Bentley Roadtrip: Ich glaub´ ich knutsch nen Elch

Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert

Der Riese kommt gleich mit seinen Kumpels vorbei. Fütterungszeit. Die Schaufeln haben die  Kaventsmänner vorher abgelegt oder sie hatten nie welche. Ein Jungspund ist dabei, er zwängt sich immer wieder von unten durch das Chaos aus braunem, sehr dichtem Fell. Wer zu klein ist, muss sich was einfallen lassen. Elche, auch Moose genannt, sind keine Raubtiere und sie sind auch keine Kuscheltiere. Sie leben im Wald und fressen wirklich sehr viel. Eine Tonne Lebendgewicht braucht Energie, der Winter hier mitten in Schweden ist lang und kalt. Deshalb haben Elche immer Lust auf Futter. Sie lieben Süsskartoffeln und genau damit kriegt man sie. „Kiss a Moose“, so steht es geschrieben. Küsse eine Elch und das Glück ist Dein. Frei übersetzt. Also ran an den Riesen. In der einen Hand die Kartoffel, mit der anderen Hand den Kopf des Giganten vorsichtig festhalten und zack. Der Tag ist mein.

Vorher ein anderer Riese. Blau mit schwarzer Stoffmütze. Ein Bentley. Den muss man nicht knutschen damit der Tag gut wird. Der Bentley Continental GT Convertible ist kein Viech, das allein durch den Wald streift. Der GT mit großem C ist ein Dienstleister. Der V8 unter der langen Haube ist bärenstark, die vier Räder werden mit der Leistung des Motors versorgt und die Heizung macht den Hintern heiß, wenn man will auch das Lenkrad. Man kann den Hut abnehmen und aus den riesigen, runden Düsen bringt ein Fön die Haut zum Schwitzen. Der Bentley macht Freude.

Bentley Roadtrip: Zuckerwatte und der Bentley Continental GT C

Noch weiter vorher, in Stockholm, begann die Reise. In einem feinen, sehr jungen Hotel. Das Lydmar, ein junges Boutique-Hotel, liegt im Herzen der Stadt. Direkt am Ufer der Ostsee, der König residiert einen ordentlichen Steinwurf entfernt. Man ist mitten drin, auf hohem Niveau. Klassisch und modern zugleich. Beste Küche, das Steak muss erwähnt werden, weil grandios. Die Stadt, eine Augenweide und Zentrum des modernen Schweden, trägt ihren Schneemantel, der sich über alles legt. Zuckerwatte und Autofahrer, die darauf abfahren.

Östersund, eine Flugstunde von Stockholm entfernt, ist da eine ganze andere Nummer. Ein kleiner Ort mit knapp 50.000 Einwohnern und einem Flughafen, der locker an die 60er Jahre erinnert. Klein, praktisch und im Winter das zentrale Sprungbrett für wintersportliche Schweden. Hier beginnt die Reise des Bentley und die seiner Insassen. Blau auf weiß, die Briten haben den Wintersport erfunden.

Foto: Ralf Bernert
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Hey, Ihr Elche, Ihr Bäume, Sträucher, Strassengräben, rote Holzhäuser, gelbe Postautos, Schlittenhunde, Rentiere, Schwedinnen und Schweden. Ich bewundere Euch. Diese Ruhe, diese unglaubliche Ruhe. Selbst der V8 des Continental hat sich scheinbar in Watte gepackt. Zylinderabschaltung sei dank. Er treibt seine Fracht vorwärts, gerade schnell genug damit die Landschaft vorbei ziehen kann. 165 Kilometer liegt das Ziel, die Copperhill Mountain Lodge entfernt. 165 Kilometer Stille, -15 Grad, kaum Wind, Winterdeko, Einsamkeit, Weißwald, Melancholie, perfekt verdeckte Strassengräben, ein einziger Berg plus Weite wie im Film.

Eigentlich sucht man Kurven, man sucht den Spaß, den Adrenalin-Knopf und man sucht die Lust auf über 500 PS und den Bentley-Boy in sich. Und was findet man: Nichts davon. Das klingt enttäuschend, ist es aber nicht, weil man einen Bentley nicht ausschließlich für Power on Ice gebaut hat. Hier und heute geht es um die da Draussen. Immer wieder anhalten, aussteigen, umschauen, hinhören, rumlaufen und den Mund halten. Ein- und wieder ausatmen. Bis die Kälte durch die Schuhsohlen und dann durch die Skistrümpfe an die Zehen gekrochen ist. Wieder einsteigen und die lange, gerade Bahn abfahren. Links und rechts dünne Bäume mit mehr Weihnachten auf jedem Ast als alle Christbäume in Deutschland zusammen anbieten können. Kein Kitsch, nur Winter. Kein Luxus, nur Landschaft. Der Bentley lupft das Dach wie zum Gruß. Die Luft, saukalt, strömt durch den Wagen, pustet fein säuberlich jede Wärme hinaus, bis die Heizung mit voller Kraft dagegen hält. Der Hintern hat bald genug, eine rote Leuchtdiode ist ausreichend, die Wollmütze auf dem Kopf ist nur noch Schutz.

Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert

Kilometer um Kilometer spaziert der Brite durch die Landschaft, ein Berg rückt näher, man erkennt wage ein paar Skifahrer. Winzige Punkte, die den Berg hinab schweben. Auf dem Weg ein Besuch der besonderen Art. Eine Juristin aus Norwegen hat ihr Herz an diesen Ort verloren, ein elegantes Haus mitgebracht und dahinter ein Refugium für eine kleine Elch-Herde eingerichtet. Sie nennt sie ihre Freunde. Die Freunde sind scharf auf Süßes. Und sehr ruhig. Riesig und an Menschen nicht interessiert. Was ein Glück ist, denn ein Elch kann mit seinen Massen glatt durch einen Mensch hindurch laufen. „Stell´ Dich niemals, wirklich niemals einem Elch in den Weg.“ Man soll einen Elch küssen, „kiss the moose“ heisst es. Es soll Glück bringen. Gelesen, getan. Unbemerkt, Glück gehabt. Weiter zum Kaffeekränzchen.

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Per Gefvert Nordell lebt dort, wo andere vor Verzweiflung um Hilfe rufen. Mitten drin im schwedischen Outback. Ein kleines Haus, nach dem winzigen Flur ein Raum mit einer Maschine, die aussieht, als wäre hier ein echter Handwerker zuhause. Eine Maschine zum Kaffeerösten. Die Maschine duftet nach Kaffee, weiter hinten, ein Tisch, acht Becher, eine Wasserkanne, ein Wasserbecken mit Armatur. In den Bechern liegt Pulver, Per giesst Wasser aus der Kanne hinein. 96 Grad, exakt 96 Grad. Sonst kann der Kaffee sein Aroma nicht entfalten. Eine Minute warten, mit einem Löffel den Sud abschöpfen, noch mal warten und dann mit einem Teelöffel jeweils einen Schluck ruckartig in den Mund saugen. Das klingt nach Feinschmecker-Technik und ist es auch. Per ist Weltmeister. Zusammen mit seiner Frau. Beide haben Scouts in der ganzen Welt und die suchen nach den besten Bohnen. Keine Massenware, nur die besten Kaffeebauern werden besucht. Und dann kommt die Maschine ins Spiel. Die beiden rösten, testen, probieren, bis der Kaffee so gut ist, wie er nur sein kann. Aroma, Leichtigkeit, klarer Abgang, keine bittere Note, auch nicht wenn er kalt ist. „Ein guter Kaffee darf niemals bitter schmecken, auch nicht wenn er kalt ist.“ Und hier bestellt man den Weltmeister-Kaffee:  http://www.arekafferosteri.se

Es ist halb vier am Nachmittag und stockfinster. Die letzten dreißig Kilometer bis zum Hotel
und der Fuß juckt. Vielleicht ist der Kaffee schuld. Man will mal den V8 loslassen. Einmal kurz den Fuß nach unten laufen lassen, das Lenkrad festhalten, vorher per Fernlicht nach Elchen beim Spaziergang Ausschau halten. Aus den Boxen strömt was Altes, Pink Floyd. Sphärisch, 70er, bunt und hinter den Fenstern klirrt Schweden vor sich hin, wie ein Wachsfigurenkabinett, nur viel größer. Schweden hier und jetzt, das ist Lichtjahre von jeder Hektik, jeder auf pure Fakten reduzierten Realität und von allen Defiziten unserer Zivilisation entfernt.

Es war gut, dass ich den Elch geknutscht hab´.