Er ist so blau wie ein Enzian in voller Blüte und er schaut nach vorn, wie ein Gladiator, der in die Arena steigt. Der Camaro, jener US-Sportler mit reichlich Aura und dem Image des Show-Cars, war in unseren Händen ein schneller, manchmal lauter, optisch recht auffälliger aber auch kultivierter Wagen mit guten bis sehr guten Manieren.

US-Design auf ganzer Linie. Der Camaro zeigt seine Talente ohne Chrom und Schnickschnack.

Von Frankfurt nach Hamburg, der Tank bis zum letzten Tropfen gefüllt, der Schaltknauf mit der rechten Hand verknüpft, die ersten Ampeln dienten als Übungsgeräte, weil man diesen Wagen um Himmels Willen nicht abwürgen will, weil das Publikum schon genauer hinschaut, wenn da dieser Wagen steht und gleich nach vorn laufen muß. Der Hintermann beobachtet Dich, der Vordermann versenkt seine Augen im Rückspiegel. Es ist ein Ding auf der Strasse, dass man ansehen will und hören will man in auch. Damit die Klischees in Wahrheiten verwandelt werden.

Ein Ami mit V8, Gebrabbel, Zittern, vor Kraft kaum laufen können und der Steuermann ganz sicher ein Halbstarker oder zumindest in der Nähe dieser Gruppierung unterwegs. Checker, Poser, Typen oder einfach nur so weit wie möglich von allem entfernt, was man an Klischees zum Thema Spiesser in unseren Köpfen eingelagert hat. Der Camaro ist eben weit mehr als nur der Dienstwagen eines gewissen James Rockford, der seinen gebrauchten Camaro recht oft durch die Gegend um Los Angeles chauffierte und dabei dem Klischee des sehr gut verdienenden Privat-Ermittlers in jeder Folge seines Daseins einprägsame Gegenargumente lieferte.

Der Kollege Magnum war auch bettelarm, konnte sich kein eigenes Auto leisten, durfte aber auf Hawai leben und den Kopf aus einem offenen Ferrari strecken, der Eigner erlaubte die Nutzung gegen diverse Dienstleistungen. Rockford´s Camaro dagegen war Eigentum des Fahrers und irgendwie eine Karre mit Kultcharakter. Und jetzt der Blaue, den wir uns ausgeliehen haben gegen eine Dienstleistung. Wir schreiben auf, was der Leihwagen so alles kann und will und soll.

Fahrbericht Chevrolet Camaro Coupé – Eine Frage der Ehre

Die 453 PS da vorn zappeln unruhig hin und her. Wie eine Gruppe Kleinkinder auf dem Weg zum Freibad mitten im Hochsommer. Vom Beckenrand springen, das Dreier belagern, Köpper am laufenden Band und was sonst noch so an Adrenalin-Dingern machbar ist. Auf alle Fälle Bewegung, Action und später was erzählen können. So ungefähr fühlt sich der Wagen an. Sein Seelenleben ist recht einfach gestrickt, weil die Eckpunkte in einer halben Hand genug Platz finden. Er will schnell sein und dies auch akustisch aufschreiben, also hinter die Ohren.

Der Motor, mit sechs Litern Hubraum recht ordentlich gewachsen, kann wummern, aufschreien, flüstern und ganz schön vibrieren. Und er kann die Hinterräder antrieben, indirekt natürlich. Bei Tempo 290 geht dem Aggregat die Puste aus, was so schlimm nicht ist, denn 290 m/h sind auch in Deutschland sehr, sehr schnell. Selbst hoch motivierte Vertreter-Kutschen mit Chip-getunten Motoren kommen da nicht mit. Und unten raus kann der US-Sportler den meisten Kollegen locker das Wasser reichen. Bei der Handschaltung spielen Hand, Fuß und die Abstimmung beider eine ganz schöne Rolle. Wer den richtigen Zeitpunkt verpasst, haut den 0-100-Wert in den Keller. Der Camaro kann auch ein Automatik-Getriebe haben, aber irgendwie sind Klischees manchmal auch Verpflichtung, die Hand am Hebel, das Gesicht ein wenig verzerrt, ob der Handlungsfolge, die da, einem Handwerks-Kult folgend, gleich ablaufen soll.

Es ist, vor allem am Anfang, eine Frage der Ehre, wenn der Chevi sehr lässig durch die Stadt rollt und dann auf der Beschleunigungsspur nach vorn rennt, Kampfgeschrei inklusive, jeder Gang kommt mal dran, bis eben das Limit erreicht und der Rückspiegel leer ist, na ja ein paar Figürchen sieht man noch, ganz weit hinten. Da vorn kommt die nächste Wolke aus Autos, der Camaro rennt da durch, ganz links, mit diesem Blau als Kostüm, dem Blick des wild entschlossenen Reisenden, der da durch will und auch kann. Die Augen ein wenig verkniffen, breit der Gang und laut die Stimme aus den Endrohren.

Und dann laufen wir auf der Landstrasse umher. Das heisst dann höchstens einhundert Sachen aber dafür mit Schwung in Kurven laufen, die Kupplung hat zu tun, die Brembos auch. Vorn 345er, hinten 338 mm, innenbelüftet. Die Wahl auf den Handschalter statt Automatik trifft genau hier auf große Freude, weil man sich mit den Füßen und den Händen so richtig aussprechen kann. Die Kommunikation muß laufen, muß passen. Kupplungspunkt, Bremspunkt, Einlenkpunkt und Scheitelpunkt. Eine Kette an Punkten und der Camaro spielt sauber mit. Die 1,7 Tonnen inklusive Besatzung spielen natürlich auch mit und man sollte den Chevi nicht in die Kategorie Supersportler stecken. Dafür hat der V8 da vorn dann doch zu viel Gewicht.

Wer den Ami zu heftig in die Biegung zwingt, wird mit Gegenwehr durch das Heck belohnt. Das macht manchmal Spaß, ist aber nicht ohne Risiko. Und wir wollen fahren, nicht rutschen. Die Lenkung ist präzise bis ein wenig weich, das Fahrwerk hart und dank der sehr guten Aufhängung von McPherson sehr gut auf die Karosserie und die Gewichtsverteilung angepasst. Unser Ausflug in die Welt der Asphalt-Biegungen offenbart, dass der Camaro in diesem Revier mit viel Leidenschaft unterwegs ist. Das liegt natürlich auch an seinem Motor, der ganz ohne Turbolader, tief Luft holt und dann mit voller Wucht seine Lebensfreude hinaus brüllt. Das steckt an und es klingt wunderbar. Saugmotoren sind Überzeugungstäter mit großem Herz und ihre Lust auf Drehzahlen wird im Camaro besonders deutlich.

Kurz vor dem Ende noch ein Blick auf die Innereien des Camaro. Die Sitze bequem und mit Seitenhalt ausgestattet, über der breiten Mittelkonsole sitzt ein Monitor in dem viel Info wohnt und diese Infos sorgen für den Überblick. Also Kommunikation mit dem Smartphone, Navi, Musik, Radio, Einstellungen des Wagens und so weiter. Alles ist schnell, gut ablesbar und sauber sortiert. Vor dem Lenkrad dann die Hauptinfo, also Rundinstrumente, so klassisch wie nur möglich und dabei digital. Uns gefällt besonders gut, die komplette Info-Übersicht. Also Drehzahl, Tempo und darüber vier kleine runde Uhren und darunter die Einstellung des Fahrmodus. Von Tour, also komfortabel bis Schnee, was wir nicht ausprobiert haben. Eis gibt’s derzeit nur in der Waffel.

Ein Fazit aus einer Woche Erfahrung. Der Camaro mit V8 und Handschalter ist ein Herzensbrecher. Nicht für jeden Geschmack gemacht aber trotzdem emotional bewegend. Der Sound, die Ästhetik, die Technik und die Lust. Dass die Eintrittsbarriere recht niedrig justiert wurde, macht den Chevrolet weder besser noch schlechte, sondern nur interessanter. Wenn also Camaro, dann den 6,2 V8 plus Kupplungspedal, weil´s einfach mehr Freude bringt und man das Klischee des Poser-Wagens sauberer entkräften kann.

Die technischen Daten:
Chevrolet Camaro Coupé V8 6.2
Motor: V8
Hubraum: 6.162 ccm
Leistung: 333 kW / 453 PS bei 5.700 U/min
Drehmoment: 617 Nm bei 4.600 U/min

Antrieb: Hinterräder
Getriebe: 6-Gang Handschalter

Maße:
Länge: 4.784 mm
Breite: 1.987 mm
Höhe: 1.340 mm
Radstand: 2.812 mm
Leergewicht: 1.659 kg
Tank: 72 Liter
Gepäckraum: 257 l

Fahrleistungen:
0-100 km/h: 4,4 Sekunden
Top Speed: 290 km/h

Verbrauch und Co2:
kombiniert: 12,8 l/100 km
Co2: 292 g/km

Preis in Deutschland inkl. Steuer ab: 50.100,00 Euro