Aston Martin Virage Volante: British Open

Michael Kratz, Schnellfuß und Popometer-Inhaber, wollte den offenen Aston Martin testen. „Weil der Virage so schön aus sich raus gehen kann.“ Na gut, den Gefallen tun wir dem Kollegen gern. Bitte schön, der Virage samt Emotion Control zu Händen des Herrn Michael Kratz.

 

Virage-Volante-Titel

 

Freitag morgen 9.00 Uhr am Nürburgring. Wir befinden uns am Eingang des Aston Martin Test Centers. Der Virage Volante in Magma Red steht schon für uns bereit.

 
 

Der uns das Fahrzeug übergebende Herr ein echter Brite. Die Einweisung erfolgt charmant britisch und augenzwinkernd. Er erklärt uns, dass der Einstieg der zwei nach oben öffnenden, und allen Aston Martins eigenen Schwanenflügeltüren, durchaus einhändig zu öffnen sind, aber nicht jedermanns Sache sind. Hält sich nicht lange mit der zu ergründenden Navigation in der Mittelkonsole auf, sondern zeigt uns den in der Mittelkonsole integrierten Aston Martin Kugelschreiber, auch schon ein Kunstwerk an sich. Und Vorsicht bei Passagieren, die sie nicht so genau kennen, Untergangsgefahr.

Bei der Eleganz der Verarbeitung spielt Aston Martin in der allerhöchsten Liga.70 Stunden werden allein an der Erstellung des Interieurs aus feinstem Bridge of Weir
Leder aufgewendet. Allein die feine Näharbeiten lassen darauf schliessen, insbesondere die den Interieurverlauf akzentuierenden Nähte, welche vom Armaturenbrett entlang der Sitze und Türen verlaufen, dass hier noch echtes britische Handwerkskunst mit Herz und Seele ausgeübt wird.

Wir starten. Ein unvergleichliches Ritual schon an sich. Der geschliffene Kristalltrapez, in der Aston Martin Nomenklatur „Emotion Control“ genannt, wird in der Mitte oberhalb
in die Mittelkonsole eingesteckt und lässt den handgefertigten 6.0 Liter V12 Zylinder mit einem kräftigen Brüller erwachen, um dann in ein rauchig klingendes Leerlaufbrabbeln überzugehen. Wir lösen die am Schweller links vom Fahrer montierte Handbremse, eine weitere Aston Martin Eigenheit, die auch im angespannten Zustand in Ruhelage sinkt, was manche Fahrer zu Verzweiflungsausbrüchen anhält, und rollen in Richtung Hohe Acht, um uns den fahrdynamischen Qualitäten des Virage Volante zu widmen.

Der Virage bremst serienmäßig mit Carbon-Keramik-Scheiben und sortiert die Gänge mit einer ZF-Sechsgang- Automatik. Die Schaltpaddles am Lenkrad sind lederbezogen. Im Sportmodus wird schneller geschaltet, die Gaspedal- Kennlinie verändert sich und das adaptive Fahrwerk wird straffer. Überhaupt lässt das Fahrwerk zehn verschiedene Einstellungen zu, von relativ komfortabel bis ziemlich sportlich.

Wir wählen erst mal den Sport Mode, und geben dem Virage die Sporen. Durch die ausgewogene Gewichtsverteilung des front-mittig eingebauten Zwölfzylinders, ergibt sich
ein unter allen Belangen neutrales bis leicht übersteuerndes Fahrverhalten Die direkte, gutes Feedback vermittelnde Lenkung, trägt ihren Teil dazu bei. Die Karbon-Bremsanlage ist über alle Zweifel fadingfrei erhaben. Das zum Faktischen. In der Realität erhallen die Wälder um die Hohe Acht von einem unvergleichlichen Sound-Crescendo. Der Virage Volante stürmt die Landstrasse von Adenau zur Hohen Acht hin,wie einst die Briten die Anhöhen von Waterloo, dabei bringt er seinen Piloten nie in Verlegenheit. Einzig der Sechsgangautomat bekommt im Sport-Modus hin und wieder einen Schluckauf, weil zu langsam und das ESP ist ein wenig übereifrig, und profiliert sich als Spassverderber, was man jedoch durch ausschalten eliminieren kann. Aber da muss es fahrtechnisch schon extrem zugehen. Wir empfehlen und bevorzugen den Komfortmodus, der viel besser zum Charakter des Virage und zum gepflegten Landstrassen-Swing passt. Motor, Fahrwerk, Sitzposition, Ambiente und Kopf sind dann im Einklang und sorgen dann für real driving pleasure.

Womit wir eigentlich schon beim Fazit wären. Ästhetik gepaart mit britischer Handwerkskunst und einem Schuss Understatement geschaffen für Connaisseure und Kenner. Der Virage stellt eine ideale Symbiose zwischen dem mehr komfortorientierten DB 9 und dem sportlichen Vanquish als echter Gentlemen-Sportwagen im Aston-Martin Programm dar.
Aufregend, edel schnell und unbedingt auch schön in allen Details. Man schaue sich nur den Öldeckel an, oder die hin und wieder benötigte, in Leder gebundene, in ihrer Einfachheit, schon wieder Kunst darstellende, Bedienungsanleitung.

Einen Aston Martin muss man halt erfahren und verstehen. Wer sich einen Aston Martin gönnt, hat den Ferrari wahrscheinlich schon besessen, den Lamborghini, als zu extrem empfunden, und beim Bentley das Leichtfüssig-Filigrane vermisst.

 

Shortcut

Was wir mögen

Die unvergleichliche-angenehme Art wie Aston Martin sich als Sportwagenmarke mit vornehmen britischen Understandment ästhetisiert.

Was uns überrascht

Wie jeder Aston Martin trotz einheitlicher Linien, seinen eigenen Charakter hat.

Was uns fehlt

Das Anwesen in der Grafschaft Kent und die dazugehörige Kiesauffahrt, alternativ
noch die Stadtwohnung in Kensington.

Konkurrenz

Ausser dem Maserati Gran Turismo fällt uns nix ein. Der Ferrari California eher nicht,
da aus einer anderen Welt.
Die technischen Daten (laut Hersteller):
Motor: V12
Hubraum: 5935 ccm
Drehmoment: 570 Nm bei 5750 U/min
Leistung: 365 kW/497 PS
Länge/Breite/Höhe in mm: 4703/1904/1289
Radstand in mm: 2740
Leergewicht in kg: 1890
Tank: 78 Liter
Kofferraum: 152 Liter

Getriebe: 6-Gang-Automatik mit Paddel
Antrieb: Hinterräder
0-100 km/h: 4,6 Sekunden
Highspeed: 299 km/h

Verbrauch kombiniert: 15,00 L/100 km
CO2: 349 g/km

Text: Michael Kratz
Fotos: Ralf Bernert/Michael Kratz