75 Jahre Jaguar: Von der Schwalbe zur Raubkatze

Es gibt viel zu erzählen. Man kann am Kaminfeuer sitzen und ganze Wälder verheizen und die Geschichten über die britische Automarke Jaguar wären immer noch nur eine Skizze.
Jaguar feiert 75 Jahre Emotion auf Rädern.

Coventry/Hamburg/St. Moritz im August und September 2010

Die Strasse scheint endlos, der schnittige Sportwagen rauscht vorbei und verwandelt jeden einzelnen Baum in einen Zuschauer, der sich mit Hilfe des Windes vorsichtig zunächst verneigt und sich dann ebenso sportlich wie begeistert nach dem schnellen Briten umdreht. Seine Blätter wedeln im Wind, den der Jaguar eben noch vor sich her schob und später, wenn die Silhouette des Zweisitzers fast nicht mehr zu sehen ist, wenn der ruhige und athletische Klang seines Motors nur noch eine feine Melodie ist, dann fallen sie zu Boden, als wollten sie auf dem grauen Asphaltteppich auf den nächsten Wagen warten.

Die Geschichte beginnt so um 1919. Damals waren Automobile noch etwas Besonderes, sie waren echte Visitenkarten. Manche aus einfachem Papier mit schwarzer Tinte bedruckt, in andere hatte ein Prägestempel den Namen in fetten Lettern gestanzt. William Lyons war ein Prägetyp. Seine Vorliebe für Motorräder, sein Faible für Geschwindigkeit und seine Augen für feine Linien transportierte ihn in die Welt der ganz besonderen Visitenkarten. Visitenkarten, die man sammelt, die man in silberne Schalen legt und die man auch nach vielen Jahren noch gerne in die Hand nimmt, um jeden einzelnen Buchstaben mit dem Auge nachzuzeichnen und um das weisse Papier zwischen den Fingern hin und her zu bewegen.

Bis die Strassen von Lyons´ ersten Werken bemerkt wurden, musste ein wütender Krieg ganz Europa verwüsten. Lyons befreite elegante Seitenwagen von ihrem Dasein als Beiwerke an Motorrädern. Er gründete mit William Walmsley eine kleine Manufaktur, setzte ersten Ideen seinen Stempel auf, taufte einen sehr sportlichen Wagen auf den Namen SS One. Die Figur des Wagens verriet schon damals wohin die Reise gehen sollte. Noch heute kann sich niemand einen Sportwagen von Jaguar ohne eine betörend lange Front vorstellen. Die Kraft des SS 100, der einige Jahre später für Bewunderung sorgte, sollte nach dem zerstörerischen Krieg in einer Komposition gipfeln, die bis heute als Keimzelle aller Automobile von Jaguar gilt. Der Jaguar XK 120 als erreichbarer Traum junger Menschen, die in unzähligen Filmen den Insassen eines XK unbedingt nacheifern wollten. Ob Südfrankreich, Kalifornien oder der mitten in England, die berauschende Wirkung der fast perfekten Symbiose aus Kraft, Design und Stil hat in den Fünfziger Jahren nicht nur Automobilfetischisten beflügelt.

Mit dem Xk hätte die Liaison zwischen Jaguar und Lyons eigentlich aufhören können. Die Kunst der Verbindung von Eleganz und Kraft war belegt. Lyons schickte sein Meisterstück nach Frankreich, vorher kleidete er ihn neu ein. Als C- und D-Type, maskiert und im Falle des D-Type mit einer beeindruckenden Flosse hinter dem Fahrer weiter optimiert. Sportler aus Coventry fuhren der Konkurrenz davon, siegten am laufenden Band und kehrten mit höchsten Weihen zurück auf die Insel. Wer in Le Mans siegte, war nicht nur schnell, sondern auch zuverlässig. Mehr Glanz ging damals nicht. Ein besseres Verkaufsargument konnte kein Verkäufer aufzählen. Die Lorbeeren machten sich bemerkbar, der E-Type, ausgerüstet mit dem XK-Motor, wurde das Autos des nächsten Jahrzentes. Die 60er gehörten dem betörenden Leib des Sportwagens, für den Jaguar eigentlich keine Verkäufer beschäftigen musste. Mehr als 70. 000 E-Type verliessen das Werk, viele sind noch heute unterwegs und verwandeln unsere Strassen in Laufstege.

Grand mit Vieren
Willioam Lyons baute nicht nur Limousinen, Lyons kreierte sie, machte ihnen Beine, zog ihnen die richtigen Kleider an und verpasste ihnen einen Nimbus. Der MK II, als sportlichste Limousine ihrer Zeit hetzte beim Motorsport durch die Kurven, setzte auf der Geraden Maßstäbe und begründete die Gilde der Sportlimousinen, lange bevor man in Stuttgart merkte, dass vier Türen nicht nur zum Taxi taugen. Der MK II 3.8 macht noch heute bei Oldtimer-Events eine gute und sehr agile Figur. 220 PS waren Ende der 50er Jahre eine Sensation, heute begeistert der Viertürer durch zeitlose Eleganz. Wer einer zeitgenössischen Limousine die Schau stehlen will, fährt im MK II vor. Oder in einem frühen XJ, der anfangs auch mit dem Reihensechszylinder unterwegs war, später den legendären V12 unter der mächtigen Haube trug. Ein Auto, das dank seiner äusseren Ruhe ein Ausrufezeichen auf die Autobahnen dieser Welt zeichnete. Im Rückspiegel sah man die Katze eher selten. Sie sprang vorbei, ohne Fauchen, ohne Gebrüll und vor allem ohne Mühe und verschwand.

Juli 2010. St. Moritz, Schweiz. Der Jaguar ist eigentlich ein Einzelgänger. Hier oben auf rund zweitausend Meter Höhe sind mehr als einhundert Jaguar unterwegs. In allen Farben, Größen und Varianten. Vom SS 100 bis zum aktuellen XK reicht die Bandbreite. Sie erobern die kahle Schweizer Bergwelt, oberhalb der Baumgrenze tanzen die schlanken E-Types ihren Vorteil aus, die Typologie aus Coventry setzt sich zum Alphabet der britischen Lebensart zusammen. Wer begreifen will, wie William Lyons seine Autos verkauft hat, muss hier oben zunächst in die Autos schauen und dann die Zuschauer beobachten.

Am Strassenrand, an den Haustüren und in den modernen x-beliebigen Automobilen sieht man die Strategie oder besser die Idee des cleveren Briten. Sportlich, elegant, stilvoll und auch erreichbar. Ein Rolls-Royce Phantom mag über allen Autos schweben, ein MK II hat immer eine offene Tür für den Träumer. Es sind bezahlbare Träume, seit mehr als 75 Jahren. Zwischen den Klassikern bewegen sich moderne Interpretationen der Ideen  des William Lyons. Sie mögen nicht jedem gefallen, sind aber  Teil der Geschichte von Jaguar. Sportlich, elegant und mit allen notwenigen britischen Tugenden ausgestattet. So wie man es aus Coventry gewohnt ist.

Text: Ralf Bernert

Fotos: Ralf Bernert/Jaguar/swiss-image.de