Gut sieht er aus, zumindest rein äußerlich. Über den Innenraum und seine Möblierung darf gestritten werden. Unter dem Blech soll alles anders werden. Kein Verbrenner, dafür ein E-Motor plus Akku, plus jede Menge digitale Helferlein. Den Bentley der Zukunft soll ein E-Antrieb auf die Sprünge helfen.

In Genf wurden wieder reichlich potente und kraftstrotzende Autos präsentiert. Ferrari zeigte den 812 Superfast, McLaren den 720 S und Mercedes zeigte mit dem G 650 Landaulet, wie eine Bergziege im Hermelinmantel aussehen kann. Und womit glänzte Bentley? Mit einem offenen Sportwagen ohne einen einzigen Zylinder.

EXP 12 Speed 6e, das klingt nach rezeptpflichtigen Aufputschmittel. Das Kürzel EXP kennen wir, es steht für Experimental. Und dann ist da noch das klitzekleine e. Ein Meilenstein im Hause Bentley. Man hätte auch electric schreiben können, aber das klingt nicht wirklich geheimnisvoll. Immerhin schreiben die Briten in Crewe mit dem 6e Geschichte.

Was man in Genf sehen konnte war zunächst einmal ein offener Zweisitzer, dessen Formen schon sehr dem EXP 10 Speed 6 ähneln, also jenem Konzeptfahrzeug, dass die zukünftige Designsprache aller Bentley zum Ausdruck bringen soll. Mehr Sport, mehr Dynamik und mehr Speed. Und nun steht da das kleine e und wir wollen natürlich wissen, wie sich die Briten die Zukunft ohne Verbrenner vorstellen.

Der Beipackzettel für Journalisten, sprich die Pressemitteilung des Speed 6e, umfasst ganze fünf Seiten und dort lesen wir, dass man bei Bentley ein neues Marktsegment erfunden hat: Das Luxus-Elektroautomobil. Das klingt noch nicht wirklich elegant und man darf sicher sein, dass in Kürze eine feinere Formulierung gefunden wird. Viel wichtiger ist die Technik unter der dynamisch-modernen Hülle. Es geht um Reichweite, Aufladung, Motorleistung und natürlich Verfügbarkeit.

Eins vorweg, die fünf Seiten enthalten keinerlei Fakten. Bentley nennt Ziele und die sind recht vage formuliert. „Auch bei einem rein elektrisch angetriebenen Bentley wird es keinerlei Kompromisse hinsichtlich der von der Luxusmarke erwarteten Qualität, Eleganz und hohen Leistungsfähigkeit geben. Diese typischen Bentley-Merkmale wie sofortiges, müheloses Ansprechverhalten und Grand Touring-Reichweite werden mit den neuen, äußerst leistungsfähigen Technologien wie einem induktiven Schnell-Ladesystem und modernsten Onbord-Diensten kombiniert.“

Zum Thema Reichweite hat Bentley aufgeschrieben: „Ein Elektro-Bentley sollte beispielsweise mit einer einzigen Batterieladung von London nach Paris oder von Mailand nach Monaco fahren können.“ Das sind rund 350 Kilometer Strecke. Wie und wo aufgeladen wird, ist allenfalls eine Idee. Das Wort Induktion taucht auf, es soll also per kabellosem Energietransfer „getankt“ werden. Die Infrastruktur dazu ist noch nicht vorhanden, aber was nicht ist, ….

Ein Blick in den Innenraum verrät, wohin die Reise in puncto Design, Look and Feel gehen soll. Mehr Monitor, mehr digitale Bedienfelder, weniger Knöpfe, Schalter, also weniger Haptik. Eine Spur von Holz ist sichtbar, Leder gibt es rauen Mengen. Das Volant erinnert uns an die Fliegerei und im Grunde sehen wir ein Cockpit, dessen Ausrichtung dem Chauffeur gewidmet ist. Was uns wundert ist die recht hohe Mittelkonsole, also die klare Trennung zwischen den Sitzen.

Wagen wir ein Fazit. Dieser Bentley will uns den Blick in die Zukunft gewähren. Bentley wechselt die Spur. Vom Verbrenner zum E-Antrieb. Ganz im Sinne der Konzern-Mutter. Dass uns Crewe nicht mit Fakten elektrisiert, mag daran liegen, dass der EXP 12 6e nur eine Idee ist. Es kann aber auch daran liegen, dass man in Crewe noch keine Freigabe für ein E-Antriebs-Budget hat. Ein Blick auf die Produkte der Wettbewerber zeigt, dass Reichweiten um 300 Kilometer bereits seit Jahren machbar sind. Vielmehr stellt sich die Frage, wie potenzielle Kunden auf einen sportlichen Bentley reagieren, dessen lauteste Geräuschquelle die Reifen sind.

Text: Ralf Bernert
Fotos: Bentley