Fahrbericht BMW Gran Coupé 640d: Genügsamer Schönling

Zwei Wochen im Gran Coupé, dem vielleicht attraktivsten Model aus dem Hause BMW. 2.627 Kilometer über jede Form von Strasse. Von Hamburg in die Schweiz und wieder zurück. Was sagt der Bordcomputer, was sagt der Taschenrechner und was sagt der Bauch?
Exclusive-Life hat einen Road-Trip unternommen.

 

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Das Navi wurde arg gefordert. Hamburg-Genf. Keine Mautstraßen, keine Vignette und dann noch den Weg des geringsten Energieverbrauches. Eigentlich geht das nicht zusammen. Wer besonders wenig Energie verfahren will, braucht die Autobahn. 120 km/h und möglichst wenig bremsen. Laufen lassen, rollen lassen. Auf Landstrassen und in Ortschaften ist das schwierig. Also bis Trier die Autobahn, dann rüber nach Wasserbillig in Luxemburg, dort schnell und preiswert den Tank abgefüllt, ein Pfund Markenkaffee 1,99 Euro, ein Liter Diesel 1,24 Euro. Zigaretten waren hier früher auch mal deutlich preiswerter als in Deutschland. Dann weiter ein wenig auf der Autobahn im klitzekleinen und sehr schönen Luxemburg, bis die Grenze nach Frankreich erreicht ist. Früher brauchten die Deutschen keine Grenzschilder, sie merkten an den gelben Scheinwerfern der entgegenkommenden Autos, dass sie nun in Frankreich unterwegs waren. Heute sind solche Erscheinungen selten, es sei denn man begegnet einem Oldtimer.

Fahrbericht BMW Gran Coupé – Er schlendert, er rennt, er lässt es blitzen

Kreisverkehr folgt auf Kreisverkehr. Der BMW schlendert durch die Kreise. Dritte Ausfahrt, zweite Ausfahrt, wieder zurück. Man verzählt sich, das Navi passt auf. Die Nacht in Frankreich ist irgendwie anders. Wie ein Jazz-Konzert. Arythmisch, surreal und doch interessant. Kleine Dörfer mit Beleuchtung wie zu Weihnachten, die Rhone und vorher die Mosel sind rechts oder links immer dabei. Die Bildzeitung rief den Frühling aus und hier türmen sich neben der Fahrbahn irgendwann Schneeberge auf. Es geht in kurzen Kurven Berge entlang. Langweilige Industrieanlagen werfen Licht auf die schlechten Strassen. Dem Fahrwerk des GranCoupé ist das egal. Aus den Lautsprechern tönt Musik wie in einem privaten Konzertsaal. Der Sitz plus Rückenlehen wird gemütlich beheizt. Man möchte sich mit einem Rotwein und Geschichten unterhalten. Kilometer um Kilometer werden gefressen, pardon, verzehrt. Schade, dass die Menschen hier in ihren Betten liegen und leider nicht sehen, wie man heute einer Limousine die Feinheiten der Eleganz beibringt. Es gab Zeiten, da rollte und schwebte Frankreichs Auto-Elite auf Wolke Sieben durch die Avenuen und Boulewards. Das Gran Coupé könnte ein Franzose sein. Oder zumindest als Vorbild gelten.

Zwischendurch Autobahn ohne Gebühr. Gasgeben bis 110. Geblitzt wird hier häufig. Als gäbe es dafür Geld. Der Tempomat passt auf, in Kooperation mit dem Navi, der Traktionskontrolle, dem Spurassi und der Anzeige für die Reichweite. In Wasserbillig meint er, man könne noch 1.066 Kilometer weit fahren. Das sind 6,5 Liter pro 100 Kilometer. Für 313-PS und zwei Turbolader ist das ein erfreulicher Wert. Es geht Richtung Jura, der Genfer See plätschert schon. Manchmal drückt der rechte Fuß das Gaspedal doch recht forsch nach unten, der BMW springt dann nach vorn, als freue er sich. Wie ein Jagdhund, den man von der Leine lässt. Freude an der Freiheit.

In Genf werden die Straßenlaternen mit Strom versorgt. Die Stadt steht gerade auf. Am Messegelände ist noch keine Hektik spürbar, in der Tiefgarage laufen ungeschminkte Modells zum Aufzug. Ein Mann dreht sich nach dem BMW um. In ein paar Stunden wird BMW seinen Stand eröffnen. Das GranCoupé wird nicht dabei sein. Schade. Dafür feiert der 3er Gran Turismo Premiere. Der Autosalon insgesamt zeigt viel Kraft, wenig Stil. Das Coupé als Maßstab für Eleganz rückt ein wenig in den Hintergrund. Italiener zeigen Testosteron auf Rädern, Franzosen winken mit kompakter Raffinesse, Britanniens Stolz, der Rolls-Royce Wraith, glänzt als royaler Fastback mit gewaltigem Tatendrang.

Nach zwei Tagen wird der BMW wieder aus der Garage gelassen. „Nach Hamburg, bitte. Wie gewohnt, so effizient wie möglich.“ Das Navi könnte auch den schnellsten Weg wählen, der BMW wäre dann ein Sportler mit kürzerem Atem. Aber er würde sein zweites Gesicht zeigen. Die beiden Turbolader unter der langen Haube wären dann wie zwei muskulöse Leithunde, immer im Stress, immer ganz vorn dabei. Kurz hinter Genf, schon wieder in Frankreich, lassen wir die Hunde los. Kehren, kurze Geraden, Anstiege, wieder runter. X-mal um den Berg, Passagen mit Überholspur werden zur Startbahn, bis 140 km/h. Zing, es blitzt. Die Kasse klingelt. Jetzt wird es spannend. Wann kommt die Post und rechnet ab? Dann wieder „Eco-Pro“, die Reichweite klettert wieder. Mit jedem Kilometer wächst die Zahl. Links unten zeigt sich in schöner blauer Schrift, dass man nun „+16,5 km“ erfahren hat. Weniger ist mehr.
Aussteigen nach langer Fahrt. Die Tausend Kilometer am Stück hätte man locker auf zwei Backen abgesessen. Aber der Magen brummt hier und da, die Lust auf Nachtluft ist größer als der Ehrgeiz noch schneller und früher das Ziel zu erreichen. Der Sitz ist gewohnt bequem, das Auge freut sich über klare Informationen, der große Monitor kann ganz Europa aufzeigen, sogar in 3D. Vor der Abfahrt verweigerte der Wagen den Kontakt zu unserem antiken iPhone 3g. Mittels USB-Kabel konnte die iPod-Funktion doch noch aktiviert werden. Falls das Radio keine passenden Töne ausspuckt, greift man auf die Konserve zurück. Die Vernetzung von Auto und Mensch glückt mit im 640d außergewöhnlich gut. Dazu braucht es keine Elektronik, die Sensorik des Menschen erkennt sehr schnell, ob man sich hier wohl fühlt. Ein Zuhause auf Zeit. Mit großen Fenstern, ausreichend Raum zur Entfaltung, einem stilvollem Mobiliar, Unterhaltung auf verschiedenste Weise und dem Gefühl, dass man sicher und ohne Spuren wieder aussteigen kann.
Der Rückweg führt wieder durch Frankreich und Luxemburg. Dann auf die A1, der Reihensechszylinder kann seine Kräfte entfalten. 240 wegen der Winterreifen. Locker, lässig und sparsam. Eine schöne Kombination. Hier in Hamburg scheint man schöne, elegante Autos zu mögen. Niemand fragt, ob es ein Coupé oder eine Limousine ist. „Schönes Auto.“ Punkt. Und so genügsam.

 

 

Unter dem Strich:
Wir haben 177,06 Liter Diesel verbraucht und sind 2.627 Kilometer gefahren. Das ergibt einen Verbrauch von durchschnittlich 6,7 Liter auf 100 Kilometer. Während der gesamten Reise wurde die „Eco-Pro“-Einstellung verwendet, der Bordcomputer zeigt nach der Fahrt einen Verbrauch von „7,7 l/“ an.

 

Die technischen Daten (laut Hersteller):
Motor: R6 Diesel TwinTurbo
Hubraum: 2.993 ccm
Drehmoment: 630 Nm (1.500 – 2.500 U/min)
Leistung: 230 kW/313 PS
Antrieb: Hinterräder
Getriebe: 8-Gang-Automatik

Maße:
L/B/H in mm: 5.007/1.894/1.392
Radstand in mm: 2.968
Tank: 70 Liter
Leergewicht in kg: 1.790
Zul. Gesamtgewicht in kg: 2.390

Fahrleistungen:
Leistungsgewicht: 7,8 Kg/kW
0 bis 100 km/h: 5,4 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit: 250 km/h

Verbrauch
Mix EU-Zyklus: 5,5 bis 5,7 l/100 km (je nach Bereifung)
CO2 in g/km: 146 bis 149 (je nach Bereifung)
Einstufung: EU5

Preise: ab 83.400,00 Euro

Text: Ralf Bernert
Fotos Interieur: BMW
Fotos Exterieur: Ralf Bernert