Beim Bentley Mulsanne in jede Ritze geschaut: Ein Besuch im Werk

Bentley-Mulsanne-Produktion-Aufmacher

Ein Mulsanne mit seinen knapp 5,50 Meter Länge, einem Inneraum, den man in dieser Ausstattung auch in jedem Grand Hotel als Lounge einbauen könnte und einem Motor mit mehr als 1.000 Newtonmeter Drehmoment baut man nicht einfach so. Man braucht viele, sehr gute Köpfe und Hände. In Crewe, dort entsteht das Flaggschiff von Bentley findet man genau diese.
Ich war schon mal hier, letztes Jahr. Der Continental und seine Varianten waren interessant. Die Fabrik sowieso, roter Backstein, eine kleine Stadt in einer Stadt, die man nicht als Touristenmagnet bezeichnen sollte. In Crewe, im Westen Englands, bei Manchester und Liverpool, ist Bentley seit 1946 eine feste Größe. Nach London und Derby kam Crewe. Rolls-Royce hat bis 1998 die Takte bestimmt. Dann kam Volkswagen und die Spirit of Ecstasy zog aus, in den Süden. Heute werden hier alle Bentley gebaut, gefertigt. Continental, Flying Spur und der große Mulsanne. Und das wollte ich mir genauer ansehen, weil dieser Bentley eine Ausnahme in der Familie ist. Ein Sonderling im positiven Sinne. Er wird hier in Crewe bis auf Kleinigkeiten und das Getriebe komplett gefertigt. Mit Bodengruppe, Karosserie, Motor, Sitzen, Lenkrad, Leder und Holz.

Der Flughafen in Manchester ist kein Brüller. Manchester ist Fußball und Industrie. Meint man. Das Ruhrgebiet der Briten, plus Beatles, Stones, Rock, Jazz, wunderbare Orte drum herum und Wales in Rufweite. Ein wenig weiter südlich dann Crewe. Die Eisenbahn und später die Autoindustrie haben hier ihre Spuren hinterlassen. Heute arbeiten 5.500 Menschen bei Bentley, es sollen mehr werden. Knapp 70.000 Menschen leben hier, wenn man zum Werk fährt, ist der Ort keine dauerhafte Episode im Gedächtnis. Roter Backstein, vor dem Portal stehen ein paar Continental, Flying Spur und ein Mulsanne. Zum Ort passen diese Wagen nicht, wie viele Bentley-Besitzer es in Crewe gibt, kann man mir nicht sagen. Ist auch egal. Bentley ist der größte, der wichtigste Arbeitgeber und die Umgebung liefert seit Generationen die richtigen Leute. Mit handwerklicher Kompetenz, mit dem Herz für die Marke und mit dem Ehrgeiz die besten Autos zu bauen. Bentley ist hier keine Marke, Bentley ist hier eine Institution.

Die Produktion des Bentley Mulsanne ist eine Reise wert

Die Reise ins Werk beginnt, wie für alle Besucher, meist Kunden, beim Anblick von Walter Owen. Dem Gesicht, dem Geist und dem Herz von Bentley. Dieser Mann hat 1919 den ersten Buchstaben seines Nachnamens fliegen lassen. Das Logo, so lernt man bei der Führung wird oft kopiert, zumindest die Schwingen. Deshalb nun ein weit verbreitetes Geheimnis, die rechte Schwinge enthält elf Federn, die linke zehn. Das „Flying B“ hingegen ist als Kühlerfigur eine unverwechselbare Erscheinung. Eine Galionsfigur und auch eine Seltenheit. Klassiker aus dem Hause Bentley tragen das B noch mit Wucht und Weitsicht. Die Tour findet eine Pause in einem Wohnzimmer, mit Sofa, Sessel, Bücherregal und Bildern an der Wand. Als hätten Walter Owen Bentley, Woolf Bernato und seine Kollegen hier früher palavert, Pläne geschmiedet und Kunden mit dem besten Whiskey in Stimmung gebracht. In Crewe ist das aber nie passiert. 1946 waren W.O. und W.B. nicht mehr im Wirkungsumfeld von Bentley unterwegs. Heute werden hier Kunden beraten, Außenlack, Innenfarbe, Leder, Holz und deren Abstimmung. Man kann hier spielen, träumen und auf Zeitreise gehen, ein Blower, ein 8-Liter und so weiter ist überall in diesem Raum zu sehen.

Weiter zum Blech, zur Bodengruppe, wie man das unter Technikern nennt. Alles, was den Mulsanne ausmacht ruht auf diesem gigantischen Teil aus Blech. Kleine und größere Löcher, Falten, Falze, Nut und Bolzen, Schweißpunkte und Ecken. Man sieht das Ding und denkt an einen Transporter, ein Nutzfahrzeug. In Crewe wird nahezu alles gebaut, was den Mulsanne zum Mulsanne macht. Auch das Blech. Türen, das Dach, Kotflügel, Motorhaube und Kofferraumdeckel. Alles. Plus Motor, Leder, Lenkrad, Holz.
Räder, Getriebe, Elektronik, Navi und so weiter werden geliefert. In dieser Klasse ist diese Fertigungstiefe einmalig.

Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert

Ein Rad, ein Lenkrad. Steeringwheel. Mit Holz und dem Gefühl von Klarheit für die Fingerkuppen, bevor man losfährt. Mit Leder für das Gefühl von Wärme und Sanftheit während man den Rädern erklärt in welche Richtung sie zu laufen haben. Zwei oder maximal drei pro Tag werden hier von einem Mitarbeiter in Form gebracht. Man will den Händen, den Fingern, der Haut einen kleinen Ausflug in die Welt der Kindheit gönnen. Damals saß man im Auto des Vaters, der Zündschlüssel viel weiter weg als die Füße von den Pedalen. Aber der Daumen und die restlichen Finger umarmten dieses Rad, die Augen geschlossen, die lange Strasse sollte damals nicht enden. Man drehte in alle Richtungen und beide Hände ließen nicht los. Augen auf. Holz oder Leder?

Er sitzt auf einem kleinen Wagen, mit Deichsel und Handgriff. Ein Mann zieht in von einer Halle in die nächste. Noch ohne Verbindung zu allem, was ihn zum Herz eines Mulsanne macht. Der V8 mit 6,75 Liter Hubraum. Man steht daneben und weiß, dass man diese Maschine nur sehr selten so nackt sieht. Ohne Haube, ohne Blechkleid, ohne Schläuche, Kabel, Krümmer und Elektrik. Dieser Motor wurde vor mehr als 50 Jahren von einem Zeichenbrett in eine dreidimensionale Welt entlassen. Zunächst mit 6,2 Liter Hubraum, später dann mit 6,75 Liter auf acht Brennräume verteilt. In den Siebzigern 200 PS leistend, heute sind es 512 PS. Fast 300 km/h schafft der Mulsanne heute. Anfangs mit einem Dreigang-Automatik-Getriebe verbunden, heute liefert ZF acht Gänge. Der Motor wird weiter gezogen, in die nächste Halle, dort wartet das Getriebe und der Rest an Technik. Antriebsstrang, Radaufhängung, alles was den Mulsanne bewegt wird montiert und wartet dann am Altar. Hochzeit. Der Pfarrer trägt grau, die Braut wirft keine Blumen. Hoch soll´n sie leben. Keine Liebes-Hochzeit, eine Zweck-Gemeinschaft mit Tradition. Später, wenn man auf dem Fahrersitz Platz genommen hat, den Schlüssel dreht und dem Getriebe das Kommando zur Fahrt nach vorn gegeben hat, das Gaspedal langsam aber stetig in Richtung Teppich wandert, werden die Geister in diesem Motor erweckt. Das Zusammenspiel von Pleuel, Zylinderkopf, Einspritzdüsen erzeugt mehr als 1000 Newtonmeter Drehmoment, ein Wert der Berge versetzen kann. Und das alles aus einer mehr als 50-jährigen Geschichte. Man kann im wahrsten Sinne des Wortes auch von Erfahrung sprechen.

Der Bentley Mulsanne geht durch viele Hände

Leere, blankes Metall, ein paar Löcher, ein paar Bolzen, sonst nichts. Die Bodengruppe wartet. Schräg gegenüber ein großer Tisch, jemand wirft ein Stück Leder darauf. Vielleicht zwei Quadratmeter. Eine Art Schiene fährt über das Leder, ein Laser tastet das Tuch ab, später wird der Laser exakt ein Stück heraus schneiden, genauer als es jeder Mensch nur könnte. Selbst ein Chirurg wäre überfordert. Nicht wegen der Exaktheit, nein wegen der Menge an Schnitten, die er zu bewältigen hätte. Der Bezug für die Instrumententafel, die Mittelkonsole, die Türverkleidung. Handarbeit ist nun gefragt. Spezialisten werden die Tücher über Später werden Fingerkuppen darüber laufen und keine Falte spüren.

Foto: Max Eary
Foto: Max Earey

Man sitzt so gut, man fühlt sich wohl. Man denkt an Kühe, an Bäume, an lange Alleen und an Massagen, an Musik aus vielen Ecken und nun das. Hände ziehen Leder über Füllmaterial, über Gestänge, über Federn. Bis ein Sitz erkennbar wird. Kleine Löcher lassen Knöpfe durch, verchromt, silbern glänzend. Später wird man den Sitz verstellen, nach oben, unten, hinten. Mit den Händen. Handarbeit – Craftmanship.

In einem kleinen Raum liegt Holz für etliche hunderttausend Pfund. Es atmet, es dehnt sich, es verliert Flüssigkeit, bis es passt. Bis der Woodshop zugreift, schneidet, Maserungen ausfindig macht, sie müssen passen. Vor allem die großen Flächen sollen ein Bild ergeben. Spiegeln, das dauert Stunden und wird nur von Spezialisten vorgenommen. Danach, anpassen, schneiden, schleifen, polieren, noch mal anschauen, nachpolieren. Bei Bedarf werden Ornamente, Namenskürzel, Wappen eingebunden. Filigran, Kunst, Adlerauge, Routine und die Zusammenarbeit von Hand und Auge.

Karoserie und Bodengruppe finden zueinander. Ein Auto und seine Erscheinung, seine Wucht und Eleganz werden sichtbar. Mehr als fünfeinhalb Meter lang, später knapp 300 km/h schnell und immer noch mit dieser britischen Ruhe und Gelassenheit ausgestattet. Ein 8 Litre Bentley aus den frühen 30er Jahren war einer der schnellsten seiner Art. Eine Reiselimousine mit der Kraft von 200 PS und bis zu 160 km/h schnell. Damals war das kaum zu schlagen, heute spielt ein Mulsanne in der gleichen Liga. Auch wenn die Höchstgeschwindigkeit keine so große Rolle spielt.

Foto: Max Earey
Foto: Max Earey

Farbenspiele, vorher beim Händler oder im Internet. Lack und Leder und Holz und die Frage ob man nun innen hell und außen dunkel wählt. Zweifarbenlack, oben dunkel, unten hell oder vice versa? Es wird hier und da tagelang diskutiert, gegrübelt, im Netz verglichen. Es ist als ob man dem Kind einen Namen geben müsse. Irgendwann ist es raus und die Order steht auf einem Laufzettel, dem alles entscheidenden Papier. Sonderlacke nach Art des Hauses, das Familienwappen, Kreuzstich im Leder, die Kopfstützen mit oder ohne den Bentley Schriftzug. Eine Plakette auf den Einstiegsleisten? Im Kofferraum extra dicker Teppich oder doch der etwas robustere? Mulliner macht das. Früher ein Karosseriebauer, heute die Abteilung für besondere Wünsche, das A-Team in Crewe.

Noch ein Team mit Spezialauftrag. Qualität und Fehlersuche. Mit Lampe, Lupe, Fingerkuppen und Liste. Check-In. Egal wie klein, egal wie unscheinbar. Ein Makel ist ein Makel und der muss weg. Winzige Flecken im Lack werden lokalisiert, eingekreist, identifiziert, entfernt und deren Spuren eliminiert. Es wird notiert und an die Lackierer weiter gereicht, ein Fehler soll sich nicht wiederholen. Dann rollt der Mulsanne zum Techniktest. Alles wird aktiviert, jeder Knopf gedrückt, jedes Rad gedreht, auch die vier 21-Zöller. Der Motor, das Getriebe, alles. Der Kunde ist der härteste Tester. Er wird seinen Bentley so genau unter die Lupe nehmen wie der schlimmste Hoteltester. Mit schneeweißen Handschuhen und viel Zeit. Bentley weiß das.

 

Fahrbericht: Bentley Mulsanne

 

Foto: Ralf Bernert
Foto: Ralf Bernert
Foto: Max Earey
Foto: Max Earey
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Foto: Max Earey
Foto: Max Earey
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Foto: Ralf Berenrt
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Text: Ralf Bernert
Fotos: Max Earey/Ralf Bernert