BMW 328 Roadster: Das bayrische Urmeter
Zwei Sitze, ein Sechszylinder unter der Fronthaube, rund 800 Kilo Gewicht und ein Handling, das noch heute als Maß für jeden Sportwagen gelten sollte. Der 328 aus dem Hause BMW hat auch 70 Jahre nach seinen Erfolgen im Motorsport nichts von seiner Faszination verloren.

Exclusive-Life war mit dem kleinen Roten unterwegs und erlebte schräge Momente mit Seltenheitswert.

328-Aufmacher

Jahrgang 39 und voller Elan. Menschen diesen Alters machen das Sportabzeichen oder sammeln Erfahrungen in der Arztpraxis. Autos aus dieser Epoche konsultieren regelmäßig den Mechaniker, Museen sind ihr Hauptwohnsitz. „Bitte nicht berühren!“ Ein Exemplar mit einer derart beeindruckenden Vita wie der BMW 328 Roadster sollte seine Erlebnisse nicht schweigend zum Besten geben. Vor allem deshalb nicht, weil er über ein unverwechselbares und sehr betörendes Organ verfügt. Also haben wir die 80 Pferdestärken bei der Boxberg-Klassik laufen lassen – mit sechs Zylindern, 830 Kilo Gewicht und strahlenden Gesichtern im Rückspiegel.

Samstag Morgen, mitten in Würzburg. Auf dem Vorplatz der Residenz, historisches Gelände, 1719 wurde hier der erste Stein gelegt. Das Pflaster wird mehr Hufe und Kutschenräder als Gummireifen erlebt haben. Der BMW strahlt in rot, die Maschine ist bereits warm, die Startnummer „60“ ist fixiert und leider für die kleinen Pforten des Roadster zu groß. Egal, einen Schönheitswettbewerb gibt es bei der Boxberg-Klassik nicht. Aber den würden wir mit unserem Zweisitzer sowieso gewinnen.

Schräg gegenüber der 507, im Hintergrund ein GT40 und ansonsten einige rare Automobile. Facel Vega, ein VW T1 mit Anhänger, ein Schweizer Monteverdi, viele 911er, Pagoden und sogar zwei Zeitmaschinen mit Flügeltüren.

BMW 328 Roadster: Das bayrische Urmeter

Der Weg zur Startrampe ist steinig. Natürlich wissen wir, dass der 328 ein legendäres Auto ist. 200 Siege wiegen schwer. Ernst Henne, Hans Stuck und Huschke von Hanstein sind Pfunde, mit denen man gut wuchern kann. Damals setzte man in München auf Leichtbau in Kombination mit Drehzahl und unmittelbarer Nähe der Technik zum Fahrer. Während Mercedes-Benz noch mit den weißen Traktoren und unendlich viel Power die Rennstrecken unsicher machte, rauschten die wendigen BMWs von Sieg zu Sieg. Erst nach dem Krieg erkannte man, wenn auch in der (Material)-Not geboren, die Vorteile der Leichtigkeit. Die Münchner waren schon da.

Auf der Startrampe, aus den Lautsprechern erfahren die Zuschauer und restlichen Teilnehmer, dass hier nun ein Sieger ins Geschehen der Boxberg-Klassik eingreift, der Adrenalinspiegel steigt deutlich an. Fast 200 Autos werden auf der Strecke um Tages- und Gesamtsieg ringen, am Sportgerät wird es nicht mangeln.

Eine schöne und große Runde durch den Spessart. Vorbei an Wiesen, Wäldern, durch malerische Orte, Fachwerk, über winzige Brücken und auch leider vorbei an Zeitprüfungen. Zu schnell, zu hastig oder besser: abgelenkt durch diesen wunderbaren Motor, das Fahrwerk und den Sound. Beschleunigung als Droge. Kleine Pause mit den Fans: „Es gibt nur wenige Autos, hinter denen ich so gerne fahre. Der Motorsound und die Silhouette sind einfach immer wieder beeindruckend.“ Dieses feine Kompliment geben wir gerne an BMW Classic weiter. Die haben den Sportwagen bestens in Schuss gehalten.

Trockenübung auf dem grauen Platz. Zweiter Tag im Spessart. Früh raus, die Plane vom Auto geknöpft, hinter den Sitzen den Stauraum mit Utensilien gefüllt und natürlich bleibt das Verdeck unter dem Blech. Sicherheitsgurte waren in den 30er Jahren noch eine Utopie. Eine interessante Variante wurde schon damals eingebaut. Die hinten angeschlagenen Türen öffnen sich gerne dank eines kleines Hebels in Reichweite des Knies. „Deshalb immer die Lederschlaufe um den Hebel legen.“ Auf dem Bosch-Testgelände warten viele Menschen an vielen Stationen. 13 Übungen für Fahrer, Beifahrer und Auto. Eine Runde rückwärts und eine Runde vorwärts. Die Stoppuhr spielt mit, wer die Runde vorwärts doppelt so schnell absolviert ist ein Könner. 20 Sekunden rückwärts, 10 Sekunden vorwärts. Perfekt und Eigenlob stinkt. Die restlichen Übungen laufen gut bis extrem schlecht. An Auto und Beifahrer hat’s nicht gelegen.

Immer an der Wand lang. Boxberg-Routiniers wissen was jetzt kommt. Das Oval mit Steilkurve. Zunächst die Rennwagen der Bosch-Entwicklung. Prototypen mit mächtig Wumms und Profi-Fahrern am Steuer. Die Menge staunt, ist vom Sound begeistert und will nun selbst die Neigungswinkel testen. Die erste Runde auf der Innenbahn. Der BMW will gerne schneller fahren, also ab auf die Mittelbahn. Auch dort wird der sportliche Ehrgeiz des 328 eingebremst, also links auf die Überholspur. Zwei Delorean vor uns und dann mitten in der Steilkurve die Bremsleuchten im Blick. Bitte nicht. Die gesamte Meute nimmt Aufstellung zum Gruppenfoto und der BMW ganz oben. Der Copilot wird nervös, steigt mühsam aus und entfernt sich vom Auto. Vertrauen in die Standfestigkeit geht anders. Unter uns ein Morgan und der Abgrund. Motor aus, damit das Öl ohne Schaden der Schwerkraft folgen kann.

Der BMW lief wie ein Uhrwerk, das Getriebe sortierte die Gänge ohne jede Mühe und die sportlichen Talente des Vorkriegs-Stars kamen nicht zu kurz. Der kleine Sportwagen aus München ist ein Sonnenschein mit den besten Genen. Die Kombnation aus Kraft, Laufruhe und Gewicht wird jeden Fahrer in seinen Bann ziehen. Man wünscht sich mehr Erinnerungsvermögen der Entwickler moderner Sportwagen – auch wenn die gesetzlichen Bestimmungen in Sachen Sicherheit ein hohes Maß an Technik und Elektronik erfordern. Am Beispiel dieses legendären Sportwagens erkennt man die Relevanz des Satzes: „Weniger ist manchmal mehr.“

Ernst Henne und Hans Stuck, Ihr müsst jetzt tapfer sein. Platz 100. Ein ungewohntes Ergebnis, das dem Fahrer angelastet werden sollte. Für die Organisatoren der Boxberg-Klassik haben wir eine Hand voll Komplimente übrig. Beide Strecken (Samstag und Sonntag) waren ein Genuss für Auto und Besatzung. Die zahlreichen Helferinnen und Helfer an der Strecke und auf dem Testgelände haben einen wunderbaren Event geschaffen. Wer dem Rummel einer Mille Miglia entgehen und trotzdem seinen Klassiker durch schönste Landschaften pilotieren will, sollte im nächsten Jahr in Würzburg an den Start gehen.

 

 

Text: Ralf Bernert

Fotos: Veranstalter Boxberg Classic

 

Die technischen Daten (laut Hersteller):

Motor: 6 Zylinder Reihe

Hubraum: 1.971 ccm

Leistung: 59 kW/80 PS

Getriebe: 4-Gang

Highspeed: bis 170 km/h

Leergewicht: 830 Kg

Länge: 3,900 m

Baujahre: 1937 bis 1939

Preis bei Markteinführung: 7.400 RM

Preis heute: ab 500.000 Euro