Bentley T2 Restauration: Kampf dem Blender

Unser Autor Alexander Hahn hat sich einen Bentley T2 gekauft und zur Brust genommen. Er hat ihn zerlegt, entlackt, entrostet und ihn einer mühsamen Kur unterzogen. Er hat dabei viel gearbeitet, noch mehr gelernt und seine Erfahrungen aufgeschrieben. Hier nun seine Tipps zum Kauf und Restauration eines Rolls-Royce Silver Shadow / Bentley T.

Der Kauf und die Unterhaltung eines Silver-Shadow ist ein Werk für Überzeugungstäter, wer nach dem Kauf nicht annähernd so viele Baustellen wie unsere Autobahnen während der Sommerferien erleben will, kommt um eine sorgfältige und fachgerechte Vorbereitung nicht herum. Dass ein T2 oder Shadow nach dem Kauf komplett zerlegt und untersucht werden muss, die komplexe und sehr verwinkelte Struktur des Shadow bietet zahlreiche Problem-Nester. Meine Erlebnisse und Erfahrungen will ich gerne in einer kleinen Serie hier im Clubmagazin zum Besten geben, auch damit Nachahmer vor bösen Überraschungen  geschützt werden.

Vor dem Kauf

Meine Devise lautet: Wer sich nicht sicher ist, sollte in England für 8.000 bis 10.000 Pfund einen Wagen kaufen, von dem man überzeugt ist und den man erst einmal unter die Lupe nimmt, ehe man an die Arbeit geht oder gleich von vornherein die Ärmel hochkrempeln und ganz unten ins Regal greifen. Mehr als 20.000 Euro in einen Shadow zu stecken, den man allein in einem Angebot und nicht in Teilen gesehen hat, halte ich mittlerweile für den völligen Wahnsinn, weil das Risiko ziemlich groß ist. Man riskiert zu viel Geld und noch mehr Nerven.

Wer auf Nummer Sicher gehen will, wenn er ein mindestens zu 80 Prozent gutes Auto sucht und mehr als 20.000 Euro investieren will, kommt nicht um den schweren Weg herum: die komplette Zerlegung. Entweder in Eigenarbeit oder durch einen Fachbetrieb. Wenn man sich mit den Verkäufern von Fahrzeugen zwischen 20.000 bis 50.000 Pfund auseinandersetzt, hört man immer die gleiche, abgedroschene Weisheit “Nichts ist teurer als ein billiger Rolls-Royce!”  In diesem Spruch steckt eine Menge Wahrheit, denn einen guten Shadow sein Eigen zu nennen, ist entweder teuer oder Bruder Zufall hat einem geholfen. Letzteres sollte man wie bei einer Lotterie mit einer nicht zu hohen Chance bewerten. Bei der Recherche im Internet findet man bei hochpreisigen Shadows immer wieder Aussagen wie:   „Wagen wurde vor X Jahren komplett restauriert; Fahrzeug im Originalzustand; Lack komplett neu aufgebaut; Optisch wie auch technisch keinerlei Reparaturstau; Der Pflegezustand ist  sehr gut und es wurden niemals Kosten und Mühen gescheut, um dieses Schätzchen im Bestzustand zu erhalten; Es sind Rechnungen der letzten Jahre von über 10.000, 20.000 oder mehr Euro vorhanden. „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.“ Lassen Sie sich nicht blenden.

Es gilt die alte Weisheit: „Kleine Maus, kleiner Besch…, große Maus….“. Wer teuer kauft, riskiert viel. In den meisten Fällen wird die Hoffnung größer sein als die Gewissheit. Die meisten Fahrzeuge sind zudem seit einer halben Ewigkeiten im Angebot und die Verkäufer freuen sich, wenn überhaupt mal jemand anruft. Man fragt sich: Wieso? Weil zwar auch bei Shadows Angebot und Nachfrage den Preis bestimmen können, aber  zumeist das Preisniveau von Nachfrage und  Angebot weit auseinander liegen. Zumindest lassen meine Recherchen im Internet diesen Schluss zu.

Nun zum Rechnungsmythos: Etliche Verkäufer scheinen zu glauben, dass ihre Fahrzeuge durch die Vorlage vieler hoher Rechnungen im Wert steigen. Aber oftmals sollte man sich fragen, ob diese Rechnungen wirklich echt sind und wie sie sich im Gesamtwert des Wagens niederschlagen. Man sollte sich einmal informieren, was ein kompletter Satz Dichtungen für Front-, Heck-Scheibe, Türen und Kofferraum alleine kostet. Was kostet eine Vergaserübholung? Was eine Benzinpumpe oder was das handwerklich korrekte Anfertigen von Blechen? Was kostet die Hydrauliküberholung mit 15 Original-Schläuchen? Ruckzuck hat die Werkstatt 25.000 Euro in Rechnung gestellt, wenn sie mit den Originalteilen gearbeitet hat. Und steht man dann vor einem Prunkstück?

Zum Originalzustandmythos: Was soll das heißen? Es fängt schon damit an, dass sich auf dem Wagen noch thermoplastischer Lack befinden müsste, den in Europa seit bald 30 Jahren keiner Autolackierer mehr nachlackieren kann, weil nicht mehr erlaubt, nicht mehr verfügbar und wenn auf unbekannten Kanälen aus der Ferne beschafft dann nie mehr in den passenden Farbtönen. Thermoplastischen Lack kann man mit einem Lappen und Verdünner lösen und verreiben. Die mit ihm lackierten Fahrzeuge weisen einen sehr eigenen Glanz auf und selbst der unerfahrenste Rolls-Royce Enthusiast wird im direkten Vergleich den Unterschied der Farbtiefe und des Glanzes bemerken. Mir ist im Moment kein Fahrzeug in Deutschland auf dem Markt bekannt, auf dem dieser Lack wirklich noch vorhanden ist. Daher kann das Versprechen vom Originalzustand in 99,9% der Fälle nur eine hohle Phrase sein.

Auch wenn es scheint, als würde ich mich in Schwarzseherei ergehen, aber die Frage muss erlaubt sein: Wann haben Sie das letzte Mal den Jackpot geknackt? Es gibt diese Fahrzeuge, die wirklich ok sind, aber diese stammen meistens aus Nachlässen, die in die Hände total ahnungsloser Erben gefallen sind, die sich mit einer im Verhältnis kleinen Summe zufrieden gegeben haben. Wer dann als erster zur Stelle ist, wird ohne Zögern zuschlagen, so dass diese Wagen dann entweder sofort in die Hände versierter Sammler geraten oder im teureren Segment der Silver Shadow Angebote landen. Und auch dort ist nicht alles Gold, was glänzt: Vielfach möchten enttäuschte Besitzer, die es leider sind, weiter Geld in ihre unglückliche Erwerbung zu stecken, einfach nur das Geld, das sie in ihr mehr oder weniger gut rollendes Groschengrab gesteckt haben, zurückholen, ohne dass dem Preis ein realer Gesamtwert gegenübersteht.  Deshalb können aber müssen es nicht zwangsläufig gute Wagen sein. Auch schlechte Wagen, an denen viel repariert wurde, können ihren Preis haben.

Deshalb hier mein ganz persönlicher Tipp, nach welchen Kriterien man ein Fahrzeug suchen und welcher Konsequenzen man sich bewusst sein sollte. Ist die werkseitig ausgelieferte Farbe wirklich wichtig? Oder tut es auch eine andere Lackierung? Welche Rolle spielt das Leder? Original mit optischen Schwachstellen oder das makellose und leider wenig sterile neue Leder? Fällt die Wahl auf Original-Belederung, sollte man möglichst ein zweites Auto zum Ausschlachten kaufen. Vermischt man nämlich zwei Beifahrersitze, wird man früher oder später enttäuscht sein, weil Faltung und Belastung beim Einsteigen immer zu einer Seite erfolgte und zur Mittelwand hin das Leder nie ernsthaft belastet wurde, nach einer Weile wird die neue Narbenbildung leider sehr unschön und reißt leicht ein.

Wenn man sich über die allgemeinen Fragen im Klaren ist, beginnt die Suche nach dem entsprechenden Fahrzeug. Je nach Geschmack stehen Shadow I oder II zur Verfügung. Wenn Chasis- und Motornummer vorliegen, kann man RREC (rrec.co.uk) entsprechende Unterlagen des Fahrzeuges anfordern. Vorsicht ist bei Unfall-Fahrzeugen geboten. Ist der Differenzialträger gerade und nicht verdrallt oder verzogen? Man sollte die Karosserie sehr genau  kontrollieren und sich über die realen Schäden einen besseren Überblick verschaffen, die unter dem Lackkleid im Verborgenen schlummern könnten. Am besten man baut bei der Besichtigung des Fahrzeugs durch Abheben die Rückbanksitzfläche aus und führt mit einer Endoskopkamera (ich arbeite mit einem Halsdurchmesser von 4mm) den Hals unter die Wange vorsichtig nach oben, wo sie ein ovales Loch in der Karosserie haben und betrachten den Radlauf von Innen. Dabei ist Vorsicht geboten, man kann die Wange einreißen. Eigentlich sollte man mit vorsichtigem Hochschieben von unten mit einem langen Hals in den Hohlraum kommen. Und bitte keinen Schreck bekommen, wenn es da rostet. Aber so kann man schon mal einen ehrlichen Eindruck vom Fahrzeug und eventuellen Reparaturen bekommen. Aufschlussreich ist auch eine Kamerafahrt an den vorderen Gurten und den Türscharnieren, hier kommen oft Problemzonen zum Vorschein. Wenn es dort drin schon richtig knusprig aussieht und mehr nur als Flugrost zu sehen ist, dann Finger weg von diesem Wagen. Unerlässlich ist der Kompressionstest am Motor, um zu klären, ob auch er einer Überholung bedarf oder die Chance besteht, dass er die nächsten zehn Jahre ordentlich laufen wird.

Chrom ist eine Zier

Der Zustand der Zierleisten sollte unbedingt genau überprüft werden. Sind die Schweller auch ja nicht an den Seiten unter den Leisten durchbohrt, um sie an der Karosserie zu montieren? Sind die Zierleisten noch aus Chrom, so dass Sie damit auch dann noch zufrieden sein können, wenn Ihr  Fahrzeug neu lackiert ist?  Wer hofft, Chromteile verschiedener Wagen “mischen” zu können, sollte aber bitte nur jede Seite komplett von einem Fahrzeug verwenden, weil sonst die Farbunterschiede die ästhetische Wirkung erheblich beeinträchtigen können. Wie sich die Farben im Chrom entwickelt haben, kann ich im Einzelnen nicht genau bestimmen. Jedenfalls sind die farblichen Unterschiede der Chromteile zwischen meinem 78er Shadow und meinem 80er Bentley T2 erheblich.

Faktoren wie Zustand des Holzes, Funktionsfähigkeit der Zusatzaggregate oder ob die Hydraulik einwandfrei arbeitet, halte ich für nebensächlich. Diese Reparaturen machen den Kohl ohnehin nicht mehr viel fetter. Ein Shadow mit englischer Lenkseite sollte nicht mehr als 7.000 Euro kosten, ein Linkslenker darf maximal 12.000 kosten. Finger weg von US Fahrzeugen, meistens erlebt man noch mehr Probleme, außer man hat Wagen, die wirklich ihr Leben lang in Nevada waren. Das alte „certificate of title“ ist dort dann entscheidend. Bei „Kalifornien-Fahrzeugen“ gilt nur Wagen kaufen mit  Black Plate (Kalifornien zwischen 1963 und 1969). Hat der Wagen heute immer noch ein schwarzes Nummernschild, so hat er Kalifornien nach 1969 nicht mehr verlassen. Für Blue Plates gilt das Gleiche von 1969 bis 1980. Ab dann wurden die Nummernschilder weiß. Bei den Wagen macht es auch Sinn sie bei ebay günstig ohne Besichtigung zu kaufen, natürlich wenn der Preis stimmt.

Es beginnt die Arbeit

Zerlegen und eine Bestandsaufnahme von dem, was alles vorhanden ist und was noch gut funktioniert oder was gleich ein Fall für die Tonne ist. Mein Tipp: Holz gehört zum Tischler, der kennt sich auf jeden Fall mit diesem Material besser aus als ein Autolackierer. Auch Fensterheber sind beim Elektrofachbetrieb, der sonst alte Radios repariert, besser aufgehoben. Auf keinem Fall am Teppichboden sparen. Unter 2.000 Euro findet man nach zwei Wochen Marktanalyse und unzähligen Mustern nichts auf Rolls-Royce Niveau. Ist der Wagen dann endlich entlackt, sollte man auf jeden Fall die hinteren Radläufe tauschen, wenn sie nicht von Innen und Außen top sind, in diesem Zug sollte man auch gleich einen Blick in die Schweller werfen. Türscharniere entfernen und auch dort nochmals genau in die Träger blicken. 1.500 Euro für Karosseriearbeiten dürften sicher entstehen.

Gespachtelt wird nicht.

Überhaupt nicht. Ein Gespräch mit dem Karosseriebauer über das Thema “Zinnen und Flussmittel” ist sinnvoll, wenn er darauf nicht eingeht, beginnt die Suche nach einem anderen Karosserie-Fachmann. Eigentlich bieten sich sehr viele Stellen an dem Wagen an, an denen man sehr gut zinnen kann, vorausgesetzt, man scheut weder Arbeit noch Mühe. Überprüfen Sie selbst oder lassen Sie genau die Kabelbäume und Stecker überprüfen. Kabelbäume und Stecker sollten genau geprüft werden, lieber direkt tauschen als später jede Menge Ärger und Ausfälle riskieren.

Gut Ding braucht Weile, also Zeit lassen, aber bitte keine never ending story. Niemand gewinnt dabei wirklich. Ein klaren Plan ist das A und O. Dieser Plan sollte zusammen mit einem Gutachter oder Sachverständigen erarbeitet werden. Der ausführende Betrieb sollte auf diesen Plan keinen Einfluss ausüben. Je nach Eigenanteil der Arbeiten sollte man mit einem Preis von 30.000 bis 60.000 Euro ein Fahrzeug überarbeiten und erhalten können, mit dem man souverän und ohne Sorgen unterwegs sein kann. Das mag zwar mehr sein als die meisten Wagen auf dem Markt kosten, aber so kann man getrost im Laufe der Arbeiten kontrollieren, überprüfen und im Auge behalten, damit alle Wünsche zu entsprechenden Preisen umgesetzt werden.

Text und Fotos: Alexander Hahn