1385 Kilo Leergewicht, zwei Sitze, die man per Muskelkraft nur nach vorn oder hinten bewegen kann, Carbon als natürliche Umgebung und ein V8 nebst BiTurbo, der diesen Briten so schnell bewegen kann, dass einem Hören und Sehen vergeht. Wir haben uns den 300.000 Euro preiswerten Zweisitzer mal genauer angesehen. Neben und auf der Rennstrecke.

Der Einstieg in die zivile Version des R ist so normal, wie der Einstig in einen McLaren nur sein kann. Weit unten, die Tür schwingt nach oben, der Schweller breit und hinein ins dunkle Paradies für Sportwagen-Freude. Purismus und Zweckmäßigkeit als Normalität. Musik, Navi und alles, was man in einem Strassen-McLaren erwarten darf, ist an Bord. Dazu die Dämpfer auf die Strassen Mittelenglands angepasst, der Abstand zum Boden ein wenig höher, auf das man nicht jede Bodenwelle als Straßensperre wahrnimmt und überhaupt die Technik für den Weg zum Büro vorbereitet. Lenken, Bremsen, Beschleunigen, all´das ist kinderleicht, sofern man nicht den wilden Autobahn-Heini gibt. Er lenkt sauber ein, er schreit nicht hysterisch rum, er glänzt in McLaren-typischem Orange, die Lufthutze der Rennstrecken-Version ist drauf und sieht aus wie ein Relikt aus alten Renntagen. Weiter hinten der mächtige Flügel, als Symbol des Ehrgeizes immer und überall der Schnellste sein zu wollen. „Leg´ Dich nicht mit mir an“. Na klar.

Hundert Kilometer. Landstrasse, kleine Städte mit engsten Gassen, wundervollen Schwarz-Weiß-Häusern und dann natürlich die A11, als Ersatz für die Autobahn. Immer rechts aussen, eher langweilig, weil eben nur 120, aber dann die Kreisel, hinein mit Wonne und wieder raus mit Lust. Schikanen des Alltages und der McLaren freut sich. Man gewöhnt sich schnell an das typische Volant, das so leer und griffig ist wie die Theke eines Pubs eine halbe Stunde vor der Öffnung.

Und dann das wilde, spannende Leben neben der normalen Straße. Snetterton, gute zwei Stunden nordwestlich von London. Eine alte, traditionelle GT-Strecke. In England auch als besserer Bolzplatz des Motorsports bekannt. Schnell, mit einer sehr schnellen Rechtskurve für den Mumm in den Knochen und für Rennwagen, die mit reichlich Abtrieb und sehr guten Reifen ausgestattet sind. Wir waren auf Pirelli Slicks unterwegs und der Flügel weiter hinten tat seine Pflicht. Also Druck auf dem Wagen und ab dafür. Vorher aber noch der Grove zum Aufwärmen. Wie die Profis. Davor noch Helm auf, Fünfpunktgurt stramm ziehen, Mikro-Probe, weil auf dem Co-Sitz ein Prof, Werksfahrer Michael schaut zu und eine Kamera zeichnet den ganzen Kram auf, den der Autor dem Wagen zumuten wird.

Der 620R ist so intelligent wie eine japanische Toilette

Erste Runde vorbei, es geht dann mal los. Michael sagt anfangs die Gänge und Bremspunkte an. „Second, hart Brake, full throttle, go to the third“ und so weiter. Es gilt den Rhythmus zu finden, den Wagen verstehen, die Reifen zu lesen, die Bremsen einzuschätzen und die Strecke zu lernen. Rein und raus, zu früh oder zu spät einlenken, zu hart, zu früh, zu spät oder zu weich bremsen. Fehler, die den Wagen immer wieder rausbringen, in abbremsen, ihm keine Ruhe geben. Drei, vier Runden geht das so. Wie im Sprachunterricht, zuhören, nachplappern, noch mal hören, besser nachsprechen, langsam aber sicher verstehen und irgendwann wieder alles falsch machen. Demut und Motorsport sind Freund und Feind. Wer das nicht versteht, wird sich nie lange freuen.

Und der 620R? Er ist das zivile Pendant zum 570 GT4, jenem McLaren, der für den Renneinsatz gebaut ist und der kein Nummernschild tragen darf. Der 620 R hingegen darf das und ist trotzdem so messerscharf unterwegs wie ein Skalpell, so hart wie ein Pflasterstein auf dem Weg durch eine Fensterscheibe und so intelligent wie eine japanische Toilette, die den Befund gleich zum Proktologen schickt. Der Wagen ist clever, bügelt die meisten Sünden aus, kann immer deutlich mehr als der Fahrer und er spricht die Sprache er Profis, er ist ehrlich und er ist kein Schwätzer. Nach zwölf Runden steigst Du aus und schwärmst von der enormen, nachhaltigen Beschleunigung, die den Wagen bis zum Zenit der Drehzahlen treibt und dabei so klar und deutlich nach vorn rennt, wie man es eigentlich nur von sehr viel stärkeren Rennwagen kennt. Du erinnerst dich an diese lange Rechts, die du immer schneller gefahren bist, weil der Wagen dir immer und immer wieder gesagt hat, dass du ihm vertrauen kannst und dass es das auch deutlich schneller kannst. Und dann die Bremsen, so sauber, so knüppelhart, so fein dosierbar und vor allem so ausdauernd.

Aussteigen, abschnallen, Michael danken, weggehen, noch mal rumdrehen und über 300.000 Euro nachdenken. Noch ist er nicht ausverkauft, Corona sei dank.

Die technischen Daten (laut Hersteller):

Motor: V8 TwinTurbo
Hubraum: 3799 ccm
Leistung: 456 kW / 620 PS bei 7.000 U/min
Drehmoment: 620 Nm bei 3.500 U/min
Antrieb: Hinterräder
Getriebe: 7-Gang DKG

Maße:
Länge: 4.577 mm
Breite mit Spiegel: 2.095 mm
Höhe: 1.194 mm
Radstand: 2.670 mm
Leergewicht: 1.386 kg
Tank: 72 l
Kofferraum: 120 l

Fahrleistungen:
Top Speed: 320 km/h
0-100 km/h: 2,9 s
0-200 km/h: 8,1 s

Fotos: McLaren