Aston Martin V8 Vantage N430: British cool

Frisch von der Insel, ein wenig schrullig, ganz sicher extrovertiert und auf alle Fälle exklusiv. Der N430 aus der V8 Vantage Baureihe ist ein Sonderling im Feld der Aston Martin Familie und das sieht man ihm auch an. Wer mit dem seltenen Briten unterwegs ist, muss sich über mangelndes Feedback nicht beklagen.

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Immer wenn uns James in die Kinos ruft, werden Fahrer eines Aston irgendwie ein paar Zentimeter attraktiver. Man steigt aus, zwei Männer, die gerade vorbei laufen, reden dummes Zeug, Damen heben eine Augenbraue zum Zeichen der Akzeptanz, Mädchen drehen sich auch mal um, Jungs bleiben stehen und sagen „cool“, und der Beifahrer fragt, ob das immer so sei. Nein, nicht immer. Morgens, wenn man den N430 startet, wackelt die Gardine am Nachbarhaus, der ältere Herr mit Dackel an der Leine zieht Waldi noch näher an sich ran und später im Berufsstau am Stadteingang, sitzt ein Morgenmuffel in seinem silbernen Viertürer, für den er jeden Monat 800 Euro Leasingrate zahlt und schaut stur nach vorn. Der grüne Aston, hier in der kleinen Großstadt, wo britisches Edelblech so häufig vorkommt, wie ein Goldfisch im Stadtbad, ist ein Exot, ein teurer, exklusiver Wagen, mit dem man morgens um acht nichts zu tun haben will. Vielleicht der Rappmusik hörende Lehrling in seinem Zweitürer mit verchromtem Endrohr im Format eines Abwasserkanals. Er läßt den Vierzylinder ordentlich weinen und fährt ein paar Meter mit, grinst, weil er sich eben zwischen den Aston und ein Taxi geschlichen hat. Die Freundin daneben schaut sich um, dann läuft der N430 vorbei und der Rapper muss lauter sprechen, weil der junge Herr ein wenig genervt ist. So ein Aston ist dann später im Büro, in der Werkstatt oder am Fliessband für ein paar Sätze gut. Der Rest gehört dem Fahrer hinter dem Steuer des V8 Vantage und das ist auch gut so.

Die gelbe Schminke läuft nach hinten, fast bis zum Hintern. Als hätte jemand zwei dicke, fette, gelbe Farbkleckse auf den Wagen gesetzt und dann Vollgas gegeben. So malt man Geschichte neu. Die 50er waren die Geburtsstunde der gelben, roten und blauen Lippen bei Aston. Damals musste man die Werkswagen von der Boxenmauer aus unterscheiden können, sie waren identisch lackiert, bis auf jene Umrandung der Kühleröffnung. Vielleicht wollte man auch vermeiden, dass ein allzu hektischer und in sich versunkener Fahrer in den falschen Wagen steigt. Never kiss the wrong lips. Jedesmal, wenn man sich dem Aston nähert, sind die gelben Streifen an der Dachlinie so etwas wie eine Coming-Home-Funktion. Es strahlt einen an und man kann sicher sein, dass hier nur einer wartet und das ist der N430 Race. Man kann den besonderen Aston auch in anderen Farb-Kombis wählen, aber irgendwie ist grün und gelb das einzig wahre Design. Ferrari-Rot – Aston-Grün – Mercedes-Silber. Fertig.

Der Aston Martin V8 Vantage N430 kann nach dem Anlassen ein wunderbares Lied singen

Im Innenraum kann man die gelben Keder auch weglassen, auch wenn sie auf den Sitzen und an der Instrumententafel nicht so sehr auffallen. Jedenfalls kosten sie extra und Kontraste sind nicht immer  wichtig, schon gar nicht, wenn man sie aussen quasi extra-groß präsentiert bekommt. Zudem ist der N430 spätestens nach dem Anlassen nur noch akustisch unterwegs, zumindest im Stand. Der V8 kommt, nachdem man den ultra-schicken Monolith in seinen Schacht geschoben hat, so deftig aus der Hüfte, man könnte auch einen Grizzly mitten im Winterschlaf mit einer Flüstertüte wecken. Der Brite brüllt also los, der Zeigefinger wandert zum D, dass fein und sehr exklusiv unter einer Glashaube sitzt, die linke Hand greift den Handbremshebel, der Daumen drückt den Knopf des Hebels und der gesamte, recht lange Handbremsarm wandert gen Boden und liegt dort in aller Ruhe. Man gibt Gas und die englische Schönheit trabt an, anfangs und bei über Nacht dank  eingewanderter Kälte recht ruppig. Der gesamte Wagen schüttelt sich ein wenig, die Gangwechsel erinnern an verkaterte Montage der Studentenwohnheim-Zeit, ein paar Kaffee, ein wenig Gymnastik und die Sehnen werden weicher. Ein Aston Martin mit Automatikgetriebe ist wie ein alter, rahmengenähter Schuh. Er sitzt perfekt, der Kenner sieht die Qualität des Empire und der Routinier weiß, dass man ihn erstmal um den Block schicken muss, zweimal ist besser und dann passt alles zusammen.

Im Aston N430 ist das Schaltgetriebe die bessere Wahl

Nach dem Blocklauf folgt dann die erste Runde durch den Landstraßen-Parcours. Die Lenkung ist präzise, nicht im geringsten digital, die Bremsen greifen sauber und hartnäckig zu, die Reifen brauchen ein wenig mehr Einlaufzeit, der Motor ist bissig und stark, die Karosserie steif und nicht zu unübersichtlich, man sitzt wunderbar bequem und hat ausreichend Seitenhalt und die Gänge werden, wenn auch nicht perfekt, aber doch sauber eingefädelt. Ein kleiner Trick hilft dabei. Wer das Gas beim Hochschalten ein wenig lupft, freut sich über weniger Zugkraftverlust, zudem sind Gangwechsel bei hohen Drehzahlen wesentlich sauberer. Nervig ist die Schalterei in den kleinen Gängen bei niedrigen Drehzahlen, dann verzupft sich das Getriebe ein wenig und im Stadtverkehr entsteht schnell der Eindruck, dass der Junge da hinter dem Steuer des Aston mit Papa´s Auto doch noch nicht so gut klar kommt. Da dem Aston ein Schalt- oder Wahlhebel nicht eingebaut wurde, bleibt nur der Griff in die Paddel und das ist praktisch und einfach, die rechte Hand des Schalthebel-Freundes allerdings greift immer wieder in die Leere, der Zug am Paddel muss sich noch einbürgern aber das passt nach ein, zwei Tagen.

Fast eine Woche waren wir mit dem N430 unterwegs, die ersten drei Tage im Rheinland um Koblenz, die letzten beiden Tage in Hamburg. Die typischen Wintertage Ende Dezember waren, wie in den letzten Jahren frei von Schnee, Glatteis und sonstigen Ärgernissen. Die Winterreifen sorgten für ein Tempolimit. 270 km/h, mehr war nicht erlaubt und der Aston schaffte diesen Wert locker und sehr sauber. Aber viel eindrucksvoller war die tägliche Fahrt auf Landstraßen und im Stadtverkehr. Die Landstraße ist das beste, was man einem V8 N430 bieten kann. Der Wagen mag nicht der leichteste oder stärkste sein, einige meinen, jeder Aston Martin sei automatisch ein GT, also für lange, schnelle Ausflüge auf der Autobahn gedacht. Beim Vantage N430 sieht die Sacher anders aus. Der Zweisitzer ist der sportlichste unter den Astons. Wenn auch nicht mit einem Übermaß an Leistung ausgestattet, sitzt der V8 noch strammer, noch motivierter und vor allem noch emotionaler vor den Insassen und zieht den Wagen ordentlich nach vorn. Der Glamourfaktor ist deutlich spürbar, der Exot aus England ist ein bildschöner Botschafter der exklusiven Fortbewegung und auch wenn man aus der Ferne betrachtet alle Astons optisch über einen Kamm scheren könnte, der N430 ist eine besondere Kugel am Weihnachtsbaum. Ein wenig mehr Optik, ein wenig mehr Klang und ein wenig mehr Fahrfreude zwischen und in den Kurven einer sauber gezogenen Landstraße. An der Ampel wird das Layout des Aston auch nach Jahren immer wieder zum Magneten, wem man aussteigt, kann man Denkblasen über den Köpfen der umstehenden Menschen  sehen und darin ist zu lesen, was uns seit Generationen bewegt, nämlich die Frage, welches Argument für den Kauf eines Aston Martin letztendlich durchgesetzt hat. Der traditionelle Charakter des Aston, also Sportlichkeit gepaart mit britischem Schick oder die Kraft der Marke, die auch ohne James eine enorme Strahlkraft hat. Vielleicht sogar beides.

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