Fahrbericht Bentley Bentayga W12: Der Thrill-SUV

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Gib´s mir. Aber so richtig. Noch bevor man einsteigt, schaut man durch das verchromte Gitter der Kühlermaske. Dahinter verbirgt sich ein fetter Motor. Sechs Liter und 608 PS. Wozu das alles? Für die Auffahrt vor der Villa? Für das eigene Homevideo mit Zeitlupe? Einsteigen und hinaus sehen.

Und dann verschwindet die Baustelle im Rückspiegel, bald ist sie nur noch ein kleiner Punkt, eine Erinnerung, während der Bentayga den nächsten Arbeitsplatz fleissiger Straßenbauarbeiter anvisiert und ihm auf die Pelle rücken wird. Auf der A1 Richtung Schleswig ist dieses Spiel für niemand wirklich reizvoll und es sei denn, man nutzt die freie Bahn zwischen zwei Bauabschnitten als Rollfeld für die 608 PS und die Kooperation zwischen dem W12, dem Getriebe und den 22-Zoll-Reifen, die den Briten auf wirklich große Füße stellen.

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Der Nachbar fragt nach dem Bentayga. Wie der denn laufe? Und wie er sich fahre? Den Preis wollte er nicht erfragen. Den kenne er schon. Und ob man den Q7 spüre? Ganz schön neugierig, der Herr Nachbar. Vor allem, weil er früher oft über SUV und deren Besitzer gelästert hatte. Zu groß, zu teuer, immer im Weg, Sichtversperrer, Parkhausblockierer und natürlich unnötig wie ein Loch in der Kniescheibe. Na klar, wir haben verstanden.

Fahrbericht Bentley Bentayga W12 – Abseits aller Klischees

Wir lassen den Nachbarn mit ein paar Informationen zurück. Ja, er läuft sehr, sehr gut. Er fährt sich sehr, sehr gut. Den Q7 spürt man nicht, weil Bentley auf die Bodengruppe des Q7 ein vollkommen anderes Auto gebaut hat und das sieht man auch, lange bevor man es spürt. Natürlich ist der Bentayga groß, wuchtig und schwer. Man wird diesen SUV in unseren Breitengraden eher selten jenseits asphaltierter Strassen finden. Es sei denn, ein Journalist parkt den Wagen im direkten Blickfeld eines Hochsitzes, auf einem Feldweg. Landwirte, Waldarbeiter, sogar Oberförster werden einen Bentayga lieber nicht ins Gelände schicken. Dafür gibt es Nutzfahrzeuge und der größte Nutzen, den dieser Bentley zu leisten vermag, ist seine Leistung auf festem Grund plus seine Gastfreundschaft dank einer besonderen Innenausstattung.

Zuerst ein Rundgang und der kann dauern. Gute 15 Meter Laufweg, zum Glück bleibt das Auge recht selten an einer Stelle hängen. Der Bentley-Grill thront, wie bei allen anderen Familien-Mitgliedern, stolz in der Mitte, links und rechts fallen vier Leuchten auf, deren Anordnung ein Lächeln erzeugen. Unter der Kühlermaske drängt sich ein Detail in den Vordergrund, ein Auffahrschutz, der sich wie eine feine, silbern umrahmte, Zunge fast bis zum Kennzeichen reckt. Ein Zeichen für Bodenständigkeit, Robustheit und Schutz. Oder einfach nur Symbolik. Überhaupt, die Erscheinung. Opulenz ohne Firlefanz, große Lufteinlässe vorn, dazu passend die silbern umrahmte Fensterlandschaft, darunter Sicken und Schattenlinien, die das vordere und hintere Radhaus miteinander verbinden. Der schwungvolle Bogen direkt über die hinteren Türgriffe zu den Rückleuchten, Dynamik trifft Größe. Das Heck dann auffallend einfach, obwohl so viel Raum für Einzelheiten vorhanden ist. Als wollte man diesen Hintern sich selbst überlassen. Ein wenig Chrom, dazu das große B, die Beleuchtung eher belanglos. Der Bentayga soll nicht auffallen, er soll überraschen.

Bentley Bentayga, Iceland, July 2016

Photo James Lipman / jameslipman.com
Bentley Bentayga, Iceland, July 2016 Photo James Lipman / jameslipman.com

Innere Werte, im wahrsten Sinne des Wortes. Leder? Klar. Unglaublich viel Leder. Man badet in bestem Leder, man sitzt darauf, man ist davon umgeben. Dazu noch Holzfurnier, der Tradition folgend. Armaturen, einbettet in Holz. In der Mitte ein Monitor zur Information, Unterhaltung und Orientierung. Man kann den Bentayga unmöglich mit schnödem Material schmücken. Der Zeitgeist fordert seinen Tribut. Unvorstellbar, dass der Sohn, auf der Rückbank staunend, feststellt, dass der neue Bentley ohne jede Conncetivity daher kommt. Also wurden USB-Steckdosen verbaut, Bluetooth sowieso, wer will, läßt an die Rückseite der Vordersitze Monitore anbringen. In der hinteren Mittellehne ruht eine Fernbedienung. Die Rücksitze werden zum Kino-Sessel. Der Bentayga wird zur rollenden Lounge mit Vollausstattung.

Maßvolle Zügellosigkeit. Der Bentayga könnte auch 30 Zentimeter länger sein, er könnte auch 50 PS mehr haben oder 310 km/h schnell sein. Technisch wäre das kein Problem und die Kundschaft wäre noch immer mit an Bord. Der Escalade von Cadillac kann bis zu 5,65 Meter lang werden und damit lassen sich nicht nur Sicherheitsbeamte durch die Gegend transportieren.

Fahrbericht Bentley Bentayga W12 – Mit Elektronik-Kiel

Vielleicht hat man bei Bentley eher an Fahrleistungen und emotionale Wucht gedacht. Oder an sehr weit zurück liegende Zeiten. Der 8 Liter aus dem Jahr 1930, jener Bentley, der dem damals aktuellen Phantom II das Wasser reichen konnte. Die Laufruhe des Sechszylinders plus einem Radstand von mindestens 3,657 Meter war unübertroffen. Die Folgen der Weltwirtschaftskrise erlaubten gerade mal 100 Exemplare, zu wenig für Bentley. Die Folgen kennen wir. Rolls-Royce übernahm den Laden 1931. Ob der Bentayga ähnlich selten über die Ladentisch gehen wird, darf bezweifelt werden. Die anvisierte Zielgruppe hat ausreichend Mittel zu Hand.

Reden wir mal über Fahrdynamik und den Bentayga. Das gute Stück bringt mindestens 1,4 Tonnen auf die Waage, mit einer Höhe von 1,74 Meter wird der Schwerpunkt nicht gerade niedrig liegen und bei einer Breite von zarten 1,99 Meter kann man nicht unbedingt von optimalen aerodynamischen Werten sprechen. Der Bentayga ist eine Wucht im Stand und eine Masse in Bewegung. Einmal mit Energie versorgt, rennt der Brite los, als gäbe es kein Halten mehr, der erfahrene Pilot wird gleich zwei Kurven voraus denken, den Anker aus der Halterung nehmen, sprich, er wird mit gezücktem Fuß über dem Bremspedal unterwegs sein. Masse schiebt nun mal. Jeder Truck-Fahrer kennt das Thema. Also, bergab mit dem Bentayga ist die eine Sache.

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Eine andere Sache sind Kurven. Hohe Wagen wanken gern, jeder SUV-Fahrer kennt das Thema. Hoher Schwerpunkt gleich hohe Wankneigung. Schiffe haben für diesen Fall einen Kiel, der Bentayga hat eine Elektronik, genannt adaptiver Wankausgleich. Das Technik-Lexikon von Volkswagen hat dazu folgende Zeilen parat: „Das Fahrdynamikpaket mit adaptivem Wankausgleich ist eine Zusatzfunktion zur Luftfederung. Sie verringert durch eine sportliche Fahrwerksabstimmung die Neigung der Karosserie in schnell gefahrenen Kurven und erhöht so den Fahrspaß. Die Luftfederung regelt dabei jeden Stoßdämpfer einzeln und verbessert so die Straßenlage und sorgt für höhere Agilität und mehr Sicherheit.“ Vereinfacht ausgedrückt: Bei schnelleren Kurvenfahren werden die Dämpfer härter eingestellt, der Wagen kann sich dadurch nicht mehr so schnell aufschaukeln. Wir haben das mal im Ansatz ausprobiert und festgestellt, dass der Bentayga schon arg in enge Kurven geworfen werden muß, damit sich Wankbewegungen feststellen lassen.

Wir bogen rechts ab, in den Wald. Oder besser in Richtung Wald, dann nach hundert Metern entdeckten wir einen alten Wachturm. Mitten auf der Wiese. Ein Blick auf die Reifen des Bentley. 285er Pirelli auf 22-Zoll-Felgen. Das Profil: eindeutig kein Wiesen-Profil. Der Boden: feucht bis nass, tief, rutschig. Eindeutig kein Revier für den Bentayga. Wir nehmen trotzdem sanft Anlauf, der Allradantrieb schiebt und drückt den 2,5-Tonner über das satte Grün. Gute 150 Meter bis zum Turm. Die Räder greifen, der Wagen rollt, anhalten, wieder anfahren, wieder anhalten. Für den Notfall liegen zwei Decken als Untergrund bereit, wieder anhalten und ein wenig mehr Gas. Die Reifen drehen langsam durch, wieder Fuß vom Gas und sachte Druck aufbauen. Der Bentayga kommt voran, erreicht sein Ziel und läuft auch wieder zurück zum Feldweg. Was lernen wir?

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Der Bentayga ist kein Offroader. Er hat Allradantrieb, er hat Bodenfreiheit, ein Schutzblech vorn und er hat viel Kraft. Man mag mit ihm eine Sanddüne hinauf und wieder hinab fahren können, eine nasse Wiese ist auch machbar. Aber allein die Bereifung macht eine ernsthafte Gelände-Tour nahezu unmöglich. Hinzu kommen Überhänge vorn und vor allem hinten plus Radstand. Ein Aufsetzen wäre die logische Folge. Und dann stellt sich noch die Frage, wozu man mit einem Fahrzeug wie dem Bentayga ins Gelände fahren sollte? Vermutlich aus Lust und Liebe, oder weil man Grenzerfahrungen mag und dabei Kratzer im Lack, Schäden an den Felgen oder am Unterboden nicht so schlimm findet. Wie auch immer, der Bentayga kann in der Not dank seines Allradantriebes auch mal den Weg verlassen, er kann sicherlich mehr als ein normaler PKW, er stösst auch dank seines hohen Gewichtes schnell an seine Grenzen. Vor allem, wenn hinter dem Steuer ein wenig Gelände-erfahrener Mensch sitzt.

Fahrbericht Bentley Bentayga W12 – Das Wort überwältigend

Wir haben dem RREC einen Besuch abgestattet. Der RREC ist der weltweit größte Club für Bentley- und Rolls-Royce Besitzer. Die deutsche Sektion traf sich unlängst zu ihrem Herbsttreffen und der Bentayga war dabei. Für die meisten Teilnehmer war es die erste Begegnung mit dem großen Bentley. Einige haben ihn gänzlich ignoriert, erstens weil sie SUV grundsätzlich ignorieren und zweitens, weil sie ein Faible für klassische Automobile ausleben. Zeitgenössische Autos, gleich welcher Couleur sind für sie uninteressant. Und dann war da noch eine Gruppe von Mitgliedern, die die Türen des Bentayga gar nicht schnell genug öffnen konnten. Begeisterung. Spontane Fragen nach Lieferzeit, Dieselantrieb, Anhängerkupplung und maximaler Last, Preise und natürlich der Fahrleistung. Einen Teilnehmer hatten wir auf der Autobahn überholt, ein Bentley S III. Das Wort „überwältigend“ fällt. Die Innenausstattung gefällt, die Qualität, die Anmutung plus das Raumgefühl. Man wolle den zuständigen Händler kontaktieren.

Es wird Zeit für ein Fazit. Vier Tage Bentayga, vier Tage kein Parkhaus und sorgfältige Parkplatzsuche. Vier Tage mit mehr als 600 PS, 900 Newtonmeter unter der Haube und der Gewissheit, dass nur ein ausgewachsener Sportwagen oder eine extrem motorisierte Limousine dem Bentley folgen kann. Vier Tage fragende Gesichter am Straßenrand, vier Tage Freude ob der Opulenz hinter den Türen und der vollkommen überraschenden Erkenntnis, dass man diesem Wagen nicht wirklich braucht, ihn aber durchaus nutzen kann. Der Bentayga ist schnell, sehr schnell. Sein Tank entleert sich, je nach Gasfuß, recht schnell. Man kann ihn rollen lassen und dann schafft man auch fast 500 Kilometer am Stück. Er ist sehr gut gedämmt, man sitzt bestens und man schaut auch gut heraus. Was uns nicht so gut gefällt, ist die Hülle. Wer mit dem Bentley vor dem Grand Hotel auftaucht, darf sich nicht wundern, wenn der Doorman, wenn auch nur leicht, die Nase rümpft. Dort, wo die Designer das Thema Understatement in die Tat umgesetzt haben, fehlen halt die Insignien der Championsleague, wenn man von der Kühlermaske und die großen B auf der Haube einmal absieht. Aber die Bentayga wird sich seinen Platz unter den „Über-Drüber-Autos“ schon erarbeiten. Auf der Auffahrt zur eigenen Villa jedenfalls sollte man zum Anfang immer rückwärts parken.

Text: Ralf Bernert
Fotos innen: Bentley
Fotos aussen: Ralf Bernert

Fahrbericht Bentley Mulsanne

Fahrbericht Bentley Continental GT V8

Fahrbericht Bentley Continental GT V8 S

Die technischen Daten laut Hersteller:

Motor: W12 BiTurbo
Hubraum: 5.950 ccm
Leistung: 447 kW / 608 PS bei 5.000 bis 6.000 U/min
Drehmoment: 900 Nm bei 1.350 U/min

Antrieb: Allrad
Getriebe: 8-Gang Automatik
Fahrwerk: elektronische Wankstabilisierung, elektronisches Sperrdifferential, Luftfederung, Zentraldifferential

Maße:
Länge: 5.140 mm
Breite (ohne Spiegel): 2.224 mm (1.998 mm)
Höhe: 1.742 mm
Radstand: 2.995 mm
Leergewicht: 2.440 kg
Tank: 85 Liter
Kofferraum: 431 bis 484 Liter
Anhängerlast: maximal 3,5 Tonnen

Fahrleistungen:
0-100 km/h: 4,1 Sekunden
Top Speed: 301 km/h

Verbrauch und Co2:
kombiniert: 13,1 l/100 km
Co2: 296 g/km

Preis in Deutschland inkl. Steuer ab: 208.488,00 Euro