Aston Martin V8 Vantage N430: Das Kryptische bleibt in der Garage

Foto: Aston Martin
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Man kann mit diesem Wagen ein paar Dinge zurücklassen. Den unbedingten Glauben an die Moderne und den fanatischen Hang zur Nostalgie der Autofahrerei. Die Lust auf Schrot und Korn, das Visier in Form einer Windschutzscheibe oder den Verzicht auf ein Radio, dafür die wunderbare Erfindung der versenkbaren Seitenscheibe zwecks Kommunikation mit dem Motor, der sein Lied singt während der Gasfuß in Verbindung mit dem Kupplungs- und Bremsfuß und der Schalthand den Takt vorgibt. Drehzahlen sind die beste Medizin gegen Depressionen im Strassenverkehr und ein Handschalter kann Dein bester Freund sein, jeder Wandler kann das bezeugen und das hat dann nichts mit Nostalgie zu tun.

N430 – Das Kürzel für Nürburgring und jede Menge Kraft

Erst durch die Eifel, von Nürburg an die Mosel, durch Touristenpolonaisen tanzen, dem Kollegen am Steuer erklären, dass man in einem Rechtslenker in Deutschland den rechten Strassenrand zur Orientierung nutzt, damit der Beifahrer möglichst selten das Weiße in den Augen des Gegenverkehrs sehen muss. Selbst am Steuer und die Automatik will einfach nicht verstehen, dass schnell eben wirklich schnell meint, also Gangwechsel ohne Gedenksekunde für den Erfinder der Handschaltung.

Soweit so schlecht, im Kopf spielt man dann mit dem Gedanken was für ein deftiges Auto der Vantage und alle anderen Astons sein werden, wenn Mercedes tatsächlich relevante Technik nach Gaydon liefert und die Jungs dort diese Technik sauber einbauen. Der 4,8 Liter V8 kümmert sich scheinbar nicht um sein Schicksal, er singt fröhlich das Lied von der Drehzahl und ihrer Zauberkraft. Die 490 Newtonmeter liegen ab 5.000 Touren an und das bedeutet runter mit dem Gang, die linke Hand arbeitet am Padel und der Brite ist fleißig dabei. Er schiebt, er brüllt und lässt sich sauber und präzise durch die Kurven pilotieren. Das kann der Aston wirklich überzeugend gut. Was er noch kann? Er kann wirklich sehr, sehr gut aussehen. Auch mit der Kampfbemalung, die dem gemeinen Deutschen vermutlich gegen den Strich geht, weil der eigentlich viel lieber mit einem Leichenwagen unterwegs ist, also schwarz, schwarz, schwarz.

Foto: Aston Martin
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Unser Tester für den ersten Teil der Übung hat rote Lippen, rote Ohren und zwei rote Balken am Kopf. Das klingt kitschig, ist aber gut für die Augen. Man schaut uns nach, man zeigt mit Fingern auf uns und an einer Ampel gehen Daumen hoch. Das mag an der nahen Mosel und dem dort recht oft gelebten Frohsinn liegen. Grundsätzlich ist der Aston Martin V8 Vantage N430 ein Sonderling und das darf man auch gerne sehen. Ich habe schon schlimmere Volkswagen, Audis oder andere Großseriensünden gesehen und die waren schwarz, schwarz, schwarz.

Der Sonderling aus Gaydon, in unterschiedlichen Farben und Teillackierungen erhältlich, ist eine Hommage, eine Sonderserie, eine Tradition und eine Ausnahme. Natürlich darf jeder seinen Vantage, Vanquish oder DB9 per Folie oder Lack dem Beispiel des N430 folgend, entsprechend verändern, zumindest äußerlich. Am Innenraum haben die Briten fleißig gearbeitet und das dürfte dann nachträglich nur unter größter Mühe und unter Verwendung von recht viel Geld zu meistern sein. Der N430 jedenfalls ist auch im Innenraum gut bestückt, man hat gestickt und das sehr hochwertig, es findet sich auf den Einstiegsleisten eine feine Platte mit dem Schriftzug „Vantage N430“, man hat viele Nähte mit rotem oder gelbem Faden gezogen. Allgemein wird das Keder genannt, im Grunde sind es Paspeln und die machen sich als Verzierung und Dekoration wirklich gut. Das sind halt die Dinge, die dem Auge den besonderen Haltepunkt geben. Man kann das mögen, im Luxusgeschäft gehören solche Nähte zum guten Ton, man denke nur an hochwertige Schuhe oder andere Kleidungsstücke. Und ein Aston Martin war schon immer der sportlich-elegante Anzug für den Gentleman.

Im N430 mit Hand und Fuß unterwegs

Nach der Einführung mit Automatik-Getriebe nun die Handarbeit als zusätzliche Unterhaltung, man denkt über den Satz „Früher war alles besser“ nach und stellt fest, dass Handschalter nicht grundsätzlich besser sind, aber in diesem Coupé sorgen sie für beste Laune. Das mag daran liegen, dass man den Wandler nun noch weniger vermisst, oder es liegt am linken Fuß, der sich nun wieder zugehörig fühlt und gemeinsam mit der rechten Hand den Aston zunächst recht entspannt über die Autobahn nach Hamburg jeten lässt, um dann am nächsten Tag entlang der Ostsee den Möwen auf dem Deich das Lied vom Drehzahlband zu singen.

 

Foto: Aston Martin
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Rauf und runter, der Schalthebel springt sauber und den kurzen Wegen von Gang zu Gang folgend im Hausflur des Getriebes zwischen dem zweiten und fünften Gang hin und her. Die Techniker in Gaydon haben bei der Abstimmung von Getriebe, Kupplung und Fahrwerk recht intensiv darüber nachgedacht, was ein wirklich gutes Sportcoupé können muss, damit der Fahrer so spät wie möglich aus dem Wagen wieder aussteigt und jede Minute hinter dem Steuer genießen kann. Dabei ist der N430 eben kein Supersportler und auch kein Smooth-Lounge-Wohlfühl-Wagen. Es ginge natürlich noch lauter, härter, schneller und aufdringlicher, es ginge auch ruhiger, gemütlicher, wankender. Es soll Menschen geben, denen ein Auto nicht böse oder brav genug sein kann. Damit die Umwelt sich freut, wenn der Auftritt schnell wieder vorbei ist oder man nach zweihundert Kilometern Autobahn mit einem Eimer kaltem Wasser aus dem REM-Schlaf gerissen werden soll. Der N430 ist weder böse noch aufdringlich, auch wenn die Sonderlackierung nach Reaktionen des Publikums schreit. Das V8-Coupé in seiner Grundkonstruktion folgt lieber dem Anspruch nach deutlich spürbarer Dynamik, sportlich-aktiver Haltung und bei Bedarf nach glaubwürdiger Kultiviertheit, sprich der Spagat zwischen Sport und Komfort ist so sauber gelungen, dass man fast meinen könnte die Jungs und Mädels in Gaydon haben sich ein paar Wochen in Denk-Zellen eingeschlossen, dabei alte Bond-Filme ignoriert und sich vorgestellt, wie das wohl sein mag, wenn man in einem Aston sitzt, kreuz und quer durch Deutschland fährt. Und anschließend dem besten Freund ein Lied über dieses Erlebnis vortragen muss. Es könnte eine Art „Happy-Song“ werden. Vielleicht ist auf diese Art der nach meiner Meinung und Erfahrung beste Aston Martin der letzten Jahre entstanden.

Text: Ralf Bernert
Fotos: Aston Martin

Die technischen Daten des V8 Vantage N430 laut Hersteller:

Motor: V8
Hubraum: 4.735 ccm
Leistung: 436 PS bei 7.300 U/min
Drehmoment: 490 Nm bei 5.000 U/min

Getriebe: 6-Gang-Handschalter / 7-Gang Sportshift mit Schaltpadel
Antrieb: Hinterräder

Maße:
Länge: 4.382 mm
Breite mit Spiegel: 2.022 mm
Höhe: 1.260 mm
Radstand: 2.601 mm
Leergewicht: 1.610 kg
Tank: 80 Liter
Kofferraum: 190 Liter

Fahrleistungen:
Topspeed: 305 km/h
0-100 km/h: 4,3 Sekunden

Verbrauch kombiniert: 13,8 Liter/100 km
CO2 kombiniert: 321 g/km

Preis: ab 114.995,00 Euro

Der N430 wird auch als Roadster angeboten, der Preis startet bei 126.995,00 Euro.