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Fahrbericht Porsche 911 S 2.2 Targa

Fahrbericht Porsche 911 S 2.2 Targa – Kinderkram auf Rädern

Fahrbericht Porsche 911 S 2.2 Targa: Foto: Ralf Bernert

Melancholie passt so gar nicht. Autos sind Männersache, Autoträume sind Jungssache. Kolben und Buchsen, Krümmer und Endrohre, Vergaser und Einspritzer, Handschalter und Rundinstrumente, alles Technik, alles analog, fast alles von gestern. Deshalb der Rückblick mit Melancholie und der Rückspiegel hängt in einem Ur-Elfer mit Targadach. Kinderkram und Jungens-Traum.

Man war so um 13 oder 14 Jahre alt. Musik war noch kein Thema, es sei denn sie kam aus dem Hintern eines Ferrari, Porsche oder Aston Martin. Nie waren akustische Verdauungs-Geräusche schöner und spannender. Man kannte sie aus dem TV. Die Zwei, zum Beispiel. Roger und Toni im Jungs-Paradies. Niemals waren vorpubertäre Träume schöner. Dann war da noch Margret Dünser, die Erfinderin des VIP-Jounalismus, deren Exkursionen in die Welt wirklich niemals wieder derart stilvoll und zugleich emotional aufgeführt wurden. Mit all diesen Phantasiegestalten konnte man so wunderbar im Kopf verreisen und der Lebensentwurf wurde von Feuerwehr-Hauptmann, Lokführer oder Dachdecker befreit. Es lebe der Lebemann mit Porsche.

Fahrbericht Porsche 911 S 2.2 Targa – Klapp, klapp und weg ist das Dach

Ein 911 S 2.2 mit Targa-Dach, Geburtsjahr 1970, steht da und will reden. Über Vergangenheit, über Kindheit, Sehnsüchte, Phantasie und die Einfachheit des Porsche-Fahrens. Ein paar Knöpfe, Rundinstrumente, das Dach ist so schnell entfernt und verstaut, man glaubt es kaum. Das wunderbare Schauspiel des aktuellen Targa ist sicher eindrucksvoller, dem Akt eines Theaterstückes gleich, aber der Ur-Targa kann das noch besser. Er schaut zu.

Fahrbericht Porsche 911 S 2.2 Targa – Foto: Ralf Bernert

Handgriffe, klapp, klapp. Vorne rein und dann ist da der Himmel über Stuttgart. Ein Stück nur, ein Rechteck aus Blau und Weiß. Eine Brise kitzelt die Kopfhaut, Fenster runter. Wieder Handarbeit. Noch nie wurden Stellmotoren weniger vermisst. Sitz schieben, Lehne mit der Rückenmuskulatur platzieren. Schlüssel drehen, sachte Gas geben. Kupplung, Gang rein, Kupplung kommen lassen, ein wenig mehr Gas und der alte Herr rollt los.

Es dauert eine ganze Weile. Zuerst sind die Bilder im Kopf. Der Parkplatz gegenüber des Fensters, aus dem Kinderzimmer konnte man den Porsche sehen. Sein Hinterteil, die kleinen Rückleuchten, die silbern glänzende Chromstange mit dem schwarzen Gummi darüber, das winzige Auspuffrohr, wie ein Strohhalm so dünn. Morgens kurz vor dem Gang zur Schule kam er aus seinem Haus. Ein paar Meter zum blauen 911, der Schlüssel rastet ins Schloss, eine Selbstverständlichkeit. Als wäre der Porsche ein Ford oder Opel.

Nach gut 30 Sekunden springt der Motor an, das Geräusch erinnert ein klein wenig an einen Käfer. Aber mit dem ersten Gasstoß erledigt sich die Nähe zum Volkswagen. Die Mutter streicht selbstgemachte Marmelade auf die Brotscheibe und ruft zum Frühstück. Es wird Zeit. Die Rückleuchten sitzen so schön sauber nebeneinander. Puzzle-Teile und in der Mitte die kleinen, schmalen, weißen Rechtecke. Das Signal zur Abfahrt. Letzter Aufruf aus der Küche. Milch, Kakao-Pulver, Marmeladenbrot und der Porsche ist weg.

Fahrbericht Porsche 911 S 2.2 Targa – Jede Kurve eine Szene

Der Weg zur Schule war kurz, zwei Kilometer, zu Fuß. Zeit zum Träumen, aufwachen, über Hausaufgaben nachdenken, Andrea aus der Parallelklasse nachschauen und dann ist da der 911 Targa. Oft genug sitzt du hinter dem Steuer, legst den ersten Gang ein und zählst die Bäume auf beiden Seite der Allee. Du läßt den Boxermotor laufen, der Fahrtwind verwandelt die Haare in einen Schleier, die Drehzahlen pendeln zwischen zwei und viertausend Touren, jeder Gang ist ein Kapitel, jede Kurve eine Szene und jede Gerade danach eine spannende Überleitung zu nächsten Kurve. Du bist Geschäftsmann, Anwalt oder Journalist auf der Suche nach der nächsten Story.

Fahrbericht Porsche 911 S 2.2 Targa: Foto: Ralf Bernert

So geht das einige Monate. Bis der 911 verschwindet und durch einen anderen offenen Wagen ausgetauscht und vermisst wird. Es war der Klang des Motors, die einfache und besondere Form der Karosserie, die kleine Zeremonie der Selbstverständlichkeit. Tür auf, lässig hineinrutschen, Tür zu. Der Motor läuft an und das Schauspiel nimmt seinen Lauf.

Das Haus mit dem Fenster zum Parkplatz ist Geschichte. Der Porsche vermutlich auch. Etliche Jahrzehnte später steht ein Zwilling dieses 911 vor dem Porsche-Museum in Stuttgart. Ich bin Journalist und steige auf der linken Seite ein.

Das Dach ist wirklich kein Thema. Es läßt sich falten und passt wie angegossen unter die Fronthaube. Der Himmel blau, ein paar neugierige Wolken, das Rechteck über mir reicht völlig aus.
Scheibe kurbeln, Sitz schieben, Rückenlehne ziehen, Gurt anlegen. Dies alles geschah Mitte der 70er im Verborgenen. In der Vorstellung eines Teenagers kurz vor dem Frühstück. Und nun, man ist Mitte 50, verschwindet der Vorhang der Erinnerung, der Phantasie.

Der Zündschlüssel rastet ein, wird gedreht, vorher ganz vorsichtig den Fuß auf das Kupplungspedal, durchtreten. Und den Schalthebel nicht vergessen, von links nach rechts rütteln. Wenn mir der Wagen hier im Blick der Öffentlichkeit mit einem Sprung nach vorn absäuft, werde ich im Erdboden versinken. Alles gut, wir rollen los, ein Kreisverkehr mit Ampel, ein paar Schaltversuche mit störrischem Widerstand. Stuttgart, du Anti-Autostadt, Du Kessel Buntes mit schlimmer Luft, ich fahre aus Dir heraus, hinein in die Idylle des Schwabenlandes. In einem Porsche, den ich seit 40 Jahren als Kindertraum kenne.

Fahrbericht Porsche 911 S 2.2 Targa – Foto: Porsche

Der Mensch vergleicht leider viel zu oft. Der letzte Elfer, der nagelneue GTS, sitzt noch im Kopf. Mit Hinterradlenkung, perfektem Turbo, Doppelkupplungsgetriebe, digitaler Bedienung und so weiter. Und jetzt das absolute Gegenteil. Digital ist ein Gespenst. Alles analog. Die Lenkung, das Fahrwerk, das Getriebe, die Benzineinspritzung, das Radio. Nummer 911 lebt!

Irgendwie mach man alles wie in Zeitlupe. Mit Bedacht. Dieser Wagen ist immerhin ein Museums-Stück. Menschen betrachten ihn in seiner Friedfertigkeit, wie er so da steht. Hinter einer Absperrung. „Bitte nicht anfassen!“. Jetzt sitzt du da drin und fährst mit ihm weg.

Die ersten Kilometer gehören der Nostalgie, der Melancholie, der Gefühlswelt. Der Boxer im Hintergrund säuselt fast, Vorfreude auf Drehzahlen. Bremse, Lenkung, Getriebe, Dämpfer. Eine Familie. Filigran im Vergleich zu den Nachfolgern. Nie war er smarter, eleganter, klarer und handlicher. Die Füchse an den Rädern, die kleinen „Bumper“, der Silberkragen, der Ansatz eines hinteren Radlaufes, dessen Kurven fast schüchtern bis zu den feinen Rückleuchten laufen. Der ganze Wagen eine Message. Leicht und schnell. Aus diesem Porsche springt man hinaus und wieder hinein. Ohne Kino. Der Sound des Motors, diese Spur feiner, mechanischer, nach Öl und Metall klingend. Ein paar Ingenieure haben lange gegrübelt, ausprobiert und gelernt. Der Ur-Elfer soll kräftiger, moderner, einfacher, sicherer und eleganter sein.

Der Teppich im Boden sieht lausig aus, der Schalthebel wirkt wie ein Spielzeug, das Vierspeichen-Lenkrad ist so unglaublich leer, die Antenne bleibt im Versteck, das Radio na ja. Überhaupt, die ganze Instrumententafel. Sie wirkt einfach, fast billig. Das Genie steckt im Hintern. Raus aus der Parklücke, auf die Strasse. Eine Gerade, ein paar LKW fahren näher ran. Fast Tuchfühlung. Und dann der Motor, vier Tausend, fünf Tausend, schalten, noch mal bis auf fünf, fast an die sechs. Der LKW-Fahrer grüßt per Fernlicht. Der kleine Elfer rennt los, wie ein Junge, dem man einem Fußball zugespielt hat. Immer in Richtung Tor. Das Leuchten in den Augen ist unbezahlbar.

Fahrbericht Porsche 911 S 2.2 Targa – Foto: Porsche

Und dann die Kurven. Bleiben wir bei der Metapher Fußball. Der Targa kann Kreise um die Abwehrspieler laufen und kommt noch nicht einmal aus der Puste. Natürlich kommt das Heck, nicht explosionsartig, eher wie bestellt. Die Lenkung wird beim Beschleunigen natürlich leichter, aber es passt immer noch. Top Speed verbietet sich und muß nicht sein. Eher die Beschleunigung, die Stimme, die leichten Vibrationen, die Aufregung hinter dem Steuer. Fahrfreude, Laufruhe, Sport, Alltag. Dieser Porsche kann und will dir den Feierabend schmackhaft machen. Und der Nachbar aus den 70ern wird mir zustimmen. Was damals für ein Kind ein blaues, spannendes Auto plus Fahrer war, ist heute für einen Tag mehr als nur Kinderkram. Es ist die reale Welt plus der Erkenntnis, dass die Vorstellungskraft eines 13-Jährigen tatsächlich sehr nah an die Wirklichkeit heran reichen kann. Der Elfer vom Parkplatz ist Geschichte, der Tag mit dem Targa auch. Beides bleibt.

Und hier noch zur Orientierung ein paar Porsche der Neuzeit:

Fahrbericht Porsche 911 GTS
Fahrbericht Porsche 911 Turbo S Coupé
Fahrbericht Porsche 911 GT3

Text: Ralf Bernert
Fotos: Ralf Bernert / Porsche

Technische Daten (laut Hersteller):

Porsche 911 S 2.2 Targa
Baujahr: 1970
Motor: 6-Zylinder Boxer
Hubraum: 2.195 ccm
Leistung: 132 kW / 180 PS bei 6.500 U/min
Drehmoment: 199 Nm bei 5.200 U/min
Leergewicht: 1.110 kg
Top Speed: 225 km/h
0-100 km/h: 8,0 Sekunden

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