Austin Healey 3000 MK II: Classic Talking

 

Austin-Healey-3000-Titel

 

Die ersten Kilometer sind immer sehr spannend. Bis der Motor seine optimale Temperatur erreicht hat, die Bremsen und die Lenkung die ersten Manöver gemeistert haben und der Fahrer mit der über vierzig Jahre alten Technik so richtig plaudern kann.

Exclusive-Life hat ein langes und sonniges Wochenende mit einem Austin Healey 3000 MK II in den Bergen rund um St. Moritz verbracht. Gesprächsstoff gab es dabei mehr als genug.

 
 

Ein 2-Tonnen-SUV brachte uns in die Schweiz. Mit Tempomat, Klima, Navi, Servo und einem kleinen Rechenzentrum als Koordinator der gesamten Elektronik an Bord. Hoch über den Dächern der Autobahn mit Blinklicht im Außenspiegel, falls sich ein Verkehrsteilnehmer in den toten Winkel wagt. Gemütlich, schnell und entspannt erreichen wir ein kleines Städtchen nahe Zürich. Autotausch ist angesagt.

Der SUV wird nun das gesamte Wochenende zwischen den kleinen Ort und Zürich verkehren, als Luxus-Hightech-Transporteur. Und wir steigen ab in die edel-sportlichen Niederungen der britischen Roadster der 60er Jahre. Ein Austin Healey 3000 MK II wird unser treuer Begleiter sein. Ohne Computer-Technik, 245er Reifen, Einspritzanlage und kitschige LED-Leuchten.

Stattdessen erfreuen unsere anglophil-romantische Gesinnung klappernde Türen, ein riesiges Holzlenkrad, störrische Pedale und eine Karosserie, die nicht britischer sein kann. „Nach dem Tanken unbedingt an den Zusatz denken. Bleifrei schadet der Maschine. Den Overdrive im dritten oder vierten Gang bei ca. 1.500 Umdrehungen ohne Kupplung einschalten. Und bitte, bitte nicht höher als 2.500 drehen. Der Motor ist älter als Sie. Und Sie werden in Ihrem Alter auch keine Rekorde mehr brechen. Die Technik ist geprüft, geschmiert und läuft wie ein Healey eben läuft.“

Und wie der läuft, stellen wir keine zehn Minuten später fest. Wer täglich einen Kugelschreiber nutzt und dann eine klassische Feder zur Hand nimmt, weiß wovon hier die Rede ist. Mechanik pur trifft auf die verweichlichte Elektronik-Generation. Der Healey kommuniziert klar und deutlich. Ohne Filter, Dämmstoffe oder Sound-Engeneering. Die Lenkung ist weder direkt noch leichtgängig. Das Zwei-Hände-Prinzip war nie besser. Vor allem bei Schritttempo kann das Volant nicht groß genug sein. Erinnerungen an die ersten Golf GTI mit Bierdeckel-grossen Sportlenkrädern und 225er Reifen werden wach.

Unser Brite läuft durch den Ort. Ausnahmslos alle Bewohner wissen nun, dass der Healey in Richtung Süden unterwegs ist. Die Gänge werden mit einer Mischung aus Neugier und Furcht vor ramponierten Zahnrädern eingelegt, Runterschalten erinnert uns an die ersten Fahrstunden im MAN Baujahr 1953. Synchronisierte Getriebe waren in den 50er Jahren der totale Luxus. Die Kupplung musste damals weit mehr leisten als heute. Also Kupplung rein – Gang raus – Kupplung raus – Zwischengas – Kupplung rein – Gang rein – Kupplung raus. Wenn`s klappt, freuen sich Technik und Zuhörer.

Die Autobahn in der Schweiz ist Oldtimer-tauglich. Das Tempolimit sorgt für feedback und entspanntes Fahren. Unser Tempo ist geheim, die Tachonadel kann sich nicht festlegen. Wir schätzen Tempo 120. Ein Pärchen in einem zeitgenössischen SL schaut zu uns rüber. Der Motor des Stuttgarter Automobils läuft kaum hörbar, während wir jede Bodenwelle und jede Unebenheit persönlich begrüßen, werden im SL nebenan alle Unannehmlichkeiten der Umwelt fein und säuberlich durch das Fahrwerk aussortiert. Das nennt man auch Komfort.

Wir steuern das erste Highlight unserer Reise an. Die Schweizer Tunnel. Das erste Exemplar bietet 200 Meter zum Testen. Kurz vor dem Tunell, wie die Schweizer sagen, runter mit der Drehzahl und der Geschwindigkeit. Dann in den ersten Gang und beschleunigen. Vorher natürlich Verdeck runter. Erster Gang, zweiter Gang und die Sonne hat uns wieder. Was für ein Hörspiel. Drei Liter Hubraum, sechs Zylinder und eine Akustik die vor vierzig Jahren unzählige Herrenfahrer in rauschartige Zustände versetzt hat.

Die nächste Fahrt durch einen Berg wird leider durch ein Haus auf Rädern vor uns und einen LKW hinter uns abgebremst. Aber der Weg nach St. Moritz unserem Ziel ist weit, die Schweizer haben ausreichend viele Röhren durch die Alpen getrieben, das Radio hat Pause, das Getriebe, die Kupplung und das Volant werden in den kommenden zwei Stunden kaum zur Ruhe kommen. Wir steuern gezielt kleine Bergstrassen an.

Und die haben es in sich. Auf zehn Kilometer gefühlte einhundert Kurven. Spitz, eng, offen, geschlossen und manchmal gefährlich. Der Healey kämpft mit den Steigungen. Oft schafft es der kleine Brite nur bis zum zweiten Gang. Fehlzündungen kündigen uns schon Minuten vor der Ortsdurchfahrt an. Und es macht Spaß. Mit jeder Kurve wächst die Routine, die Bremsen werden so weit wie es geht geschont, ein Auge beobachtet ständig die Anzeige der Wassertemperatur. Vor jeder Linkskurve wird über die Fahrertür nach entgegen kommenden Autos Ausschau gehalten. Bei freier Fahrt wird geschnitten, was das die Fahrbahn hergibt.

Das Ziel ist erreicht. Der Healey lief wie ein Uhrwerk. Wir rollen auf den roten Teppich vor dem Suvretta House. Der Doorman freut sich über den blauen Briten. Wir lassen dem Roadster nun seine Ruhe. Er wird die Bergluft genießen und wir freuen uns auf die Rückfahrt. The pig, wie ihn Stirling Moss`Schwester Pat nannte, wird auf den nächsten Ausflug in die zweite Heimat des Big Healey.

 

 

Ein paar Fakten:

Motor: 6-Zylinder Reihe

Leistung: 132 PS

Vergaser: 2 SU

Hubraum: 2,912 Liter

Getriebe: 4-Gang plus Overdrive

Leergeewicht: 1141 kg

Sitze: 2+2