Vier Blätter bitte. Das Glück ist mit den Tüchtigen und bei Alfa ist man tüchtig, vor allem, wenn es um wirklich besondere Autos geht. Den 4C hatten wir schon, jetzt ist der kräftige Stelvio dran. 510 PS und reichlich Lust unter der Haube.

Fahrbericht Alfa Romeo Stelvio Quadrifoglio – Foto: Alfa Romeo

Das Stilfser Joch, jenes Asphalt-Gedärm, das Tirol mit der Lombardei verbindet und das jedem Autofahrer entweder ein Höchstmaß an Entsetzen oder den ultimativen Höhepunkt an positiver Emotionalität verschaffen kann, ist der Patron des Stelvio. Bei Alfa hat man eben ein Herz für Dramaturgie. Stelvio oder Stilfser Joch ist eine Passstrasse, deren Windungen auf fast 2800 Meter führen, wenn man aus Tirol kommt und die einen in den Wahnsinn treiben, wenn man einen Teutonen mit seinem Wohnmobil oder, noch schlimmer, einen Reisbus vor sich hat. Er kann aber auch die höchste Form der Mobilität bieten. Genau dann, wenn man das große Glück hat, dass die Passstrasse so leer ist, wie eine deutsche Autobahn während der Ölkrise in den 70er Jahren. Leider, leider. Wir konnten den Stelvio mit seinem bärenstarken Motor nicht den Stelvio hinauf laufen lassen. Wir holen das nach. Versprochen.

Ein ästhetisches Ausrufezeichen ist der Stelvio nicht, auch der Ferrari-Motor unter der Haube motivierte die Gestalter des umfangreichsten Alfa nicht wirklich. Die vier Endrohre, die Kleeblatt-Sticker, die Lüftungsöffnungen auf der Motorhaube oder der Diffusor am Heck zeugen von der Notwendigkeit wegen der 510 PS und den damit verbundenen Fahrleistungen, aber im Grunde bleibt der SUV von Alfa ein eher schüchterner Kollege. Im Vergleich zu Modellen der Mitbewerber ist er auf alle Fälle ein unauffälliger Nice Guy, was vor allem im urbanen Strassenverkehr von Vorteil sein kann, wenn man sich von den üblichen Hardcore-Sport-2-Tonnern unterscheiden will.

Alfa Romeo Stelvio Quadrifoglio – Reichlich Querdynamik

Im Innenraum sieht´s beim Kleeblatt-Stelvio schon anders aus. Vor allem die vorderen Sitze weisen auf reichlich Querdynamik hin. Man wird, dank reichlich Seitenhalt, nicht in jeder Kurve den nächsten Haltegriff suchen. Trotzdem sitzt man erstaunlich bequem. Das Instrumentarium ist übersichtlich, ein wenig klassisch wegen der Rundinstrumente vor der Steuer. Ferrari grüsst links unten am Volant. Alles hat seinen Platz, der so wichtige Modus-Drehschalter sitzt in Griffweite, ein paar Funktionen sitzen am Lenkrad und der Monitor oben an der Mittelkonsole zeigt alle wichtigen Einstellungen. Der Wagen ist gut vernetzt, das Smartphone ist ruckzuck verbunden und alles andere findet sich ohne langes Blättern im Handbuch. Der Stelvio in seiner stärksten Ausprägung ist kein Rätsel, keine nur den Fachleuten ergiebige Quelle an Fahrfreude. Er ist das, was man ein modernes, intelligentes und emotionales Auto italienischer Herkunft nennen sollte.

Den Motor startet man per Druck auf den kleinen, runden Knopf am Lenkrad links unten. Der V6 erwacht ohne Fanfare oder sonstigen Weckruf gegen die noch schlummernde Nachbarschaft. Er läßt seine Umgebung in Ruhe, es sei denn, man dreht den Modusschalter auf Sport plus und tritt dem Gaspedal heftig ins Genick. Dann rennt dieser eben noch so unscheinbar wirkende Südeuropäer los wie ein Fluchtwagen nach einem sehr ergiebigen Banküberfall. Hinten liegen 550 Liter Beute, davor sitzen zwei Komplizen sehr kommod auf bestem Leder und davor Pilot und Co. Es geht sehr sehr schnell voran, die Polizei kommt kaum mit, vor allem immer dann wenn es aus langsamen Kurven wieder geradeaus geht und die 510 PS so richtig ins Arbeiten kommen. Die Automatik sortiert schnell, präzise und von Zugkraftunterbrechung keine Spur. Und sollte ein veritabler Feldweg mit erkennbar rutschigem Untergrund auftauchen, der Allradantrieb plus Differenzial plus mehr Watttiefe eines durchschnittlichen Dienstfahrzeuges der Polizei sollte als Ausweg aus der Flucht helfen. Das soll nicht heissen, dass der Stelvio Quadrifoglio potenziell als Fluchtwagen zu empfehlen ist. Bei einem Tank von 64 Liter Fassungsvermögen und einem Flucht-Verbrauch von geschätzten 15 Liter, wäre die Hatz nach 400 km vorbei. Es sei denn, die Polizei ist mit einem E-Auto deutscher Bauart unterwegs. Dann wäre nach 100 Kilometern eine sechsstündige Ladepause angesagt. Durchatmen für die Stelvio-Crew.

Alfa Romeo Stelvio Quadrifoglio – Foto: Alfa Romeo

Zurück in die Realität. Wir haben nach rund 1000 Kilometern Fahrerei überlegt, was der Stelvio mit 510 PS besonders gut kann. Eine Menge. Natürlich kann er so richtig aus sich raus gehen. Sprich, die Kräfte des V6 plus Turbo sehr, sehr sauber auf die Strasse bringen und dort auch halten. Selbst harte Manöver durch enge Kurven kann er ohne Zucken. Natürlich sind da 1900 Kilo Masse, natürlich ist da ein höherer Schwerpunkt und natürlich ist da ein Fahrkomfort, den man nicht einfach über Bord wirft. Das Fahrwerk ist auf Spreizung ausgelegt, also kein reiner Spezialist und deshalb immer ein wenig weicher, als es eine Spitzkehre eigentlich bräuchte. Das Stilfser Joch hinauf oder hinab jagen ginge natürlich, aber ein 4C wäre da die deutlich bessere Wahl.

Dafür kann der Stelvio sehr souverän lange, geschwungene Kurven, er kann unsere Autobahn mit Tempo 250 und mehr bereisen und er kann bei Tempo 160 so richtig nach vorn rennen, bis der blinkende, nervende Hintermann nur noch ein Männlein im Spiegel ist. Und er kann sehr gemütlich, leise und fast präsidial durch die Stadt rollen. Er sieht zwar nicht wie ein Luxus-SUV aus, aber er hat die Eigenschaften dazu. Ok, die Bar im hinteren Teil fehlt und die Schuhe verschwinden nicht im Hochflor-Teppich. Aber dafür trägt er ein vierblättriges Kleeblatt auf den Seiten und man darf behaupten, dies sind die schnellsten Kleeblätter der Welt.

Fotos: Alfa Romeo und Ralf Bernert

Die technischen Daten laut Hersteller:
Motor: V6 BiTurbo
Hubraum: 2.891 ccm
Leistung: 375 kW / 510 PS bei 6.500 U/min
Drehmoment: 600 Nm bei 2.500 U/min
Antrieb: Allrad
Getriebe: 8-Gang Automatik

Maße:
Länge: 4,702 mm
Breite (mit Spiegel): 1.955 mm (2.163)
Höhe: 1.681 mm
Radstand: 2.818 mm
Leergewicht mit Fahrer: 1.905 kg
Zuladung: 555 kg
Gepäckraum: 525 Liter
Tank: 64 Liter

Fahrleistungen:
0-100 km/h: 3,8 Sekunden
Top Speed: 283 km/h

Verbrauch und C02 nach RL 80/1268/EWG):
kombiniert: 9,0 l/100km
CO2: 210 g/km

Preis in Deutschland ab: 89.000,00 Euro inkl. MwSt.