Fahrbericht Aston Martin V12 Vantage S Coupé: Der zwölfte Advent

 

Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert

 

Ja, richtig gelesen. Zwölf. Vier Kerzen sind für Nostalgiker, und zwölf als Antwort auf die Frage wann der Advent so richtig Freude macht. In einem Aston Martin V12 Vantage S Coupé zum Beispiel.

Fünf Tage Small-Talk, Kurvendiskussion, immer wieder der Blick zum Himmel und auf die Strasse und dann doch noch zwei Tage auf der Suche nach Aston Martin´s Gespür für Schnee, weil der Winter im Rheinland eben doch ein Traditionalist ist. Also Schnee und Rodel gut. Auch für Allrad-Autos.

Ganz vorn steht der Besuch im Aston Martin Testcenter am Nürburgring. Ein modernes Gebäude, direkt an der Döttinger Höhe, im ersten Stock ein One-77. 7,3 Liter Hubraum für 1,8 Millionen Euro, immerhin inklusive Steuer. Dafür gab´s neben dem Hubraum noch 760 PS und reichlich Image. Wer diesen besonderen Aston auf der Strasse sieht, darf die Erinnerung behalten, was ziemlich einfach ist. Es wurden nur 77 weltweit gebaut und verkauft, die meisten warten in Sammler-Hallen auf einen seltenen Einsatz.

Eine Tasse Kaffee, ein wenig Small-Talk bis der Satz jäh unterbrochen wird. Der V12 Vantage S will mitreden. Kein Wort mehr. Zwei Sekunden Motorsound, zwei Sekunden anheizen. Zwei Sekunden, die ausreichen das Kino im Kopf mit Bildern zu füllen. Kurven, Bäume daneben, Eifelberge, schlafende Vulkane, kleine Dörfer mit Kindern, die am 23. Dezember in ihren Zimmern sitzen, im Internet rumsurfen und kurz innehalten, weil da gerade ein 12-Zylinder im Zweiten mit 4.000 Umdrehungen vorbei gefahren ist. Autoquartett ist out, aber nachher mal ne SMS an den Kumpel in der Nachbarschaft schicken. Ja, da war was, vermutlich ein Testfahrer der Überstunden macht. Wie cool. Traumjobs werden nicht vermittelt, sie fahren am Kinderzimmer vorbei.

Wieder zurück im wirklichen Leben. Der Wagen steht jetzt vor der Eingangstür, der Schlüssel, manche suchen noch immer nach einer besseren Bezeichnung, liegt auf dem Tisch und die Tasse Kaffee leert sich so schnell wie ein Schnapsglas. Ex und hop. Hände schütteln, Frohe Weihnachten wünschen. Vielen Dank und bis Montag. Gepäck hinten rein, Sitz, Spiegel und Lenkrad einstellen. Los. Die Automatik hat sieben Gänge zur Auswahl und man merkt schnell, dass die neue ZF-8-Gang-Automatik sofort in diesen Wagen gehört. Zum Glück hat man Schaltpaddel eingebaut, das hilft ungemein.

Das Industriegebiet Meuspath endet an einem Verkehrskreisel, dann ein paar Meter bis zur nächsten Landstrasse, links ab, wieder hundert Meter, rechts ab. Der Aston rollt im ersten und zweiten Gang vor sich hin, noch kalt, noch verschlafen, noch nicht bereit, so scheint es. Ein paar Meter bis zur Frage des Tages. Geradeaus und etliche Kilometer Landstrasse mit einem feinen Serpentinen-Stück oder den gewohnten Weg, vorbei an Brünnchen, an Dörfern, durch lange Kurven und ein paar Steigungen direkt zur Autobahn. Blinker links, die Gänge noch soft ausfahren, hier und da mal an die 4.000er-Marke. Das Wild abschrecken, bitte den nächsten Zebrastreifen verwenden. Ist für Wild auch viel passender. Also Rehwild, nicht der andere Wild. Der hat schon gewechselt. Noch ist der Aston ein Fremdkörper, eine Maschine, eine flüchtige Bekanntschaft. Aber das ändert sich.

Man redet in kurzen Sätzen miteinander, Worte nur, wie an einer Kette. Erster Gang, Blinkerklicken, ein kleiner grüner Pfeil blitzt stumpf zwischen den Speichen des Lenkrades immer wieder auf. Kaum der Rede wert, das Gaspedal fremdelt noch, überhaupt beide Pedale wollen den jeweiligen Fuß noch nicht an sich ranlassen. Das gibt sich mit der Zeit. Der Hintern schubbert über das Leder, der Rücken lehnt sich an, aber nicht wie beim Sofa zuhause, eher wie in einer Arztpraxis, noch zwei Leute sind vorher dran. Man möchte den dritten auch noch vorlassen, weil man nicht weiß, was da gleich kommt.

 

aston-martin-v12-vantage-s-flugfeld

 

Auf der Autobahn, der erste Parkplatz ist reserviert. Vorher wurde man fotografiert, durch Scheiben beobachtet, taxiert, eingeordnet. Passt man zu diesem Auto? Ärgert man sich, weil man nur 130 fahren darf. Auf der Mittelkonsole klebt ein buntes Schildchen. 270 km/h, wegen der Winterreifen. Zwei Limits auf einmal. Von hinten stürmt einer heran, er schnuppert am Hintern des Aston. Wie ein Hund. Kurz Gas geben und dann nach rechts rüber. Der Hund von eben springt vorbei, schaut kurz rüber und grinst. Strassenköter.

Und dann nach Koblenz, diese Verwaltungskönigin zwischen Mainz und Bonn. Schöne Altstadt, wunderbare Landschaft drumherum, das Deutsche Eck mit dem zweiten Wilhelm auf einem Pferd, gegenüber die Feste Ehrenbreitstein. Viel Vergangenheit, über zweitausend Jahre. Der Brite ist hier fremd, ein Einzelstück und im Parkhaus durchaus als Model geeignet. Etliche Smartphones werden gezückt. Durch die Stadt, vorbei am Schloss, zwischen Einkaufstempeln hindurch, Menschen mit zu vielen Taschen laufen umher, auf der Jagd nach Dingen, die man dann auf der Liste durchstreichen kann. Es wird knapp, hinter den beiden Sitzen liegen Geschenke. Verpackt und durchgestrichen.

Das Coupé hält an Ampeln, der Motor grummelt ein wenig, beim Anfahren sagt er was. Leise aber deutlich hörbar, so was wie „Hallo, Ihr Menschen. Ich habe Zeit, ich habe Lust und ich will raus hier.“ Die B49, eine uralte Bundesstrasse bringt den V12 raus. Richtung Trier, an der Mosel entlang. Entspannung auf Rädern. Der siebte Gang als Wellness-Prograamm, rechts schlendert die Mosel Richtung Rhein vorbei, die Landschaft ist karg, im CD-Fach des Aston Martin hat sich Musik angesammelt. Ein Lied über James Bond ist dabei, dazu „Walk on by“ von Burt Bacharach. Die Sechziger lassen grüssen. Unweigerlich denkt man an den DB5. An lässige Herren in gut sitzenden Anzügen, an Zigaretten im Mundwinkel, an die Seligkeit einer Zeit, als man sich wieder was gönnte und trotzdem die armen Jahre nicht vergessen hatte. Ein Aston Martin war in Deutschland so selten wie ein Rolls-Royce oder Bentley. Man musste in die Schweiz fahren oder nach England, oder man ging ins Kino. Dort wehrte sich ein DB5 gegen böse, schwarze Limousinen. Autos hatten damals weit mehr zu tun, als von A nach B fahren. Sie waren im Film auch Gesinnungsgenossen.

 

Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert

 

Von einer Karriere im großen Filmtheater träumt man hinter dem Steuer des V12 Vantage S eigentlich nicht. Eher von freien Strassen, blauem Himmel, dank Weihnachten weniger fleissigen Kameras am Strassenrand und natürlich von viel, viel Zeit. Und genau das hat man dann, wenn alle Geschenke gekauft sind und man das Jahr seine letzten Tage an ein oder zwei Händen abzählen kann. Man füllt den Tank mit sagenhaft preiswertem Super Plus, man zieht die Jacke aus und legt sie hinten über zwei oder drei verpackte Überraschungen, das Navi bleibt aus. Bei SWR3 wird auch zuviel gequasselt. Also, ab auf die Bahn und dem V12 mit seinen 573 PS den freien Willen lassen und das geht so.

Die Automatik im Aston Martin V12 Vantage S Coupé

Man kann sich unterhaken und auf den Blues warten. Also wie im Aufzug auf „D“ drücken und Gas geben. D steht für Drive und den Drive hat der Aston, aber nicht das Getriebe, dem muss man auf die Sprünge helfen. Deshalb auf D drücken und sofort beide Hände ans Steuer und für die echte, wirkliche Fahrt nach oben, das Paddel auf der rechten Seite immer dann heranziehen, wenn der Drehzahlanzeiger in unmittelbare Nähe des  Viertausenders rennt. Das nennt man dann Alpenglühen. Wenn´s wirklich pressiert mit der Höhenluft und dem Blues, dann erst bei den wirklich interessanten Gipfeln schalten, also auf ins Höchstgebirge, ohne Sauerstoffmaske, dafür aber mit Gebrüll, denn bei siebentausend Touren gibt der Brite den Hillary und schreit vor Glückseligkeit. Gas geben nicht vergessen, also mit Schmackes das Pedal nach unten. Das alles ist nicht kompliziert, schwierig wird’s nur wenn der Faktor Spaß den Raum betritt, dann nimmt einen der Blues bei der Hand und man vergisst das Weltliche, also Limits, Regeln und die dazu gehörigen Aufpasser. Und die nehmen einem schon mal das Parteibuch ab, Fußballprofis wissen wie schnell das geht. Wenn sie überhaupt eins haben.

Wem der gerade Weg zum Gipfel zu sehr nach Rolltreppe riecht, kann man der Mosel die kalte Schulter zeigen und dem Lockruf kleiner Talstrassen hinauf Richtung Wittlich folgen. Auf dem Weg dorthin lässt sich trefflich mit jeder Kategorie Kurven über das Für und Wider der Kombination aus V12 vorn und Antrieb hinten diskutieren. Der Aston Martin ist ein typischer Vertreter der Klasse Coupé mit reichlich Kraft und noch mehr Ausstrahlung, er  übersteuert gern, ist aber am Kurvenausgang klar in seiner Ansage, obwohl ihm sein schwerer Motor bei sehr heftiger Fahrt schon mal im Weg ist, oder anders ausgedrückt, das Heck wird natürlich irgendwann recht leicht aber das kündigt sich an, nicht wie die Steuerfahndung, die morgens um sechs vor der Tür steht und die Heckklappen von mindestens vier Kombis schon geöffnet hat. Nein, der Aston Martin geht nur kurz ums Eck, er vibriert deutlich bevor man quer und vor allem mitten in der Kurve hängt und der Fahrer im  entgegenkommenden  Wagen denkt, dass er mitten in die Dreharbeiten zum neuen Bond-Film geraten ist. Der Vantage S ist so kultiviert, dass eingefleischte und auch eingebildete Sportwagen-Spezialisten dankend abwinken, weil man mit dem Briten eben nicht so flockig rumspielen kann und es auch nicht muss. Die Qualitäten des Coupés mit dem feinen Gesicht und dem adretten Hintern liegen woanders.

Schneeräumen auf dem Aston Martin V12 Vantage S Coupé

Bevor der Abschied nach fünf Tagen Urlaub im Coupé ansteht, muss noch ein ernstes Wort über das Wetter im Rheinland kurz nach Weihnachten aufgeschrieben werden. Es schneite. Leise, des Nachts, wie ein SEK nur ohne Lärm und Geschrei. Man steht morgens auf und traut seinen Augen nicht. Der Aston neu lackiert. Zum Glück ist der Wagen recht flach, Menschen um 1,80 und höher können auf die Leiter verzichten. Besitzer eines mobilen Hochsitzes streuen den Schnee auf dem Dach lieber auf die Strasse oder die Windschutzscheibe des dahinter rollenden Wagens. Vielen Dank, lieber Fahrer eines Volkswagen SUV. Du hast wirklich fleißig Wasser-Konfetti losgelassen. Ein Karnevalls-Prinz könnte es nicht besser. Also, der Brite im Schneekleid ist ruckzuck geräumt, auch weil der Schnee schön trocken ist und die minus sieben Grad dafür sorgen, dass alle Scheiben klar und sauber sind. Der Handfeger ist schnell durch und der Heckantrieb müht sich redlich, aber die 325er Winterreifen drehen durch. Drum prüfe, wer Abends den Wagen ein wenig abschüssig parkiert. Nix zu machen, ein wenig Streusand muss her, zwei alte Decken und vorn ein Nachbar, der einem Aston Martin noch nie so nah war. Besten Dank und raus aus dem weißen Pulver. Es geht  um das Gespür für Schnee.

 

Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert

 

Autofahren im Schnee ist grundsätzlich ganz einfach. Man braucht auch keinen Allradantrieb, wenn man ein paar grundlegende Dinge beachtet. Auf Schnee läuft der Film wesentlich langsamer ab. Aus dem Auto kann eine Kutsche mit Kufen werden, es fehlt noch die warme Decke und das Bimmeln der kleinen Glöckchen. Man rollt, man schaut ständig in den Rückspiegel, weil wieder ein hinter dem Steuer eines SUV grinsender Mensch so dicht auffährt und dabei laut aus dem Fenster ruft: „Wie wunderbar, endlich Schnee und ich kann mit meinem Dings so richtig auf die Pauke hauen.“ In diesem Momenten glaubt man wieder an den Weihnachtsmann, der Überstunden macht, mit Frau Holle telefoniert und ihr erklärt, man möge doch bitte ein wenig heftiger die Bettwäsche schütteln, er habe schließlich ein paar SUVs ausgeliefert. Egal, wie auch immer, Ruhe und Rhythmus sind angesagt.

Der Heckantrieb wurde nicht im ewigen Eis erfunden, aber man kann damit sauber umherfahren. Auch wenn 573 PS von vorn nach hinten gereicht werden und man die Automatik besser nicht ans Steuer lässt, weil die zu oft in den Ersten schaltet und genau das zu nervösen Zuckungen auf dem Schnee führen kann. Der Zweite ist die bessere Wahl und wenn der Wagen rollt, dann rollt er. Er bleibt in der Spur, er verzögert sauber. Man erinnert sich an diverse Manöver auf dem Rhein, am Steuer eines Motorbootes mit gut 20 Metern Länge. Jedes Manöver nach Steuer- oder Backbord dauert und soll mit Gegensteuern beantwortet werden, wenn der Kahn die Richtung ändert. So ähnlich läuft das auf Schnee. Nicht so hastig, nicht reissen, nicht drücken und keine Angst. Der erste Tag im Schnee gefällt dem Aston Martin, dem Fahrer und man glaubt so langsam an eine Beziehung zwischen Mensch und Maschine. Bei Wetter rückt man halt zusammen, man hört genauer hin, man schaut konzentrierter auf das was der Wagen macht und man lernt, dass die Jungs bei Aston Martin nicht nur im Sommer arbeiten. Es geht, es läuft und es macht sogar Spaß.

Der zweite Tag im weißen Paradies. Es geht auf die Autobahn, gegenüber steht ein 40-Tonner quer, der Fahrer raucht eine und dahinter schauen im gut zweitausend Menschen in ihren PKW zu. Sie würden ihm gern Feuer geben, aber was soll´s. Man steht, die Sitzheizung brummt und es ist Urlaubszeit. In der Gegenrichtung ist kaum jemand unterwegs, der Aston rollt locker über den trockenen, immer noch weißen Schnee und nach der zweiten Kurve mit Steigung legt sich die Ungewissheit ob man noch rechtzeitig am Testcenter am Nürburgring ankommen kann wieder ins Bett. Das Coupé treibt schöne, klare Spuren in den Schnee, später auf der Landstrasse Richtung Adenau, kommt ein Schneeschieber auf Rädern entgegen, er hupt und lacht. Man kann das deuten wie man will, ich habe zurück gelacht.  Kurz vor dem Industriegebiet Meuspath lockt ein Kreisel, also eine schöne Runde Fläche mit genug Platz für eine Kilius-Bäumler-Gedächtnis-Runde. Der Aston wirft eine Menge Schnee hinten raus, das Heck kommt früh und schön langsam hinterher. Der Gasfuß lenkt den Wagen und nach fünf Minuten, sieht der Brite aus wie ein Schweinchen, das im Schnee gebadet hat.

 

Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert

 

Und jetzt steht er da. Nicht mehr ganz so lässig, nicht mehr ganz so elegant. Es gäbe ein Winter-Fahr-Erlebnis-Event von Aston Martin. Der Mitarbeiter des Testcenters fliegt mit einem Quad plus Schaufel durch die Gegend. Er macht den Weg frei, weil die Auffahrt doch recht steil ist. Zeit für ein paar Gedanken, ein paar kurze Gedanken. Der Aston Martin V12 Vantage S ist als Coupé wintertauglich, er ist allwettertauglich. Er kann rennen, er kann driften, er kann transportieren und er kann sehr, sehr gut aussehen. Er hat eine klare und deutliche Stimme, bei Dieter Bohlen könnte er locker auf den Re-Call warten und er hat eine gute, sehr deutliche Tradition fest eingebaut. Immerhin gelten die Briten als Erfinder des Wintersports und der Aston Martin V12 Vantage S steht auch dieser Tradition in nichts nach.