Fahrbericht Mercedes-Benz S 63: Auf dem rechten Weg

Fahrbericht Mercedes-Benz S 63: Auf dem rechten Weg
Man kann sich das jetzt aussuchen. Standard oder auf allen Vieren. Mit 585 PS und 900 Newtonmeter kann der S 63 aus dem Hause AMG eine Menge bewegen. Exclusive-Life hat das ausprobiert. Zwischen Salzburg und Kitzbühel, damit die Bergwelt auch was von der Kraft-Komfort-Schwaben-Maschine hat.

 

Foto: Ralf Bernert

Foto: Ralf Bernert

 

Irgendwie geht´s ja am Anfang fast immer bergauf. Wie schön, wenn man dann ausreichend Kondition, Kraft und Haltung mitbringt. Die neue S-Klasse, vor ein paar Wochen noch mit uns in Kanada auf Reisen, wurde in Affalterbach einem Fitness-Programm unterzogen und hört nun auf den kurzen und knackigen Namen „S 63“, was ein wenig in die Irre führt. Denn die Zahl 63 suggeriert einen Hubraum, den der S 63 nicht anzubieten hat. Ein überaus akkurater Mensch würde die AMG S-Klasse „ S 5461“ nennen. Aber das klingt weder knackig noch kurz. Es klingt nach einem internen Verrechnungskonto. Vielleicht „Spesen der Kostenstelle 5461“ und das geht nun gar nicht. Hinter dem Kürzel S 63 verbirgt sich eine Tradition, die mit dem AMG-Triebwerk M 156 verbunden ist. Der M 156 ist ein V8 mit 6,208 Litern Hubraum, er wird in diversen Modellen verbaut. In der neuen S-Klasse von AMG arbeitet eine Biturbo-Variante des M 156, die eben mit 5.461 ccm Hubraum auskommt. Hätte Mercedes-Benz dieses Modell nun S 55 genannt, wäre die Verwirrung unter den Kunden groß, denn einen S 55 gab es bereits von 1999 bis 2005. Soweit die Sendung mit dem S.

Hinter dem Steuer oder auch hinter den Vordersitzen werden Erinnerungen wach. Das Leder, die Nähte, das Furnier, die beiden gigantischen Monitore direkt nebeneinander. Der Sound aus der Burmester-Sound-Anlage und so weiter. Eine S-Klasse von AMG ist zwar der Sportler unter den S-Klassen, sie trägt aber keinen einfachen Turnanzug oder ein dröges Sweatshirt. Die Hightech-Über-Drüber-Ausstattung bleibt natürlich an Bord. Das bedeutet, Bodenwellen-Radar, Sekunden-Nickerchen-Warnfunktion, Teil-Alleine-ohne-Fahrer-Fahren, x Assistenten und Helferlein und natürlich die komplette Belegschaft an Masseuren, Hotstone-Heizern, TV-Internet-Video-Hörspiel-Abspielern und so weiter. Das ganze Programm eben. Und oben drauf noch ein Allrad-Antrieb, den es bis dato in einer S-Klasse von AMG noch nie gab. Tusch und Applaus. Wir haben den 4Matic gleich mal ins Unterholz gelenkt und die 585 PS dann wieder zurück auf festen Boden unter den Füßen gelenkt. Es ging gut aber als Dienstwagen für Oberförster ist der S 63 kein Hit. Es mangelt an Bodenfreiheit und anderen Gelände-Talenten. Der Herr Forstrat käme mit dem S 63 besser zurecht, er bestellt den Wald mitsamt Förster einfach in seine Residenz und nutzt den S 63 einfach als sehr schnelle Dienstlimousine.

 

Foto: Mercedes-Benz

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Der Reihe nach. In Salzburg am Flughafen findet man eine Mercedes-Niederlassung und dort wurden uns drei S 63 feilgeboten. Schwarz, Silber und Weiß. Wir wählten die silberne S-Klasse und die wurde mit einem Standard-Antrieb ausgestattet. Plus Burmester und Konsorten. Von Salzburg bis Kitzbühel, über Autobahn, Landstrasse und durch kleinste Dörfer, die 900 Newtonmeter wurden ein paar Mal leicht gefordert. Der Fahrer eines 40-Tonner-LKW fragt sich vermutlich noch heute, seit wann derart große Limousinen per Katapultstart ein Überholmanöver einleiten, wo doch der Gegenverkehr in gefühlt 100 Kilometer Entfernung vor sich hin tuckert. Wir wollten halt mal sehen, spüren und hören, was der S 63 so macht, wenn man seinem Gaspedal kurz ins Kreuz tritt und vorher den Sport-Knopf drückt. Na ja, der Gegenverkehr kam doch recht schnell näher, der LKW flog rechts an uns vorbei und weiter hinten wurde nicht brachial aber doch deutlich hörbar ein V8-Liedchen gesungen. Ein Fazit: Der S 63 geht mächtig los, verkneift sich aber allzu lautes Getöse. Man will den Herrn Forstrat nicht wecken. Vor allem, wenn der gerade heiße Steine im Kreuz hat.

Ein paar Kilometer weiter wurde die Landstraße gestaucht, also seitlich. Kurven nennt man das und der Mercedes mit dem Punch sollte da hurtig durch. Zu Testzwecken versteht sich. Also wieder Sport-Taste drücken, die Paddel unter die Finger und los. Runterschalten, noch mal runterschalten. Es ruckelt kurz und der Gang ist drin. Der digitale Drehzahlzeiger springt nach oben und weiter in Richtung Rotlichtbezirk. Es röhrt weiter hinten, die Seitenbacken der Sitze vorn werden sehr aktiv, die Lenkung wird spürbar direkter und auch härter. Das gleiche gilt für die Federung und der Mercedes springt durch die Kurven, nicht wie ein 3000-Meter-Hindernis-Läufer aus Kenia, aber wie ein sehr agiler und recht stattlicher Zehnkämpfer. Das Hotel in Kitzbühel sieht uns früher als erwartet, ein alter Freund begrüßt uns. Man nennt ihn Rote Sau und das hat nichts mit dem Forstrat und seiner politischen Neigung zu tun.

 

Foto: Mercedes-Benz

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Nach dem Frühstück wählen wir Waldlauf. Das ist gut für die Lunge, schult die Augen und macht Freude. Der 4Matic in Schwarz lässt Sonne und Mutter Natur auf´s Haupt, es gibt ein schickes Schiebedach. Der nächste Feldweg wird erstürmt, am Anfang noch mit Asphalt-Teppich belegt, dann folgt loser Sand und am Ende steht der Schwarze auf Unterholz und den Resten diverser Bäume. Hier endet der Waldlauf und man schaut fragend aus der Wäsche. Wie gesagt, man schult das Auge. Ein paar Fotos, ein paar Meter durchs Gelände. Vorwärts, rückwärts? Erst mal nach vorn und natürlich sachte. Die zwei Tonnen stehen nicht auf grobem Reifenprofil. Also streichelt der Fuß das Pedal, es dreht sich was, der Wagen muckt kurz auf, die Räder drehen sich stärker. Zwei aus dem Quartett greifen ins Leere, die anderen beiden haben Halt und schieben, es dauert aber der Wagen rollt langsam los und steht alsbald wieder auf festem Boden. Ohne Allrad wär´s blöd geworden, wir wären aber sicher nicht mit Standard-Antrieb vom Weg angekommen. Waldlauf beendet, Schuhe versaut und gelernt, dass der S 63 mit Allrad auf losen Untergrund ganz gut zurecht kommt. Aber die großen Vorteile werden bei hohen Geschwindigkeiten in Kurven und bei der Anfahrt im Winter erwartet.

 

Foto: Ralf Bernert

Foto: Ralf Bernert

 

Noch ein Fazit: Der S 63, ob mit oder ohne Allrad-Antrieb, ist die wohl sportlichste Limousine ihrer Klasse. Dass die Ausstattung derzeit das Maß aller Dinge ist, haben wir schon erfahren. Dass nun eine Zufuhr an reichlich Kraft die Limousine zu einem Sportler macht, kann für einige als wenig notwenig gesehen werden. Wir hatten unsere Freude an dem Dynamik-Bonus aus Affalterbach.

Text und Fotos: Ralf Bernert/Mercedes-Benz

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Technische Daten S 63/ (S 63 4Matic) laut Hersteller:
Motor: V8 Biturbo
Hubraum: 5.461 ccm
Leistung: 430 kW / 585 PS bei 5.500 U/min
Drehmoment: 900 Nm bei 2.250 bis 3.750 U/min

Getriebe: 7-Gang-Automatik Speed-Shift
Antrieb: Hinterrad (Allrad)
Maße:
Länge: 5.157 mm (5.287 mm)
Breite: 1.915 mm
Höhe: 1.501 mm (1,499 mm)
Radstand: 3.035 mm (3.165 mm)
Wendekreis: 11,9 m (12,5 m)
Kofferraum: 510 Liter
Tank: 70 Liter

Leergewicht: 1.970 kg (1.995 kg)
Zul. Gesamtgewicht: 2.700 kg (2.725 kg)

Fahrleistungen:
Top-Speed: 250 km/h (abgeregelt)
Top-Speed: 300 km/h ohne Begrenzung
0-100 km/h: 4,4 Sekunden (4,0 Sekunden)

Verbrauch kombiniert: 10,1 l/100 km (10,3 l/100 km)
CO2 kombiniert: 237 g/km (242 g/km)
Effizienzklasse: E (F)

Preis in Deutschland ab: 149.880,50 Euro (?)

 

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