Bentley Special Blue Train: Vollgas durch die Nacht

 

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Woolf Bernato wollte schneller sein. Er setzte sich in seinen Bentley, raste los und gewann seine Wette. So steht es geschrieben in vielen Büchern. Der Bentley, mit dem der Brite den französischen Zug „le train blue“ besiegt hatte, ist ein Sonderling, der heute in einer kleinen Manufaktur neu aufgelegt wird. Wir fuhren den Special und fanden ein paar recht interessante Fakten über das Rennen heraus.

Der Kamin liefert Licht, Wärme und Behaglichkeit. Ein paar dicke Ledersessel, ein schöner Teppich, Zigarrenqualm vermischt sich mit Rasierwasserduft und die Herren halten lässig ihre Gläser. Man spricht, lacht, ein Toast wird in die Runde gelegt. Ein Thema: die schnellsten Transportmittel. Ein Zug, sorry der Zug: Le train blue. Er sei der schnellste und selbst das beste Auto mit dem besten Fahrer an Bord sei nicht schneller. Man lacht, man überlegt und man wettet.

Ein Samstag in Bad Homburg. Die kleine Kurstadt freut sich über Sonne, blauen Himmel und viele Gäste, die ihre monetären Möglichkeiten mit schönen Autos, eleganten Roben und dunklen Kreditkarten aufzeigen. Man flaniert, man tätschelt das Gaspedal und man schaut in die Runde. Das Frühjahrstreffen des RREC (Rolls-Royce und Bentley Enthusiasts Club German Section) legt eine Pause ein. Die Garage des Steigenberger ist gut gefüllt mit britischem Edelmetall, es riecht nach Geschichte, nach britischer Geschichte. Mitten zwischen einem Bentley T2 und einem Phantom II steht ein Spezialist. Sein Name: Bentley Speed Six Special blue train.

Der Kamin wird langsam kalt. Niemand hat Holz nachgelegt, die Herren haben ihre Zigarrenstummel als letztes Futter für die Flammen in die Asche geworfen. Man hat Hände geschüttelt und ein Mann hat ein Versprechen gegeben. Er werde mit seinem Bentley gegen den Zug antreten. Und gewinnen. Der Name des Herrn: Woolf Bernato, sein Beruf: Diamantenhändler und Finanzier des Autoherstellers Bentley. Sein Image: a very good sportsman. Später wird man ihn als Bentley-Boy bezeichnen. Er fuhr auf Achse nach Frankreich und siegte in Le Mans. Heute ist das unmöglich.

Die steile Garagenausfahrt ist für den Blue Train kein Problem. Das Steuer ist riesig, die Instrumententafel glänzt, ganz weit vorn durchschneidet ein fliegendes B die Sommerluft. Der Bentley lässt zwei Autos passieren, die Insassen drehen die Köpfe und dann erscheint die gigantische Kühlerfront im Rückspiegel des BMW. Zweiter Gang, dritter Gang und an der Ampel werden aus Fußgängern Zuschauer. Der Speed Six Special ist ein junges Auto, keine zehn Jahre alt. Gebaut von Bob Petersen in Devon im Südwesten Englands, einer kleinen Manufaktur, die für recht viel Geld Autos baut, die jeder Fachmann sofort als Special identifiziert, für den Laien rollt ein Vorkriegs-Bentley an. Auch hier in Bad Homburg werden die meisten Menschen über die britische Armee und deren Besatzungszeit nachdenken.

Zwischen Cannes und Calais liegen fast 2.000 Straßenkilometer, nach heutigen Recherchen. 1930 dürfte die Strecke ähnlich lang aber ungleich komfortabel gewesen sein. Woolf Bernato platzierte seinen Speed Six am Bahnhof, wartete auf den Zug und raste los. Ein Gemälde von Terence Cuneo zeigt die Szene. Das „Blue Train Race“ war geboren. Etliche Stunden später, Bernato trifft in seinem Club ein, die Zigarren qualmen nicht weniger stark wie die Dampflock des train blue. Man hebt die Gläser, man lacht und Woolf Bernato, er hat mittlerweile im Clubsessel Platz genommen, darf sich als Sieger bezeichnen. Soweit die Phantasie, soweit einige Bücher, einige Artikel in Fachmagazinen und so weit die Legende über den Speed Six Blue Train.

Der Petersen Bentley hätte gegen einen modernen Zug nicht den Hauch einer Chance. Das 2,2 Tonnen schwere Gefährt wird von einem Rolls-Royce B81 Motor angetrieben. Das V8-Triebwerk, ein Klassiker, der seit 1950 Verwendung findet, leistet um 200 PS und kann den Wagen auf 180 km/h beschleunigen. Hier im beschaulichen Bad Homburg rollt der grüne Riese mit stoischer Ruhe von Ampel zu Ampel. Geschaltet wird natürlich mit einigem Aufwand, man lenkt mit der ganzen Hebelwirkung des gigantischen Volants und wer mit dem Briten auf Reisen gehen will, kann bei einem Verbrauch von rund 14 Liter gut 800 Kilometer weit fahren. Der Tank fast 120 Liter.

Die Legende muss nun tapfer sein. Woolf Bernato hat 1946 im Bentley Drivers Review seine Sicht der Dinge aufschreiben lassen. Den Club in London mit Sessel, Zigarren, Kamin und Atmosphäre gab es natürlich. Aber die Wette gab es nicht. Es gab zwei Autohersteller, die Anzeigen schalteten. Eine Zeitung suchte Autofahrer, die 20 Minuten vor dem Train Blue in Calais eintreffen, die andere Zeitung gewährte zwei Stunden Vorsprung vor dem Zug. Bernato hielt mit und versprach in London einzutreffen bevor der Zug Calais erreiche. Er wurde ausgelacht, eine Wette wurde nicht abgeschlossen.

Der Speed Six Special in Bad Homburg basiert auf dem Aufbau von Gurney Nutting, das Coupé gilt als der Wagen mit dem Bernato damals gegen den Zug antrat. Das Gemälde von Terence Cuneo zeigt exakt dieses Auto, in den meisten Publikationen wird exakt dieses Coupé gezeigt. Die kleinen Fenster im Fond, das nach hinten stark abfallende Dach als Hilfsmittel für hohe Geschwindigkeit sollen dem Blue Train auf der langen Strecke gegen den Zug zum Sieg verhelfen. Ob dieses Gurney Nutting Coupé tatsächlich damals zum Einsatz kam, darf bezweifelt werden. Bernato besaß zwei Speed Six, das besagte Coupé und ein Saloon. Das Coupé wurde vom Bentley Service Department im Juni 1930 mit einem Meilenstand von 391 eingetragen, der Wagen wurde erst Ende Mai registriert, konnte also unmöglich im März das Rennen gewonnen haben. Den Saloon hatte Bernato am 19. Juni 1929 gekauft, am 26. Mai 1930 verkaufte er den Wagen wieder.

Beide Autos wurden umgebaut, dann wieder in den Ur-Zustand versetzt. Beide Blue-Train-Wagen befinden sich in einer Hand. Das Coupé wurde 1984 von Sotherby´s versteigert: 270.000 Pfund. Damit niemand die Geschichte des Coupés bezweifeln konnte, wurde im Katalog das Rennen einfach auf das Jahr 1931 verlegt.

Den Petersen Speed Six haben wir wieder in die Garage gebracht. Dort hat er sich von seiner Tour erholt. Es war eine ganz besondere Fahrt mit diesem besonderen Auto, das nicht nur durch sein Design und seine Wucht auffällt. Der Wagen ist außerordentlich gut verarbeitet, jedes Detail passt, die Technik wurde perfekt verbaut. Das Getriebe, die Bremsen und auch das Fahrwerk hinterlassen einen extrem guten Eindruck. Bob Petersen hat bisher fünf Blue Train Specials gebaut, jedes ein Unikat. Natürlich werden nahezu alle Sonderwünsche umgesetzt. Bei einem Preis von rund 280.000 Pfund kann man das auch erwarten.

Noch ein paar Worte zur Legende um das Rennen, die Wette und den Bentley Boy. Man kann sicher in einigen Archiven weitere Belege für die Saloon-These finden. Aber ganz gleich was sich in dieser Nacht und kurz davor abgespielt haben mag, die Geschichte passt zur Marke Bentley wie die berühmte Faust aufs Auge. Kaum ein Hersteller bietet derart viel Raum für Geschichten wie die des Wettrennens gegen den Blue Train von Cannes nach Calias.

Dieser Text und vor allem die Informationen zur Identität des echten Blue Train Bentley konnte nur mithilfe eines Beitrages aus dem Magazin des „Allgemeines Schnauferl-Club“ Landesgruppe Harmonia geschrieben werden. Michael Hay, der im Februar 2002 einen Beitrag im Bentley Drivers Club Review veröffentlicht hat, muss ebenfalls als Quelle genannt werden. Außerdem hat Herr Jürgen Sauthoff erheblichen Anteil an der Geschichte. Vielen Dank

 

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Text: Ralf Bernert Fotos: Ralf Bernert (Bentley Special) und

www.cuneosociety.org (Terence Cuneo Gemälde)

www.bobpetersenengineering.co.uk