Fahrbericht Land Rover Defender

Schon auf der Fähre nach Dover zuckte er so merkwürdig vor sich hin, auch ohne Seegang. In Dover dann, die hellen Felsen im Blick wollte er auch nicht so recht aus sich raus gehen. Und dann Richtung Southampton, er mochte nicht so recht. Bis er wieder in Deutschland war, dort liebt man ihn und das weiß der Alte ganz genau.
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So langsam kramt man ein Tuch aus der Tasche, ein Abschiedstuch. Der Defender wird gehen, ausrollen, er wird nicht mehr sein dürfen was er über Jahrzehnte war. Ein Zuhause für den durchnässten Hund, die Gummistiefel mit gefühlt zehn Kilo Dreck an den tief profilierten Sohlen, den Regenschirm, der bis zum Bersten Wind und Wetter trotzte und nun hinten ein Nickerchen macht und natürlich ein Zuhause für alle Menschen, die kleinen Scheibenwischern bei der Arbeit zuschauen, Menschen, für die es kein schlechtes Wetter sondern nur falsche Kleidung gibt, für Menschen, die nachmittags bei Wind und Wetter an die Nordsee fahren und rüber auf die Insel schauen, weil dort kurz nach dem Krieg jemand einen Jeep sah und meinte, dass man den grösser, praktischer und mit festem Dach bauen kann. Und nun sitzen wir hier, am südlichen Zipfel Englands und lenken den kantigsten Engländer durch engste Gassen. Natürlich bei 35 Grad und strahlend blauem Himmel.

Wenn der Defender den Kanal überquert

Bis nach Dünkirchen vergehen locker zehn Stunden. Trotz Autobahn und Navi in der Jackentasche. 145 km/h bis ins Ruhrgebiet, im besten Fall. Die groben Schuhe machen den Weg nicht kürzer, dann rüber nach Holland, limitierte Fahrerei, in Belgien ist es auch nicht besser und den letzten Weg bis zum Fährhafen werden auch die Augen auf den Tacho gelegt. Blos nicht mehr als 120. Es würde sonst teuer. Wobei der Unterschied zum Maximal-Tempo halt nicht wirklich der Rede wert ist. Der Defender ist kein schneller Hund, er ist ein zähes Maultier, das dann später, den Freunden von der Reederei DFDS sei dank, ganz vorn, fast am Bug stehen und als erster die britische Seeluft schnuppern durfte.

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Und dann über die Rampe, links fahren, das Steuer rechts, der Beifahrer Aug´ in Aug´mit dem Gegenverkehr. In Dover rollt eine Lawine an Touristen durch die Strassen, in engen Gassen steht der vornehm graue Geländespezialist dekorativ herum und Fish and Chips schmecken besser als man glauben mag. Die erste Station der Südengland-Expedition läuft gut, nur bei der Übernachtung müssen Abstriche gemacht werden. Bed and Breakfast für 100 Pfund sind happig, auch weil das Zimmer die 12-Quadratmeter-Grenze deutlich unterschreitet. Dafür werden wir am nächsten Tag verwöhnt, Southampton glänzt mit reichlich maritimer Historie. Die Titanic lief hier vom Stapel und das Mercure Southampton Centre Dolphin ist eine feine Oase. Mitten in der Stadt gelegen, ein Steinwurf von der Altstadt entfernt. Das Zimmer mit eigenem Vorgarten und groß genug für vier Personen. Im Haupthaus schimmert die Geschichte des Hauses durch, das vor mehr als 500 Jahren erbaut und im Jahr 2010 neu eröffnet wurde. Das Frühstück ist exzellent, die Bar bietet reichlich Auswahl an guten Bieren und natürlich auch sehr gute Single Malts. Das Preis-Leistungsverhältnis ist hervorragend und man freut sich über sehr freundliche Mitarbeiter.

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Fast vergessen und doch so lebendig. Brighton, die Strandstadt, das Seebad, hier gingen früher die Römer baden, heute zahlt man 5 Pfund pro 30 Minuten für die Parkerei. Der Defender langweilt sich in einer Seitenstrasse während wir am Strand wie die Robben rumliegen und auf das gigantische Riesenrad starren. Dass die Briten gleich hinter den US-Amerikanern beim Dicksein ganz vorn liegen, wundert uns nicht. Zuckerwatte, Burger und was sonst noch auf der Hüfte klebt wie guter Teer auf der Strasse, ist überlebensnotwendiges Nahrungsmittel. Egal, Brighton ist eine Legende, man kann hier auch als Hetero ganz gut urlauben und solange uns keiner den Defender rosa anmalt, fühlen wir uns sauwohl. Das Klima ist hochsommerlich, überall flanieren Menschen an der Pier entlang und später, als wir wieder raus wollen, merken wir, dass Brighton ein wirklich beliebter Magnet für britische Urlauber ist.

Wenn der Defender an Daktari erinnert

Weiter geht die Reise gen Westen. Exeter, unser nächstes Ziel. Zunächst lassen wir den Land Rover über die sehr gut ausgebaute Autobahn laufen. Die Küstenstrassen sind verstopft, überall Stau, das Mercure Exeter lädt uns ein, das mitten in der Stadt gelegene Hotel ist ein Augenschmaus, aussen wie innen. Direkt an der riesigen Kathedrale und in Steinwurfweite zu wirklich guten Pubs mit wirklich gutem Bier. Vorher auf der Terrasse die Sommerluft gemischt mit Sommerregen-Tropfen geniessen und bevor das Gewitter den Schirm aus dem Wagen regnet, schnell rein an die Bar. Schon wieder bester Single Malt, Kaminfeuer und rund zwanzig Mädels, die was auch immer feiern. Vielleicht den Abschied vom Single-Dasein oder umgekehrt.

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Der Defender verwandelt sich langsam in ein Wohnmobil, ohne Navi, dafür mit USB-Anschluss, damit das iPhone die besten Hits der 6oer, 70er und 80er aus den Defender-Fenstern laufen lässt. The Who meets Exeter. Eigentlich sollte der Brite, der ja in Deutschland lebt, einmal im Leben Land´s End sehen. Raus schauen auf die unendlichen Weiten des Atlantiks. Aber dafür reicht die Zeit nicht aus. Die Fähre in Dover wartet nicht. Also die Beine in die Hand nehmen und ab in den Osten. Diesmal nahezu ungehindert auf der Autobahn, vorher noch nach Beaulieu, wo man das weltbekannte „National Motor Museum“ besuchen sollte, es sei denn gefühlt eine Milliarde Menschen will da gleichzeitig rein. Also nur mal durch den kleinen Ort fahren, eine kleine Gruppe Kühe beim Abendspaziergang über die Strasse lassen und später dann, ein paar Meilen ausserhalb, mit ein paar Eselchen und Pferden ein Fotoshooting veranstalten. Das New Forest Naturschutzgebiet wäre in Deutschland kaum denkbar. Hier laufen Pferde, Esel und Kühe frei herum, durch den Park führen Strassen, überall gibt es Parkplätze und der Defender wird auf einem davon unfreiwillig zum Daktari-Gefährt. Ein paar Esel finden den kantigen Geländewagen schon sehr interessant.

Back to good old Germany. Wieder freut sich der Brite auf einen Platz ganz vorn in der Fähre, DFDS hat uns wieder in die Lounge eingeladen. Beste Aussicht auf den Kanal, Kaffee, Kuchen, WLAN so gut es eben geht und die Stunde auf dem Wasser vergeht wie im Flug. Der Defender läuft Richtung Neuss, dort wartet ein Range Rover Hybrid zur Stabübergabe.

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Was sagt man einem Briten, wenn die Reise wunderbar war, wenn er durch Dick und Dünn perfekt gelaufen ist, wenn er auch in engsten Gassen die Übersicht behalten hat, wenn er zwar durstig aber nie unverschämt war, wenn er wirklich 145 km/h schnell war und wenn er unermüdlich seine Charakter-Nase in die Kamera gehalten hat. „Well done“ Defender.

Hotel Mercure Exeter
Hotel Mercure Exeter
Hotel Mercure Dolphin Southampton
Hotel Mercure Dolphin Southampton

Gasse-Dover

Wir danken den beiden Hotels Mercure Exeter und Mercure Southampton sowie der DFDS für ihre freundliche Unterstützung.

Test und Fotos: Corinna Keller und Ralf Bernert