Fahrbericht Jaguar XJ 3.0 Diesel: Mit einem Hauch von Nostalgie

Fahrbericht Jaguar XJ 3.0 Diesel – Foto Ralf Bernert

Da schreibt man den Teaser zur CES in Las Vegas. Es geht um Connected Cars, automatisiertes Fahren, Gadgets, Hologramme und so weiter. Und dann sitzt man im Jaguar XJ Baujahr 2016. Eine moderne Limousine der Neuzeit mit einem Hauch von Nostalgie. Die Frage sei erlaubt. Ist das schon Melancholie, wenn man Holz streichelt?

Rundinstrumente (digital), die Nadelspitze strebt von links unten nach oben und weiter nach rechts. Im Uhrzeigersinn, Analogie im Digi-Zeitalter. Bald werden wir das Lenkrad nur noch beim Ein- und Aussteigen anfassen. Die Uhr tickt. Das Wettrennen um die Krone der Neuzeit im Autouniversum hat begonnen und wir sitzen im XJ. Ein großer Monitor, vollgepackt mit Informationen. Schnell, lautlos, sehr bunt und derzeit modern. Er kann mit dem Smartphone reden, er kann Musik laden und er kann im Internet surfen. Heute ist das fast Standard, morgen werden andere schon weiter sein. Und Jaguar wird mitlaufen.

Der XJ gibt keine Rätsel auf. Der Schlüssel liegt in der Ablage, das Smartphone per Bluetooth und USB-Kabel verbunden. Der runde Knopf schaut aus seiner Behausung. Auf D Drehen und der Jaguar rollt los. Wie vor fast fünfzig Jahren.

Fahrbericht Jaguar XJ 3.0 Diesel: Lust auf Club

Der erste XJ war ein Symbol und er ist es noch heute. British kühl, vornehm, hölzern im wahrsten Sinne des Wortes. Und vor allem, anders als der Rest der Welt. Wenn auf dem Parkplatz ein XJ stand, konnte man sofort erahnen, auf wen dieser Wagen wartete. Ein Geschäftsmann? Klar, Aber einer, der auch durch seine persönliche Ästhetik auffiel. Rahmengenähte, gut behütet, Mantel plus Anzug vom Schneider. Ein  wenig lässiger als der Rest. Auf keinen Fall Zigarre, eher Pfeife oder ein feiner Zigarillo. Auf alle Fälle feingliedrig und edel. Die dicke Corona passte eher zum Wohlstandsbauch im Benz. Der XJ war die Heimat des Hanseaten mit Lust auf Club und Segeltuch. Später auch mit V12 unter der Haube. Hauptsache british und gediegen.

Fahrbericht Jaguar XJ 3.0 Diesel – Foto: Ralf Bernert

Und heute? Als der X351, so nennt man den neuen XJ, 2009 der Öffentlichkeit präsentiert wurde, war die Reaktion heftig. Der Neue schien aus einer anderen Welt, einem anderen Hersteller entsprungen. Die Rückleuchten für viele eine Mutprobe. Und vorn fehlten die runden Augen. Ab sofort schmale Schlitze, auch hinten. Dazu weit sportlicher, fast ein Coupé. Traditionalisten kamen ins Grübeln. Einige schimpften. Und trotzdem war es ein Jaguar.

Der aktuelle XJ, unser Testwagen ist ein 3.0 Liter Diesel, steht auf dem Parkplatz und wir merken, dass eine Zigarre plus Wohlstandsbauch weder in die Zeit noch in diesen Jaguar passt. Alles wirkt schlank, fast feingliedrig. Trotz der 1.835 Kilo Leergewicht, trotz einer Länge von 5,130 Meter.

Fahrbericht Jaguar XJ 3.0 Diesel: Lounge eben

Hinter den Vordersitzen geht es zu wie in einer modernen Lounge. Leder? Na klar und zwar sehr gutes Leder. Es gibt ausreichend Raum für Oberschenkel, die Sitze sind sehr bequem. Man kann mit dem Ipad spielen oder feiner Musik lauschen oder ganz einfach aus dem Fenster sehen. Notdeutschland ist ja auch im Winter ganz hübsch.

Weiter vorn blickt man auf Monitore und Lüftungsdüsen, deren Ausmaße nicht nach unserem Geschmack sind. Aber der Mensch will Luft und im Moment warme Luft. Also dreht man die Düsen in Richtung Nase und Ohren. Dazu werden Massagen und ein warmer Hintern gereicht. Lounge eben und auf der Linken Seite sitzt man, wie vor fast fünfzig Jahren hinter einem Lenkrad, dass auch mit glänzendem Walnusswurzelholz verziert werden kann. Ganz wie früher.

Die Technik im modernen XJ ist zeitgemäß. Der V6 mag in den ersten Sekunden noch den Diesel-Sound nach Außen tragen, aber sobald der Selbstzünder in Stimmung ist, lauschen die Ohren nur noch den Winterreifen oder dem kalten Wind. Der Wagen ist von der gutmütigen Art, das heisst, er lenkt sich präzise, die Bremsen sind kräftig aber nicht von der Sorte Anker. Das Fahrwerk hilft bei der Bewältigung unebener Stellen im Asphalt sehr gut mit und die 300 PS sind meist mehr als ausreichend zu Stelle. Nur wenn man das Drehmoment ein wenig klarer zum Ausdruck bringen will, lohnt sich der Dreh zum großen S. Dann öffnet der XJ die Manschettenknöpfe, krempelt die Hemdsärmel hoch und rennt sehr sauber und sportlich nach vorn. Das kann er, dank der Winterpneus nur bis Tempo 240, aber das langt allemal. Wer um die Wette rennen will, greift lieber zum XJR.

Das 8-Stufen-Getriebe muß noch erwähnt werden, weil es früher nicht als Offenbarung galt. Heute finden wir eigentlich keinen Grund zur negativen Kritik. Es arbeitet sauber, schnell und an  Unterbrechungen der Zugkraft erinnern wir uns nur in den ersten drei bis vier Minuten nach einer kühlen Nacht vor der Haustür.

Der XJ ist mit dem V6 Diesel auch als Langversion erhältlich. Dann erhöht sich der Radstand auf 3.157 mm und die Beinfreiheit hinten wächst von 998 mm auf 1.109 mm. Der Preis beträgt dann 90.350,00 Euro.

Der exklusivste XJ ist der XJR. Man ist dann mit einem 5.0 Liter V8 Kompressor unterwegs. Die maximale Leistung beträgt 550 PS, der Vortrieb endet bei 280 km/h und den Sprint aus dem Stand schafft er in 4,6 Sekunden. Der Preis: 142.400,00 Euro.

Fahrbericht Jaguar F-Type R

Fotos: Ralf Bernert

Die technischen Daten (laut Hersteller):
Motor: V6 Diesel mit Turboaufladung
Hubraum: 2.993 ccm
Leistung: 221 kW / 300 PS bei 4.000 U/min
Drehmoment: 700 Nm ab 2.000 U/min

Maße:
Länge: 5.130 mm
Breite (ohne Spiegel): 2.105 mm (1.899 mm)
Höhe: 1.448 mm
Radstand: 3.032 mm
Wendekreis: 11.9 m
Leergewicht: 1.835 Kg
Tank: 77 Liter
Kofferraum: 478 Liter

Fahrleistungen:
0-100 km/h: 6,2 Sekunden
Top Speed: 250 km/h
Verbrauch kombiniert: 5,7 l/100 km
CO2: 149 g/km

Preis in Deutschland ab: 81.000,00 Euro