberqualitäten des McLaren. Und in diesem Feld ist der 650S ein Profi. Er ist lässig.

 

650S-dunsfold-front

 

Jetzt steht der McLaren, er wartet. Beide Drehschalter stehen auf N, weiter unten wird der Knopf „D“ gedrückt, ein leichter Ruck zeigt an, dass der Wagen nun auf das Signal des Gasfußes wartet. Vorher wurde die Feststellbremse gelöst, los.

Der McLaren  650S zeigt sich zum ersten mal von seiner bodenständigen Seite

Aus dem Stand in die Kurve, gleich mitten rein in Hammerhead aber nur zaghaft, raus aus der Rechtskurve und dann die Kräfte des V8 auf dem Boden der Tatsachen erleben. Der Brite rennt nach vorn wie an der Schnur gezogen, das Fahrwerk, die ganze Konstruktion des 650S zeigt sich zum ersten mal von ihrer bodenständigen Seite. Der Wagen wird und wird nicht leichter, die Lenkung greift, das Heck bleibt in der Spur, die erste Kurve kommt in Sichtweite. Eigentlich ist es keine Kurve, eher eine Abbiegung nach rechts. Der Instruktor meint man könne hier voll durch, also   weit nach links, dann ohne Verzögerung rechts über den Fahrbahnrand, nach links aussen und wieder Vollgas, Nur ein paar Meter dann kommen die Reifen ins Sicht, links vorbei und gleich links einlenken bis zum Rand der Geraden und wieder Vollgas, rechts bleiben bis der Instruktor meint, man solle nun in den Zweiten schalten und die 90-Grad-Abbiegung nach links in Angriff nehmen.

 

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Eingang Hammerhead

 

 

So geht das Spielchen weiter, Kurve um Kurve, Gerade um Gerade. Nach zwei Runden drehen sich beide Schalter auf „S“, der Wagen befreit sich ein wenig von seinen Fangleinen. Sie sind noch an Bord, Übersteuern geht, ist aber nur mit deutlicher Absicht machbar. Das Fahrwerk ist spürbar härter, der McLaren will schneller fahren.

Also wieder von vorn. Raus aus Hammerhead, rein in die Gerade, deutlich schneller als eben, links rüber, dann rechts ab, die Reifenstapel fliegen vorbei, links ab und wieder geradeaus. Die Drehzahlanzeige gewöhnt sich an die Sprünge zwischen zwei- und siebentausend. Der Motor schreit unaufgeregt die Gehend zusammen, nicht hysterisch, nicht aggressiv, eher wie ein Profi beim Konzert. Er kann noch lauter, noch kraftvoller. Reden wir über Track. Reden wir über Grenzen.

Über der Strecke hat sich Publikum versammelt. Ein paar Milliarden Regentropfen schauen zu, der Applaus kommt später. Der Beifahrer hat die beiden T schon eingerastet, jetzt soll der Fahrer mal erleben wie der McLaren 650S Zentimeter verschlingt. Hammerhead wird noch einmal erstürmt, der McLaren, frei von jeder Form der elektronischen Fassung, fordert mehr und mehr Dynamik. Der Fahrer, nicht im geringsten frei von jeder Form der Fassung, dreht das Rad hier und da ein wenig zu heftig, der Sportwagen aus Woking quittiert die Fehler mit sauberen Drehern. Die anschließende Zurückhaltung an Pedalerie und Volant wird schnell beantwortet, der 650S spurtreu wie ein bestens erzogener Jagdhund, folgt dem Diktat des Fahrers, ist dabei aber so dynamisch, wie der Fuchs vor der Meute. Als kenne er den Weg zentimetergenau, zieht der Brite seine Bahn, die Bremsen entschleunigen so exakt und hart wie man es sich nur wünschen kann, die Airbrake am Heck ist dabei nach der langen Geraden mehr als nur ein Assistent, die Reifen, kurz vor dem notwendigen Ruhestand freuen sich über jede griffige Fläche auf der Fahrbahn. Und mit jedem Meter, nach jeder Kurve spürt man den Lerneffekt und die daraus folgende Verbesserung der eigenen Leistung. Der McLaren 650S ist in seiner Leistung, seinen Fähigkeiten absolut vorhersehbar und zuverlässig wie ein exzellenter Studiomusiker mit den Talenten eines David Bowie. Exzentrisch, kreativ und in höchstem Maß an Professionalität.

Vor der letzten Runde fällt das eben erwähnte Publikum über die Strecke her, der Dämme brechen nur langsam, der Wagen wird in den Status „S“ versetzt, ein paar mal rutscht dem Fahrer das Heck weg, die Elektronik bringt die Sache schnell und ohne Murren in Ordnung. Wie einst die Mutter, die dem Nachbar einen leckeren Kuchen mitbrachte, nachdem der Sohn das kleine Erdbeerbeet komplett abgeerntet hatte. Schwamm drüber.

Ausgestiegen, hingesetzt. Kopfkino, noch mal in Gedanken losfahren. Bilder mitnehmen, wiederkommen wollen.

Jetzt steht der McLaren wieder am Rand von Hammerhead, die VIPs von Top Gear dürfen wieder ran. The Stig war nicht hier, er war deutlich schneller bei seinen Runden mit dem 650S, wird aber bestätigen, dass der Supersportler von der Insel das Prädikat Benchmark verdient hat.