Bentley Continental GT V8 S: S wie schneller
Zwischen San Diego und Palm Springs liegen etliche Meilen besten Asphalts. Man kann darauf cruisen, ein wenig den V8 kitzeln und Windräder zählen. Exclusive-Life war im neuesten Bentley in Kalifornien unterwegs und hat die Sonne eingefangen.

 

Bentley-GT-V8-S-Aufmacher

 

Am Morgen, so gegen 07.30 Uhr, liegt der erste Kaffee schon satt im Magen. Auf dem Weg zum Frühstück begleitet mich ein kleiner Akrobat. Er summt wie eine Drohne, er springt in der Luft umher, als hätte er beste Laune. Kaum zehn Zentimeter lang und wild aber sehr rhythmisch mit den Flügeln schlagend. Ein Kolibri, als Wunder der Fortbewegung bekannt, wohnt hier in der Nähe. Er sucht und findet Blütenkelche, er steht in der Luft, er fliegt rückwärts, seitwärts und brummt vor sich hin. Beneidenswert und inspirierend. Ein Kraftpaket mit einem erstaunlichen Bewegungstalent.

So leicht und locker wie ein Kolibri ist ein Bentley kaum unterwegs. Seiner Historie und Tradition folgend, wird ein Bentley durch Kraft und optische Präsenz identifiziert und der neue GT V8 S macht da auf den ersten Blick keine Ausnahme. Bei genauerer Betrachtung fällt allerdings auf, das die Briten mit dem Coupé und auch dem dazu gehörigen Cabriolet eine leichte aber spürbare Wende vollziehen wollen. Beim Gewicht des GT V8 S hat sich im Vergleich zum GT V8 nichts geändert, fast 2,3 Tonnen wollen bewegt werden. Der Bentley ist natürlich noch immer kopflastig, der Allradantrieb macht den Briten auch nicht leichter, dazu viel Leder, viel Raum und sehr viel Blech. Die Kunst heißt Balance, Motorsteuerung, Kraftverteilung und ein schnelles Getriebe. All´ dies kann der GT V8 S. Und im Vergleich zum GT V8 kann er es spürbar besser. Die Kunst der Wirkung ist hier entscheidend.

 

Bentley-V8-S-1

 

Im Stadtverkehr, mitten in San Diego bewegt sich der Brite wie jedes andere Auto. Er provoziert Blicke, wie eben ein Brite Blicke in den USA anzieht. Er ist ein Sonderling, obwohl Bentley in den Staaten außergewöhnlich gute Geschäfte macht. Man mag das große Coupé aus Crewe, auch weil es wie kaum ein anderes Auto seine Klasse derart klar und doch nicht übertrieben zur Schau stellt. Uns begegnen diverse Mulsanne, GTC und Flying Spur.

Auf dem Freeway werden potenzielle Temposünder recht oft gewarnt. Man kümmert sich per Flugzeug und Hubschrauber um sie. Der V8 unter der mächtigen Haube arbeitet im Relaxe-Modus, vier Zylinder haben Bereitschaft, die anderen verrichten ihren Dienst. Der Wagen liegt satt auf der Straße, die Lenkung ist exakt und das Fahrwerk will die meisten Wellen im Asphalt von den Insassen fernhalten. Meist gelingt dies, aber der Sportler im GT V8 S kommt doch hier da durch. Der Kompromiss zwischen Komfort und Sport ist gelungen.

Irgendwann wollen die vier Bereitschaftszylinder an die Arbeit, der Gasfuß ruft sie zum Dienst. 528 PS werden wach und brüllen, heiser bellend, ihren Schlachtruf durch die beiden Endrohre, deren Design dem Überholten erklärt, dass da gerade ein Achtzylinder vorbei rauschte. Zwei liegende, in Chrom gerahmte Achten sieht man überall recht selten. Der Insulaner mit der gewaltigen Geschichte im Gepäck braucht eigentlich keine Insignien, das Flying B schwebt im Geiste mit, Walter O. Bentley würde die bloße Form des Continental zwar nicht so recht einordnen können, aber das Rezept wäre ihm bekannt. Viel Kraft, viel Masse und ein Drang zu sportlichen Betätigung, die heute in dieser Kombination sicher nicht mehr Erfolg versprechend ist, aber den Namen Bentley zurecht trägt.

Ein Aussichtspunkt. Palm Springs liegt weiter hinten. Ein großer See aus Häusern, eine Mauer aus Bergen. Kurz vorher haben wir ohne technische Hilfe mehr als fünfzig Windräder gezählt. Es gibt viele Pools in Palm Springs, warmes Wasser, Filteranlagen und TV brauchen Saft. Vor dem sehr teuren Ort hat sich eine gigantische Strumpfbandnatter in der Sonne ausgebreitet, zumindest sieht die Straße aus der Ferne so aus. Tiefschwarz mit gelben Streifen. Weiche und harte Kurven wechseln sich ab, der Asphalt verschwindet zwischen Felsen und schlängelt sich dann wieder durch eine kurze Ebene. Vor oben betrachtet muss hier das Herz des Bentley vor Vorfreude springen. Der Fahrer zückt den schweren Schlüssel, er verbringt ihn links neben dem Lenkrad in seiner Behausung und dreht ihn dann mit Nachdruck im Uhrzeigersinn bis acht Zylinder zum Dienst antreten. Der wuchtige Schalthebel wandert ganz nach hinten, dann nach links. Manuell ist angesagt. Zwei Schaltpadel werden mit Fingern bewegt. Jemand hat vorher die Luft geprüft, sie ist rein.

Jetzt ist Technik-Time. Acht ZF-Gänge, 680 Newtonmeter ab 1.700 Umdrehungen, 420 mm große Bremsscheiben aus Carbon-Siliziumkarbid, 10 mm tiefer als der GT V8, Spur und Sturz optimiert, Stabilitätsprogramm optimiert. Monaco Yellow kommt auf dem Asphalt sehr gut. Der Minivan mit Fotograf und Video-Kameramann fährt vor und müht sich redlich. Die beiden Jungs sind angeschnallt, die Hecklappe ist gesichert und die erste Runde dient der Arbeit. Nah ran, wieder zurückfallen lassen, den Motor auf Touren bringen. Zwei Daumen sind irgendwann in der Luft. Der Van macht sich aus dem Staub, der Bentley rennt los und wenn die Straße wirklich eine in der Sonne dösende Schlange wäre, hätte sie spätestens jetzt die Faxen dicke. Das Coupé lässt sich auf die Kurven ein, nutzt die kurzen Geraden zum Anlauf, lässt sich dann sehr exakt in die Kurven stellen, die Bremsen arbeiten mit Nachdruck und lassen sich sehr präzise dosieren, die Lenkung darf man ebenfalls loben. Dass der schwere Wagen seine Masse nicht verleugnet ist klar, die Bremspunkte liegen im Vergleich zu leichteren Fahrzeugen natürlich weiter hinten. Aber die Wucht und die gleichzeitige Ruhe des Coupés ist beeindruckend. Kein Springen, kein Versetzen. Der Wagen lässt sich sauber und sicher dirigieren, die Kraft des Motors wird stärker auf die Hinterräder gelenkt, ein leichtes Übersteuern ist spürbar, man könnte driften. Nach zwei Runden, rauf und runter werden die Reifen langsam müde, die Bremsen sind noch im Dienst, der V8 S wird auf dem Parkplatz abgestellt und von etlichen Touristen umzingelt und fotografiert. Der Farbe wegen und auch wegen der kleinen Show. Nur Polizisten mögen das nicht.

Nach gut acht Stunden Kalifornien, mit einem GT V8 S in Monaco Yellow. Diversen, kurzen und längeren Sprints, recht langen Atempausen für vier Zylinder (wer entscheidet eigentlich welche Zylinder Pause haben?) und Zurücklehnen in sehr bequemen Sesseln mit reichlich Seitenhalt, dem fast schon traditionellen Streicheln von Holz, Leder und Aluminium werden die schweren Türen des Bentley von Außen geschlossen. Der Kolibri ist immer noch wendiger, kunstvoller und irgendwie bezaubernd. Der GT V8 S ist agiler, schneller und insgesamt sportlicher als der GT V8.

 

 

Die technischen Daten (laut Hersteller):
In Klammern die Werte für den GTC

Motor: V8 Doppelturbo
Leistung: 389 kW/528 PS bei 6.000 Umdrehungen
Drehmoment: 680 Nm ab 1.700 Umdrehungen
Getriebe: 8-Gang-Automatik mit Quickshift
Antrieb: Allrad, 40:60

Leergewicht: 2.295 kg (2.470)
Kofferraum: 358 Liter (260)
Tank: 90 Liter

Maße:
Länge: 4,806 mm
Breite mit Spiegel: 2.227 mm
Höhe: 1.394 mm (1.403)

Wendekreis: 11,3 Meter
Fahrleistungen:
0-100 km/h: 4.5 Sekunden (4,7)
Top-Speed: 309 km/h (308)

Verbrauch kombiniert: 10,6 Liter /100 km (10,9)
CO2: 246 g/km (254)