Fahrbericht Ferrari F12berlinetta – L’elegante macchina da corsa

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Der Rennfahrer steigt aus seinem Arbeitsplatz, er wechselt den Overall gegen Jeans, ein Polohemd und ein italienisches, maßgefertigtes Sakko. Sneakers? Klar. Die Sonnenbrille ersetzt das Visier, die Handschuhe bleiben in der Umkleidekabine. Ein Zündschlüssel, klein und mit nur zwei Druckschaltern versehen, liegt in der rechten Hand und findet seine Garage links neben dem Volant, dass ein wenig an den Arbeitsplatz erinnert. Carbon und an der unteren Hälfte des Steuers sitzen Knöpfe und Schalter. Die beiden Daumen zucken schon. Als hätte man die Stechuhr zum Beginn der Schicht betätigt. Nur nennt man diese Schicht diesmal Freizeit auf Rädern. Oder genauer: Lust auf Rädern.

Das Anforderungsprofil sagt: Formel-1 für die Rennstrecke und Boulevards, sprich Straßenzulassung. Im Grunde kann man diese Formulierung, diese Verpflichtung als Credo, als fixe Duftmarke der Italiener verstehen. Nicht mehr und nicht weniger als die Zivilisierung des nach Bestzeiten strebenden Hengstes, dessen natürliche Umgebung die Rennbahn ist. Nun soll er gezügelt, gestriegelt und mit für den Boulevard speziell gefertigten Hufen die Jockeys in Maßanzügen beglücken. Fassen wir also den Hengst beim Schopf.

Bei Berlinetta springen Gedanken durch den Kopf. Bücher werden aufgeschlagen und Bilder ins Gedächtnis gezappt. 275 Berlinetta, dahinter ein großes Aha. Damals, in den Anfangszeiten der Manufaktur setzte der ehemalige Rennfahrer mit Namen Ferrari die ganze Kraft seiner Intelligenz in den Motorsport. Alfa war sein Gegner, später kamen Mercedes und Porsche an die Reihe. Aus den Logbüchern seines Rennteams, der Scuderia konnte man viel lernen. Motoren wurden entwickelt, für Kunden, sehr reiche, wurden Vergaser und Zündungen auf Landstrassen- und Autobahn-Fahrten getrimmt. Aus der Formel-1, aus Bergrennen und Sportwagen-Weltmeisterschaften machte Ferrari ein Geschäft. Win on Sunday, sell on Monday. Eine Philosophie, die heute nicht mehr funktioniert. Wer kauft denn am Montag eine Dose mit Taurin, wenn am Sonntag davor ein Rennen gewonnen wurde?

Der Ausritt mit dem F12Berlinetta – Der mit Dem

Alles rot, bis auf die Reifen, die Bremssättel und natürlich den Hengst. Der steht schwarz und wild auf seinen Hinterbeinen. Die Rückleuchten rund wie immer, der Diffusor wartet auf Luft, weiter vorn eine kleine, fast als Zierde wirkende Lippe aus Carbon, ein Schutzschild und gleichzeitig eine physikalische Notwendigkeit. Zuviel Luft unter dem Wagen macht aus dem Italiener ein Luftkissenboot. Während der Ferrari so dort steht, in aller Ruhe und seine eigene Statur im Spiegelbild der Fabrikfenster betrachtet, laufen Menschen an ihm vorbei. Mitarbeiter, Kunden, Besucher. Sie schauen auf den Wagen, sie schauen auf mich. Und sie stellen eine Verbindung zwischen uns her. Der mit dem. Gleich wird er den Startknopf drücken, vorher die Spiegel einstellen, die Hände haben davor das Leder gefunden, der Hintern wird zusammen mit dem Rücken die Form der Schalensitze nachbilden, dann wird der 12-Zylinder zum Leben erweckt, zu Dienstantritt aufgefordert. Der Blinkerknopf wird gedrückt und die 4,6 Meter Ferrari werden vor der Werksampel stehen, auf das magische Grün warten und dann mit einem Gasstoß zum Abschied das Werk hinter sich lassen. Zwei, drei Verkehrskreise werden dann durchrundet. Immer Piano, immer mit dem noch recht großen Abstand zwischen den beiden. Noch ist man sich fremd, noch sind die Maße des Wagens im Weg. Langsames Abtasten, der kleine Hebel auf dem Lenkrad, rechts unten, steht noch auf Sport.


Die erste Gerade außerhalb der Stadt passt dem Getriebe gut ins Geschäft. Eins, zwei, drei ohne Mucks, ohne spürbare Wechselpunkte, man sieht die Drehzahlnadel laufen und wieder zurückfallen. Als würde sie immer wieder eingefangen, um dann gleich wieder loszurennen. Man kann sich ausmalen, was passiert, wenn man dieses Spiel bis zum Ende spielt. Mehr als malen ist nicht drin. Die Lichtbild-Kompanie der Polizei ist fleißig und gut gerüstet. Abgesehen davon sind 340 km/h auf einer Landstraße irrwitzig und kaum zu schaffen. Man bräuchte die Startbahn eines Flughafens oder eine A5. Italien hat keine A5, dafür aber blauen Himmel und 28 Grad. Azzuro und rosso, das passt zusammen wie eine schöne Begegnung zwischen Himmel und Erde. Der F12Berlinetta steht satt und fast geruhsam auf einer Wiese. Im Hintergrund Rapps, der zwar viel zu früh erblüht aber heute seine Rolle als Hintergrund perfekt spielt. Der Ferrari rollt weiter, wieder auf Asphalt, wieder das Grollen bei leichtem Streicheln des Gaspedals. Wie ein Warnton, eine akustische Duftnote, als wollte der Italiener sein Revier markieren.

Der F12 und seine Instinkte – Eine famose Kombination

Wer auch immer hier aus einer Geraden eine Kurvenstrecke gemacht hat, er tat dies im Sinne des F12. Es geht bergauf, es geht mal links mal rechts um den Berg. Kleine Gewächse versperren die Sicht, 740 PS oder noch wichtiger 690 Newtonmeter ziehen den Ferrari in den Himmel. Das rosso strebt zu Azzuro. Die Gewichte des Wagens sind sauber verteilt, der schwere Vorderwagen wird bei jedem Sprung aus der Kurve ein wenig leichter, das Formel-1-ähnliche Lenkrad gibt die Kommandos an die Vorderräder so exakt wie ein staatlich geprüfter Bilanzbuchhalter weiter. Keine Abweichung macht sich bemerkbar, das Heck läuft sauber in der Spur, ein Hengst in der Dressurprüfung. Höchstnote.
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Und immer wenn weiter vorn ein Hindernis auftaucht, ein PKW, eine Fuhre Ziegelsteine auf einem LKW oder der Postbus mit Liebesbriefen, wird der Instinkt des F12 wach, der fast unausweichliche Drang nach dem Kampf um Zentimeter, um die Herrschaft im Revier, der Hengst will nach vorn, der Macho muss seine in Jahrzehnten geformte Seele, seine Natur immer und immer wieder gegen die Langeweile, die im dritten Gang bei 60 km/h unausweichlich droht, ankämpfen. Und er siegt eigentlich immer. Der Blick aus dem Fenster, aus dem Schatten der Silhouette weiter vorn. Er biegt um die Ecke, schaut voraus, der linke Zeigefinger zieht zweimal das Schaltpaddel nach hinten, ein Signal, zweimal kurz und der Gasfuß senkt sich wie eine Startflagge. Dann sieht der Vordermann im Rückspiegel eine Horde Zylinder, verpackt wie ein Geschenk, zur Attacke reiten. Die Operation dauert Sekunden, vielleicht drei oder vier. Mit Fanfarenmusik verschwindet der Kontrahent im Gewirr der Kurven. Immer kleiner, immer harmloser. Der Hengst gibt seine Zufriedenheit an den Reiter, den Mensch aus Fleisch und Blut, weiter. Wie ein Gefährte, dessen Instinkte für ein paar Augenblicke mit denen des Hengstes eins waren.

Später, wieder von Häusern und Menschen umgeben, scheint es so als wäre der Kämpfer, der Sportler wieder aus einer Trance, einem Traum erwacht. Er flaniert, er pfeift ein Lied, ganz der Gentleman, der Kavalier. Eben noch haben wir uns geduzt, jetzt bringe ich ihn zurück und verabschiede mich später mit einer leichten Verbeugung. Grazie mille.

Foto: Ferrari
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Foto: Ferrari
Foto: Ferrari
Foto: Ferrari
Foto: Ferrari
Foto: Ferrari
Foto: Ferrari
Foto: Ferrari
Foto: Ferrari
Foto: Ferrari
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Die technischen Daten (laut Hersteller):

Motor: V12
Hubraum: 6.262 ccm
Leistung: 544 kW / 740 PS bei 8.250 U/min
Drehmoment: 690 Nm bei 6.000 U/min
Getriebe: 7-Gang Doppelkupplung
Antrieb: Hinterräder
Tankinhalt: 90 Liter
Maße:
Länge: 4.618 mm
Breite: 1.942 mm
Höhe: 1.273 mm
Radstand: 2.720 mm

Leergewicht: 1.630 kg

Fahrleistungen:
Topspeed: 340 km/h
0-100 km/h: 3,1 s
0-200 km/h: 8,5 s

Verbrauch kombiniert: 14,8 l/100 km
CO2 kombiniert: 350 g/km
Preis ab: 268.400,00 Euro